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Thomas Gerstner war zuletzt als Co-Trainer bei Sturm Graz angestellt © imago

Bielefelds Trainer Thomas Gerstner spricht über die Leistungsdichte im Kader und über den Trubel bei der Arminia.

Von Robert Gherda

München - Als Thomas Gerstner sein Traineramt im Juni antrat, hatte Arminia Bielefeld turbulente Zeiten hinter sich.

Der Frontzeck-Entlassung einen Spieltag vor Ende der vergangenen Saison und dem Abstieg aus der Bundesliga folgten eine stürmische Mitgliederversammlung und Präsidiumsneuwahlen.

Dennoch versprühte der Trainer bei seiner Vorstellung Euphorie und gab den sofortigen Wiederaufstieg mit einer runderneuerten Mannschaft als Ziel aus.

Im Sport1.de-Interview spricht Gerstner über die bisherige Vorbereitung, den Trubel der letzten Monate bei der Arminia und die Leistungsdichte im Kader.

Sport1.de: Herr Gerstner, Ihr erster Monat als Bielefeld-Coach liegt hinter Ihnen. Was ist Ihnen aufgefallen?

Thomas Gerstner: Wir sind absolut im Soll. Wir haben das abgearbeitet, was wir uns vorgenommen hatten und haben wenige bis keine Verletzte. Alle ziehen super mit und sind hochkonzentriert bei der Sache. Allerdings muss man aus den Köpfen rauskriegen, dass defensiv spielen in der Zweiten Liga nicht mehr so gefragt ist. Wir wollen in der kommenden Saison offensiver spielen. Aber das dauert natürlich seine Zeit.

Sport1.de: Wie weit ist Ihre Mannschaft bis jetzt? Die Testspielbilanz ist eher durchwachsen...

Gerstner: Die Mannschaft ist momentan bei vielleicht 80 Prozent, aber man muss auch festhalten, dass wir bisher noch nie mit unserer Stammformation aufgelaufen sind. Ergebnisse sind momentan zweitrangig. Es geht vielmehr darum, das umzusetzen, was im Training einstudiert wurde. In den ersten drei Wochen haben wir jeden Ball im Training nach vorne gespielt. Das hat dann im Spiel die Wirkung, dass es in der Offensive ganz nett aussieht, aber die Abwehrarbeit komplett vernachlässigt wird.

Sport1.de: Welchen Eindruck haben Sie von der Mannschaftsdichte bis jetzt?

Gerstner: Einen wirklich sehr guten. Der Kader ist wirklich so ausgeglichen, dass wir im Prinzip auf jeder Position zwei Leute haben, die annähernd gleichwertig sind. Ich habe die Qual der Wahl, aber das ist eher ein Luxusproblem.

Sport1.de: Mit Wichniarek, Tesche oder Marx haben Leistungsträger den Verein verlassen. Können Sie die Entscheidung der Spieler verstehen oder ist das in Ihren Augen Fahnenflucht?

Gerstner: Nein, ich kann das schon sehr gut verstehen. Ich war ja auch mal Spieler und jeder versucht, so hoch wie möglich zu spielen. Wenn man noch die Chance auf die Bundesliga hat, muss man das versuchen. Natürlich sind das für uns sportliche Verluste, aber wir versuchen diese durch unsere Neuzugänge zu kompensieren. Vielleicht haben wir dann kommende Saison dann keinen Spieler wie Wichniarek, der für 20 Tore gut ist, aber wir verteilen die Last auf mehrere Schultern, was auch Vorteile hat. Ohnehin ist mir eine gewisse Qualität in der Breite lieber.

Sport1.de: Giovanni Federico, Michael Delura oder Pavel Fort sind nur drei Ihrer Neuzugänge. Wie haben sich die Neuen ins Team integriert?

Gerstner: Sehr gut. Nicht nur die drei genannten, auch Arne Feick, Kasper Risgaard oder Nils Fischer. Das sind alles Spieler, die absolute Qualität haben und zudem auch charakterlich voll hier reinpassen.

Sport1.de: Bei Ihrer Vorstellung haben Sie ja bereits angekündigt, unbedingt aufsteigen zu wollen. Ist der Kader dazu in der Lage?

Gerstner: Die Kaderplanungen sind noch nicht abgeschlossen. Wir sind nach wie vor dabei, mit zwei, drei Kandidaten in Kontakt, aber die wirtschaftliche Situation hier in Bielefeld lässt natürlich auch keine zu großen Sprünge zu. Wir hoffen natürlich auch ein wenig auf die Bielefelder Wirtschaft auf eine gewisse Unterstützung, wenn sie merkt, dass hier ein Konzept greift.

Sport1.de: Verspüren Sie dennoch Druck, aufsteigen zu müssen?

Gerstner: Nein, überhaupt nicht. Alle hier freuen sich auf jedes Training und von Druck auf meine Person kann gar keine Rede sein. Natürlich ist die Erwartungshaltung groß, aber wer damit nicht umgehen kann, sollte sich einen anderen Beruf suchen. Dann hätte ich auch als Co-Trainer in Graz bleiben können, wo dann andere in der Verantwortung stehen und ich meine Ruhe gehabt hätte. Ich sehe Bielefeld einfach als super Chance für mich.

Sport1.de: Wie haben Sie den Trubel in den letzten Monaten mit der Frontzeck-Entlassung und Präsidiumsneuwahlen erlebt?

Gerstner: Es geht immer etwas turbulenter zu, wenn eine Mannschaft absteigt. Da ist es doch völlig normal, dass viele Halbwahrheiten und Wahrheiten auf den Tisch kommen. Aber das kann auch positive Seiten haben. So ein Reinigungsprozess ist manchmal auch einfach nötig. Keiner kann einen Abstieg gutheißen, aber wenn der Klassenerhalt noch geschafft worden wäre, wäre vieles wieder unter den Teppich gekehrt worden. Im Verein hätte es dann keinerlei Veränderungen gegeben, was letztlich auch keinem weiterhilft.

Sport1.de: Der Wirbel hat also keinerlei Auswirkungen auf Ihre Arbeit?

Gerstner: Im Gegenteil. Wir haben jetzt eine Aufbruchstimmung. Zum Trainingsauftakt waren fast 1000 Leute hier und auch seitdem sind bei jedem Training immer etwa 100 Zuschauer. Wir spüren großen Rückhalt bei den Fans und jetzt gilt es einfach, unsere Ankündigung von schönem Offensivfußball in die Tat umzusetzen, dann sind alle glücklich.

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