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Die Mannschaft von Arminia Bielefeld steht vor einer ungewissen Zukunft © getty

Die Mitglieder der klammen Arminia müssen sich am Abend selbst entmachten, um ihren Klub vor der Insolvenz zu bewahren.

München/Bielefeld - Es ist "eine Minute vor zwölf" bei Arminia Bielefeld. So sieht der designierte Präsident Wolfgang Brinkmann die finanzielle Lage des Klubs.

Und an diesem Mittwochabend gilt es für die Ostwestfalen zu verhindern, dass der Zeiger noch weiter rückt.

In einer außerordentlichen Mitgliederversammlung soll ein entscheidender Schritt vollzogen werden, um den Bundesliga-Absteiger vor der drohenden Insolvenz zu bewahren.

Und damit vor dem Horror-Szenario, dass "es in Bielefeld für sehr lange Zeit keinen Profifußball mehr geben" wird, so Brinkmann.

12 Millionen Euro Bedarf

Seit Wochen jagt eine Hiobsbotschaft bei der Arminia die nächste, scheibchenweise wurde das Ausmaß der finanziellen Notlage der Arminia bekannt.

Aus einer Unterdeckung von 2,5 Millionen Euro im Februar wurde nun plötzlich ein Liquiditätsbedarf von 12 Millionen Euro.

"Diese Zahl hat uns erschlagen", sagt Brinkmann: "Alleine können wir die Rettung nicht schaffen."

Sollten die Bielefelder das Geld nicht bis zum 2. Juni auftreiben, erhalten sie keine Lizenz. Und dies wäre gleichbedeutend mit der Insolvenz.

Selbstentmachtung zur Selbsterhaltung

Eine Satzungsänderung soll nun den Weg frei machen für den Einstieg großer Firmen aus der Region.

Die Mitglieder müssen sich zur Rettung ihres Klub selbst entmachten, die Satzungsänderung sieht nämlich vor, dass sie künftig das Präsidium des Vereins nicht mehr direkt wählen.

Stattdessen sollen sie nur noch über den Verwaltungsrat abstimmen, der dann das Präsidium wählt.

Konsequenz aus dem Chaos

Die Reform ist die Konsequenz aus der chaotischen Mitgliederversammlung im Vorjahr, in der Präsident Hans-Hermann Schwick eigentlich sein Amt abgeben wollte - weil die turbulente Versammlung zwei Nachfolgekandidaten verschliss.

Nun gilt aber auch Schwicks Präsenz als Hindernis für einen Einstieg regionaler Unternehmen.

Brinkmann soll am 6. Juni zu seinem Nachfolger gewählt werden.

Die Kommune ist selbst in Nöten

Der designierte Arminia-Boss, seit 15 Jahren Chef der Stadtwerke, fleht aber schon jetzt die Stadt um Hilfe gegen die finanzielle Misere an.

Drei Millionen kann die Arminia an Eigenleistung erbringen, drei weitere kämen nach der Satzungsänderung wohl aus der Wirtschaft, die fehlenden sechs soll die Stadt beisteuern.

Dabei plagt die Kommune ein Haushaltsdefizit von 150 Millionen Euro, 40 Millionen sollen in diesem Jahr eingespart werden. "Bielefeld wäre nicht die erste Stadt in Nordrhein-Westfalen, die zu ihrem Verein steht", sagt Brinkmann und nennt die Beispiele Gelsenkirchen und Aachen.

Oberbürgermeister Peter Clausen (SPD) signalisierte bereits Gesprächsbereitschaft, ohne jedoch Zahlen zu nennen.

Steuerzahler-Bund empört

Am 27. Mai soll es eine Sondersitzung des Stadtrats geben, der sich derzeit auch jede größere Ausgabe von der Bezirksregierung absegnen lassen muss.

Denkbar wäre laut Brinkmann, dass die Stadt oder eine ihrer Tochterfirmen das Stadion oder Teile davon erwerben könnten. Die Stadt könne allerdings "nicht der alleinige Problemlöser sein", erklärte Clausen.

Dagegen kritisierte der Bund der Steuerzahler (BdSt) ein etwaiges Eingreifen der Kommune bereits im Voraus. Es sei nicht Aufgabe einer Stadt oder städtischer Unternehmen, einen Profiverein zu subventionieren, sagte BdSt-Mitglied Heinz Wirz.

Clausen will jedoch die Bürger überzeugen, "dass das Geld der Stadt nicht dafür genutzt wird, Spielergehälter zu bezahlen".

Brinkmann gibt Fehler zu

Die Gründe für die unerwartete Misere liegen laut Brinkmann in der "nicht optimal gelaufenen" Finanzierung der Osttribüne - im Vorjahr für 19 statt geplanten 8 Millionen Euro ausgebaut, aber meist nahezu leer - und einer "zu optimistischen Budgetplanung für die Saison".

Der 65 Jahre alte Brinkmann ist dabei als stellvertretender Chef des Aufsichtsrats mitverantwortlich für die Probleme.

"Ich gebe zu, Fehler gemacht zu haben und ich gebe zu, dass man die Geschäftsführung noch härter hätte kontrollieren müssen", sagt er.

Personeller Aderlass

Doch einige Weltunternehmen aus Ostwestfalen (Gerry Weber, Schüco, Oetker) scheinen zur Hilfe bereit, Zwangs-Verkäufe von Spielern sollen mindestens zwei Millionen Euro bringen.

Im Schaufenster stehen unter anderem Leistungsträger wie Torhüter Dennis Eilhoff, Abwehrchef Andre Mijatovic oder die Stürmer Chris Katongo und Pavel Fort.

Dieses Quartett soll immerhin 6,7 Millionen Euro wert sein. Um den Aufstieg spielen könnte die Arminia dann im nächsten Jahr aber wohl kaum.

Bereits in dieser Saison war Bielefeld wegen Verstoßes gegen die Lizenzbestimmungen mit dem Abzug von vier Punkten und einer Geldstrafe in Höhe von 50.000 Euro bestraft worden.

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