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"Wir haben jede Chance genutzt, den Trainer zu halten" - Hoeneß (re.) über Klinsmann © getty

Bayerns Manager präzisiert das Scheitern des Ex-Trainers und gibt selbst Fehler zu. Kurios kommt die Heynckes-Verpflichtung zustande.

Über den FC Bayern berichtetChristian Paschwitz

München - Es wäre fahrlässig gewesen, die Dinge laufen zu lassen.

Und - natürlich - müsse er sich auch den persönlichen Vorwurf gefallen, den falschen Mann für die Trainerbank des FC Bayern verpflichtet zu haben.

Nach dem Rauswurf von Jürgen Klinsmann hat Uli Hoeneß so klar wie nie zuvor eine Mitschuld an der Misere beim Rekordmeister eingeräumt - und Klinsmann zugleich Naivität bei der Herangehensweise an seinen Job vorgeworfen.

"Wenn man nur die Ergebnisse alleine nimmt, kann man sagen, es war ein Fehler", bekannte der Bayern-Manager in der TV-Sendung "Blickpunkt Sport". (Bayern feuern Klinsmann)

Hardware top, Software Flop

"Wir waren von seiner Präsentation, seinen Vorstellungen begeistert." Allerdings: "Jetzt kann man sagen, die Hardware steht - die ist gut. Aber die Software hat nicht das hergegeben, was sie versprochen hat."

Heißt im Klartext: Die Bayern freuen sich über ein neues Leistungszentrum und eine verbesserte Logistik.

Im Kerngeschäft indes, nämlich attraktiven und vor allem erfolgreichen Fußball zu spielen, haben Klinsmann als Vereinstrainer-Novize, sein vielköpfiger Helferstab sowie seine Spieler eindeutig versagt.

Risiko und Mut

Ein Fakt, bei dem sich auch Hoeneß und seine Vorstandskollegen an die eigene Nase fassen müssen.

Gleichwohl verteidigt Hoeneß die Entscheidung, im Januar 2008 das Wagnis der Klinsmann-Verpflichtung eingegangen zu sein: "Wer nichts riskiert kann aber am Ende auch nichts gewinnen. Es war eine mutige Entscheidung."

Eine Entscheidung, die für den Bayern-Macher nun aber auch deshalb nicht mehr tragbar war, weil das Millionen-Ensemble nach dem 0:1 gegen Schalke neben der Meisterschaft selbst das Millionengeschäft Champions League zu verspielen droht.

Heimspiele als Knackpunkt

"Jetzt, wo auch unser Pfund, die Heimspiele angekratzt waren, da musste man sich die Frage stellen, ob es nicht fahrlässig ist, die Dinge laufen zu lassen", sagt Hoeneß.

Und weiter: "Wir haben jede Chance genutzt, den Trainer zu halten. Wir können ihm auch nichts vorwerfen. Er hat immer alles gegeben." Allerdings ohne den erwarteten Ertrag. "Wir waren in der letzten Saison 34 Spieltage Tabellenführer. In dieser Saison waren wir es nie", so Hoeneß.

"Wir haben seit Weihnachten, mit Ausnahme des Pokalspiels in Stuttgart, jedes wichtige Spiel verloren." Womit Hoeneß auch die Unverträglichkeit von Klinsmanns Verständnis seines Jobs und der Münchner Erwartungshaltung einräumt.

Unterschiedliche Auffassung

Denn: Während der geschasste Coach bereits kurz nach seinem Amtsantritt davon sprach, es werde Monate oder gar Jahre dauern, bis man die Ergebnisse seiner Arbeit sehe, widerspricht Hoeneß nun:

"Wenn man glaubt, dass man beim FC Bayern Jahre bekommt, um seine Ideen durchzusetzen, dann zeugt das von einer gewissen Naivität. So etwas kann kein Mensch der Welt sich erlauben."

Dass Klinsmann nach seinem Rauswurf nun eine üppige Abfindung ins Haus steht (angeblich fünf Millionen Euro), ist für Hoeneß dagegen eine Petitesse: "Wir dürfen auch mal mit einer Entscheidung daneben liegen."

"Wir machen 300 Millionen Euro Umsatz, da ist so etwas schon mal möglich. Und wenn wir die Champions-League-Qualifikaton nicht schaffen, können wir uns Klinsmann trotzdem noch fünfmal leisten."

Heynckes umsonst?

Erst mal nichts kosten soll offiziell der bis zum Saisonende angelegte "Feuerwehrmann"-Einsatz von Jupp Heynckes Jupp Heynckes (Das Porträt). "Er liebt den FC Bayern und hat ihm als Trainer alles zu verdanken. Das möchte er jetzt zurückgeben. Wir haben noch nicht einmal über Geld gesprochen", so der Bayern-Manager.

So oder so mutet die Benennung des 63-jährigen Klinsmann-Nachfolgers kurios an. Heynckes, mit den Bayern zwischen 1987 und '91 zweimal Meister, hatte das Wochenende bei Hoeneß am Tegernsee verbracht. Wenige Stunden später war er dann neuer Bayern-Coach.

"Das war reiner Zufall", so Hoeneß. Vor sechs Wochen habe man bei einer unverhofften Zusammenkunft mit gemeinsamen Freunden in Bochum vereinbart, "dass wir uns am Tag vor dem Schalke-Spiel zum Abendessen am Tegernsee treffen."

"Überhaupt nicht darüber nachgedacht"

Dort soll ein Engagement keineswegs zur Sprache gekommen sein. "Wir haben am Abend beim Essen bis um halb drei nachts diskutiert und überhaupt nicht darüber nachgedacht, dass der Jupp derjenige sein könnte", sagt Hoeneß.

Wenige Stunden später taten es die Bayern-Bosse dann sehr wohl. Um 19 Uhr soll Heynckes gefragt worden sein, ob er sich vorstellen könne, das Ruder zu übernehmen. (Diskutieren Sie mit: Rettet Heynckes die Bayern?)

Hoeneß schildert es so: "Als Jupp Heynckes in seine Heimat Düsseldorf fliegen wollte, habe ich ihn gefragt: Sag mal, wenn alle Stricke reißen, kannst du dir das vorstellen? Dann hat er gesagt, Nein eigentlich nicht. Aber wenn ihr mich haben wollt, dann überleg ich mir das gründlich."

Rückruf nach fünf Minuten

Heynckes überlegte es sich zudem schnell, wie Hoeneß durchblicken lässt: "Wir haben diese Lösung dann im Vorstand diskutiert Dann hat der Karl-Heinz Rummenige (Bayern-Vorstandschef, Anm. d.Red.) ihn angerufen. Er hat gesagt, er überlegt sich das fünf Minuten. Dann hat er zurückgerufen und hat gesagt: Ich mach das."

Planspiele "nur über junge Leute wie Mehmet Scholl oder über Kandidaten wie Hermann Gerland oder Paul Breitner" waren laut Hoeneß zuvor rasch verworfen worden.

"Wir haben über einen Jungen diskutiert. Aber dann kam gleich der Einwand, dann haben wir wieder einen ohne Erfahrung. Bei Jupp gab es gleich Konsens. Er ist ein Fußball-Lehrer, der technisch und taktisch alles drauf hat."

Dem Vorwurf, (noch einmal) fahrlässig gehandelt zu haben, will sich Hoeneß nicht aussetzen.

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