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Jupp Heynckes beendete 1978 seine aktive Laufbahn als Spieler © getty

Der Bayern-Vorstand will die Ära Jürgen Klinsmann hinter sich lassen. Vor allem die vergebenen "Big Points" ärgern die Bosse.

Über den FC Bayern berichtet Matthias Becker

München - Auf dem Höhepunkt eines ereignisreichen Tages versuchte Uli Hoeneß, Manager des FC Bayern München, den Blick schon wieder nach vorne zur richten.

Gerade hatten Hoeneß und seine Vorstandskollegen Karl-Heinz Rummenigge die Entlassung von Jürgen Klinsmann nach einer lediglich 302 Tage währenden Amtszeit erläutert (Bayern feuern Klinsmann), da sollte der alte Mann möglichst keine Rolle mehr spielen.

"Wir sehen jetzt die Chance, mit neuem Schwung noch das Unglaubliche zu schaffen", sagte der Manager des FC Bayern München.

Den neuen Schwung soll Interimstrainer Jupp Heynckes (Das Porträt) gemeinsam mit Assistent Hermann Gerland bringen. Und der soll die Bayern wenn irgend möglich doch noch zur 22. Deutschen Meisterschaft tragen.

Abkehr von den hohen Zielen

Dass dieser Titel von den national erfolgsverwöhnten Bayern als "unglaublich" empfunden werden würde, legt des Ausmaß des Scheiterns von Projektleiter Klinsmann offen ? und es zeigt in welcher prekären Lage sich die Bayern-Bosse nun befinden.

Heynckes und Gerland - sozusagen der doppelte Anti-Klinsmann - stehen für eine vorübergehende Abkehr des Rekordmeister vom Ziel sich von innen heraus zu modernisieren und wieder mit Top-Klubs wie dem FC Barcelona auf Augenhöhe zu agieren.

"Nicht Barcelona ist der Maßstab", gestand Hoeneß auch ein, viel entscheidender sei, dass der Trend seit Weihnachten nach unten gezeigt habe: "Alle wichtigen Spiele, in denen wir Tabellenführer hätten werden können, oder im Pokal, haben wir verloren. Das kann den Vorstand und die Fans nicht zufrieden stellen."

"Keine schmutzige Wäsche waschen"

Man habe sich die Entscheidung zwar nicht leicht gemacht, ergänzte Rummenigge, es sei aber die Zeit gekommen, um die "psychologische Barriere bei Seite zu räumen", die bei der Mannschaft ausgemacht worden sei.

"Wir werden aber jetzt in keiner Weise schmutzige Wäsche waschen", versuchte Rummenigge Klinsmann noch in Schutz zu nehmen.

Bei dieser Aussage dürfte aber auch eine gehörige Portion Selbstschutz mitspielen. Schließlich würden dann auch die Versäumnisse der Klubführung noch stärker in den Fokus rücken.

Leistungszentrum als positives Vermächtnis

Noch nach der Vorstellung am 11. Januar 2008 waren Vorstand und Aufsichtsrat "begeistert und überzeugt" vom Konzept Klinsmanns, wie Rummenigge eingesteht.

Heute fällt dem ehemaligen Weltklasse-Stürmer lediglich das nach Klinsmanns Vorstellung erbaute neue Leistungszentrum des Vereins als positives Vermächtnis der kurzen Amtszeit des ehemaligen Bundestrainers ein.

"Das beste Konzept nutzt nichts, wenn Ergebnisse fehlen", stellte deshalb auch Manager Hoeneß fest: "Wir können nicht drei bis vier Jahre warten."

Hoeneß: Klinsmann-Entlassung "kleine Turbulenzen"

Die Ergebnisse, dafür sind nun vorerst Heynckes und Gerland zuständig, von denen sich Hoeneß, der die Klinsmann-Entlassung bezeichnend nur noch als "kleine Turbulenzen" wahr nahm, eine "Aufbruchsstimmung" erhofft. Schließlich habe man in den letzten Wochen "zu viele Bremsen drin gehabt".

Diese Bremsen sieht Rummenigge nun gelöst. "Ab sofort ist die Mannschaft gefragt, Vollgas zu geben. Für den ein oder anderen war Jürgen immer ein Alibi. Das gibt es jetzt nicht mehr."

Freundschaftsdienst von Heynckes

Kurzzeit-Trainer Heynckes sieht seine Zusage (Rummenigge: "Jupp war sofort bereit, die schwierige Aufgabe zu übernehmen") vor allem als Gefallen für seinen alten Weggefährten.

"Ich tue das für den FC Bayern, der mir das Sprungbrett in den in den internationalen Fußball gegeben hat, und aus Freundschaft zu Uli Hoeneß", sagte Heynckes in einer ersten Stellungnahme der "Rheinischen Post" (Diskutieren Sie mit: Rettet Heynckes die Bayern?).

Dieser Freundschaftsdienst dauert definitiv nur bis Saisonende, ganz gleich, was am Ende dabei herauskommt.

Neuer Trainer soll in Kaderplanung einbezogen sein

Bis dahin haben die Bayern-Verantwortlichen nun Zeit, die Planungen für die kommende Saison und einen weiteren Angriff auf Europas Spitze voran zu treiben.

"Es wäre schön, eine zeitnahe Lösung zu finden, damit der Trainer auch in die Kaderplanung einbezogen werden kann", sagte Rummenigge. Ein Privileg, dass die Bayern Jürgen Klinsmann im vergangenen Jahr nur sehr eingeschränkt zugestanden.

?Drei bis vier Jahre eine Mannschaft aufbauen?

Hoeneß wirkte ob der neu gewonnenen Handlungsfreiheit sogar erleichtert: "Wir wollen einen Trainer der hier auch mal drei bis vier Jahre eine Mannschaft aufbaut."

Der letzte, dem sie diese Aufgabe in München anvertraut haben, hatte zu diesem Zeitpunkt das Trainingsgelände an der Säbener Straße schon lange verlassen.

Aber die dunkle Episode Klinsmann wollen sie bei den Bayern sowieso möglichst schnell hinter sich lassen.

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