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Das Service-Center des FC Bayern wurde von Farbbeuteln getroffen. Quelle: matchit PR © SPORT1

Die Rettung von 1860 München ist weiter offen. Auch ein Farbanschlag auf den Erzrivalen und Vorwürfe an Stevic sorgen für Unruhe.

Von Matthias Becker

München - Kein Tag ohne neue Hiobsbotschaft.

Nein, es geht nicht um das dem Untergang entgegen schlingernde Atomkraftwerk im japanischen Fukushima.

Und was sich beim TSV 1860 München abspielt, ist weder lebens-, gesundheits- noch umweltgefährdend.

Den lokalen Gazzetten liefern die "Löwen" dieser Tage aber mindestens genauso viel Schlagzeilenmaterial.

Als Präsident Dieter Schneider am Montagmorgen in der "Abendzeitung" bestätigte, dass 1860 die März-Gehälter seiner Profis nicht bezahlen kann, kam das kaum noch überraschend.

"Die Gehälter werden wir erst zahlen, wenn wir eine Lösung für unsere Probleme gefunden haben. Das eine bedingt das andere", erklärte Schneider.

Doch können die Probleme überhaupt gelöst werden? Wie geht es weiter mit den Sechzigern? SPORT1 blickt auf die fünf Brennpunkte bei 1860:

Wie sicher ist die Rettung?

Ende vergangener Woche zeigten sich Präsident Schneider und Geschäftsführer Robert Schäfer vorsichtig optimistisch, dass die finanzielle Rettung in bis Anfang April gelingen kann.

Das angeblich bereitstehende Rettungspaket soll über die benötigten acht Millionen Euro hinausgehen und von einem Banken-Konsortium und einem ausländischen Investor getragen werden - mit Unterstützung des Erzrivalen FC Bayern.

Der Durchbruch steht aber offensichtlich noch aus. Am Montag gibt es weitere Gespräche, um 18 Uhr tagt der Aufsichtsrat der "Löwen". Die müssen bis Donnerstag zumindest einen konkreten Plan vorweisen. Es wird wohl eine Zitterpartie.

Die Spaltung des Fanlagers

Während viele um das Überleben der Sechziger im Profi-Fußball zittern, gibt es auch die Gegenströmung. Sowohl die Gruppe "Pro1860" als auch die im Internet anonym agierende "Fanszene 1860" spricht sich für eine Pleite des Klubs - und die Rückkehr ins Amateurlager - aus.

"Der Verein ist am Ende und wird nur noch künstlich am Leben erhalten", behauptet die "Fanszene" in ihrer Petition. Die Sanierungsbemühungen dienten nur den Gläubigern. Eine Existenzverlängerung sei "lediglich eine weitere Leidensverlängerung für alle Fans und Mitglieder" schreibt "Pro1860".

Eine Insolvenz wäre mit der Rückstufung der "Löwen" - vermutlich wie schon 1982 in die Bayernliga - verbunden. Ein großes Ziel von "Pro1860"-Mitgliedern, der Auszug aus der Allianz Arena und die Rückkehr ins traditionsreiche Grünwalder Stadion, würde dadurch näher rücken.

Paradoxerweise wird das Rund, im Volksmund "Sechzger-Stadion" genannt, 2012 aber renoviert, um es drittligatauglich zu halten. Ein Ausweichen auf Dorfsportplätze in der Münchner Peripherie oder ins Stadion der SpVgg Unterhaching könnte die Folge sein.

Bayern erstatten Anzeige

Neben Petitionen und Plakaten ("Lieber Pleite als 'rotes' Geld") greifen einige "Fans" von 1860 offenbar aber auch zu handfesten Maßnahmen.

Am frühen Samstagmorgen wurde ein Farbbeutelanschlag auf das Service-Center des FC Bayern verübt (Bild). Der Rekordmeister erstatte Anzeige wegen Sachbeschädigung, die "Löwen-Verantwortlichen entschuldigten sich umgehend.

Das und die teils wüsten Beschimpfungen von Sanierer Schäfer bei der Mitgliederversammlung der Fußballabteilung am Sonntag bereiten Präsident Schneider zusätzliche Sorgen. "Natürlich beobachten unsere Verhandlungspartner sehr genau, wie die Fanszene reagiert. Wenn es absolut militant wird, erschwert das schon die Gespräche", sagte Schneider dem "Münchner Merkur".

Eine Demonstration von 150 Befürwortern der Rettung am Samstag ging im Regen und der Aufregung um den Farbanschlag fast unter.

Was passiert nach einer Pleite?

Schon im Oktober wurden den Sechzigern zwei Punkte wegen Verstößen gegen die Lizenzierungsordnung abgezogen. Müssten sie während der Saison Insolvenz anmelden, würde ihnen entsprechend Paragraf 11 der DFL-Lizenzordnung weitere neun Zähler abgezogen (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle).

Damit hätte 1860, derzeit mit 40 Punkten Tabellenachter, gute Chancen, den Klassenerhalt sportlich trotzdem zu bewerkstelligen. Da die insolventen "Löwen" aber sicherlich keine Lizenz für die kommende Spielzeit bekommen würden, müssten sie im Amateurbereich wieder neu beginnen.

Dritte Liga und Regionalliga verfügen ebenfalls über ein Lizenzierungsverfahren, der Neustart in der inzwischen fünftklassigen Bayernliga wäre wahrscheinlich.

Was wird aus der sportlichen Führung?

Über die Zukunft von Trainer Reiner Maurer, der aus Sechzig zumindest einen soliden Zweitligisten ohne Abstiegssorgen gemacht hat, ist schon länger ungewiss. Sportdirektor Miroslav Stevic äußerte sich schon häufiger kritisch über den Coach.

Viel mehr Aufregung gibt es aber um die Person Stevic selbst. Der soll einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" zufolge private und berufliche Geschäfte verquickt haben und deshalb vor der Ablösung stehen.

Verhältnismäßig hohe Gehälter und angeblich enge Verbindungen zur Beraterfirma seines Trauzeugen Nikola Damjanac werden als Gründe genannt. Auch die Verpflichtung von Necat Aygün, die der Spieler selbst der "SZ" gegenüber als "Freundschaftsdienst" bezeichnet, ließ aufhorchen.

"Ich besiege meine Gegner mit Fakten", erklärte Stevic trotzig und bereitet nach eigenen Angaben inzwischen eine Klage gegen die Zeitung vor. Bei der Aufsichtsratssitzung am Montag soll es nicht um die Trennung vom Ex-Profi gehen.

"Dass das schon beschlossene Sache sein soll, ist Blödsinn. Es gibt darüber noch keine Entscheidung", sagte Präsident Schneider der "tz". Dass Stevic noch lange als Sportdirektor wirken darf, ist trotzdem sehr unwahrscheinlich.

Zerfällt die Mannschaft?

Schon in den letzten Jahren verscherbelte 1860 immer wieder sein Tafelsilber - die zahlreichen Talente aus der vorzüglichen Jugendabteilung des Vereins. Lars und Sven Bender, Moritz Leitner und Peniel Mlapa, um nur einige zu nennen, wurden abgegeben, um das finanzielle Überleben zu sichern.

Gehen die "Löwen" insolvent, werden die Profi-Verträge der jetzigen Spieler hinfällig. Die unsichere Lage dürfte aber dazu führen, dass die Leistungsträger sich bereits nach Alternativen umsehen.

Torjäger Benny Lauth hat sich bereits mit dem Mainzer Trainer Thomas Tuchel getroffen. Der 18 Jahre alte Kevin Volland (fünf Saisontore) wurde bereits an 1899 Hoffenheim transferiert - nach jetzigem Stand für 2012. Auch Stefan Aigner stand schon mehrmals bei anderen Klubs auf dem Zettel.

Selbst wenn den "Löwen" die Rettung gelingt, die Gehälter werden zwangsläufig sinken. Und damit auch die Hoffnungen auf die Wiederkehr großer sportlicher Zeiten.

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