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Torsten Lieberknecht ist seit 2008 Trainer von Eintracht Braunschweig © getty

Braunschweig-Trainer Lieberknecht spricht bei SPORT1 über die Vorbereitung, sein junges Team und die Partien gegen München.

Von Benjamin Bauer

München - Eintracht Braunschweig kehrt nach fünf Jahren in die Zweite Liga zurück (DATENCENTER: Zweiltliga-Spielplan 2011/12).

Nach einer überragenden Drittliga-Saison hatte die Elf von Torsten Lieberknecht bereits sechs Spiele vor Ende den Aufstieg in Liga Zwei perfekt gemacht.

Trainer Torsten Lieberknecht hat einen großen Anteil am Erfolg. Im SPORT1-Interview spricht er über die Vorbereitung, sein junges Team, die DFB-Pokal-Partie gegen den FC Bayern und wie er den Verlust von Offensivakteur Karim Bellarabi auffangen will.

SPORT1: Herr Lieberknecht, ihr Trainerkollege Funkel hat den frühen Saisonstart mit dem Wort "Scheiße" betitelt. Wie finden Sie es denn, dass es am Wochenende bereits losgeht?

Torsten Lieberknecht: Das muss man differenziert sehen. Wir konnten uns durch den frühzeitigen Aufstieg bei der Trainingsplanung schon Gedanken machen, was die Vorbereitung angeht. Für Mannschaften wie Bochum war es mit Sicherheit sehr früh. Vielleicht wäre eine Woche Sommerpause mehr auch okay gewesen, aber wir konnten uns im Endspurt der Dritten Liga, als bereits klar war, dass wir aufgestiegen sind, schon mit der Regeneration beschäftigen. Deswegen hat uns das nicht so getroffen wie andere Vereine. Aber ich kann den Trainerkollegen schon verstehen.

SPORT1: Eine Woche mehr hätten Sie noch gern gehabt: Heißt das, die Mannschaft ist noch nicht fit?

Lieberknecht: Nein, die Mannschaft wird am Sonntag in einem sehr guten Zustand sein. Der nächste Schritt ist dann, dass man in einen Spiel- und Saisonrhythmus kommt.

SPORT1: Wo sehen Sie die größten Unterschiede zwischen der Dritten und der Zweiten Liga?

Lieberknecht: Für uns, obwohl wir hier zuhause auch des Öfteren Zweitliga-Atmosphäre haben, wird es wichtig sein, dass die Spieler sich an diese Atmosphäre mit der größeren Medienpräsenz und der größeren öffentlichen Wahrnehmung gewöhnen. Außerdem werden die Spiele öfter individuell entschieden werden, weil einfach mehr Qualität vorhanden ist

SPORT1: Bei den Spielern muss zu Beginn also ein Lernprozess einsetzen: Sehen Sie darin eine Gefahr?

Lieberknecht: Nein, denn das gehört mit zur Entwicklung meiner Mannschaft, weil wir nun einmal sehr jung aufgestellt sind. Trotzdem haben wir auch wettkampferfahrene Spieler dabei, die mit solchen Atmosphären umgehen können. Aber das ist ein Entwicklungsschritt, den die Jungs gehen müssen und werden! Wir haben das auch bei unserer Kader-Zusammenstellung mit einberechnet und diesen Punkt wollen wir schnellstmöglich ins Positive umkehren.

[kaltura id="0_cr36yc33" class="full_size" title="Jede Menge Kult f r Liga zwei"]

SPORT1: Ihr Team hat insgesamt 215 Zweitliga-Spiele, davon haben allein Dennis Kruppke, Oliver Petersch und Steffen Bohl 163. Reicht die Erfahrung der Mannschaft?

Lieberknecht: Darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Ich glaube, dass wir als Team im vergangenen Jahr schon eine sehr ordentliche Leistung gezeigt haben. Wir fangen viel im Kollektiv auf und darum scheuen wir uns auch nicht, Jungs zu bringen, die aus der Oberliga kommen, ob sie jetzt viel Erfahrung haben oder weniger.

SPORT1: Bei den Neuzugängen haben Sie mit Pierre Merkel, Marcel Correia und den Korte-Zwillingen auch Oberliga-Spieler geholt. Reicht das und welche Philosophie verfolgen Sie damit?

Lieberknecht: Als wir vor drei Jahren angefangen haben, standen wir unter extremem finanziellen Zwang, diesen Weg zu gehen. Die Leute hatten es auch satt, Spieler präsentiert zu bekommen, die nicht das gehalten haben, was ihre Namen versprochen haben, weil die Erwartungshaltung auch sehr hoch war. Darum haben wir uns auf die Fahne geschrieben, einen anderen Weg gehen zu wollen. Diesen haben die Fans, nach anfänglicher Skepsis, total mitgetragen und sind mittlerweile so euphorisch, dass wir schon 13.000 Dauerkarten verkauft haben. Das ist unsere Philosophie: Talentierten Spielern , die wir entdeckt haben, eine Chance zu geben. So wie im letzten Jahr bei Karim Bellarabi, der aus der Oberliga kam und jetzt in die Bundesliga zu Bayer Leverkusen gewechselt ist. Das Grundgerüst der Mannschaft muss stimmen. Das war letztes Jahr so und das wird - davon bin ich überzeugt - auch dieses Jahr so sein. Auch wenn die eine oder andere Niederlage mehr dazu kommen wird als im letzten Jahr, in dem wir wirklich eine absolute Traumsaison gespielt haben und von Verletzungen verschont wurden. Deswegen mache ich mir darüber keine Gedanken, ob wir genug Erfahrung haben. Ich bin überzeugt von den Spielern die hier sind, die geholt wurden und die das Potenzial haben, sich weiter zu entwickeln.

SPORT1: Der Weggang von Karim Bellarabi hinterlässt eine Lücke. Wie werden Sie diese schließen?

Lieberknecht: Ihn als Einzelspieler kannst du nicht ersetzen, weil er eine Art Fußball spielt, die nicht alltäglich ist. Deshalb ist nicht nur Leverkusen auf ihn aufmerksam geworden, sondern auch andere Vereine. Wir werden ihn mit seiner individuellen Klasse nicht ersetzen können, also werden wir versuchen, unsere rechte Seite neu zu besetzen. Da haben wir mehrere Optionen, Oliver Petersch, der aus Oberhausen gekommen ist, zum Beispiel. Er ist jemand, der die Seite mit seiner Art neu bespielen kann. Mit den Korte-Zwillingen haben wir zwei Spieler aus der Oberliga geholt, die beide über eine hohe Spielintelligenz und Spielwitz verfügen und das spielen können. Und noch andere wie Julius Reinhardt, der letztes Jahr diese Position schon überzeugend gespielt hat.

SPORT1: Haben Sie ihre Startformation für Sonntag denn schon im Kopf?

Lieberknecht: Noch wechselt sie ab und an, weil ich mir wirklich immer mindestens bis zum Tag vorher alle Optionen offen lasse. Ein Grundgerüst habe ich im Kopf, wen ich wo sehe. Es gibt Spieler, die man durchaus als gesetzt sehen kann, mit Marjan Petkovic, Matthias Henn oder Dennis Kruppke und Domi Kumbela. Darum herum kann und wird sich auch immer wieder etwas ändern.

SPORT1: Zum Beispiel die Option, Mathias Fetsch gegen die alten Kameraden von 1860 aufzubieten?

Lieberknecht: Nicht nur weil wir gegen die Sechziger spielen, sondern weil Mathias Fetsch wirklich eine sehr gute Entwicklung genommen hat. Er hat vergangenes Jahr in der Dritten Liga angefangen, kam dort zwar oftmals nur als Einwechselspieler zum Einsatz, hat aber auch schon das eine oder andere Spiel von Anfang an gemacht. Dort hat er gute Leistungen gebracht und war vor allem immer da, wenn es wichtig war, Tore zu schießen. Außerdem war er dieses Jahr in der Vorbereitung der Treffsicherste und ist deshalb mehr als eine Option.

SPORT1: Im DFB-Pokal geht es in der 1.Runde gegen den FC Bayern München. Mussten Sie die Spieler daran erinnern, dass die Priorität auf der Liga liegt?

Lieberknecht: Es war definitiv so, dass sich am Tag der Auslosung und auch danach viel um dieses Spiel gedreht hat. Das ist auch menschlich. Aber wir haben dann spätestens am dritten Tag innerhalb der Mannschaft besprochen, dass wir dieses Spiel sofort ad acta legen und uns auf 1860 München und Alemannia Aachen zum Start der Zweiten Liga konzentrieren. Die Jungs sollten auch alle Anfragen, was Kartenwünsche angeht, sofort blockieren und sich damit erst beschäftigen, wenn es so weit ist. Das ist innerhalb der Mannschaft sehr gut umgesetzt worden und das Spiel spukt sicher nicht mehr in den Köpfen herum. Das wird ein Thema sein, wenn wir eine Woche vor diesem Spiel stehen. Allein die Namen 1860 München und Alemannia Aachen bringen Abwechslung in die Birne der Spieler.

SPORT1: Trauen Sie dem Team eine ähnliche Saison wie Erzgebirge Aue in der vergangenen zu?

Lieberknecht: Es gibt jedes Jahr so eine Überraschungsmannschaft, es hat sich aber in den letzten Jahren trotzdem eher in Grenzen gehalten. Fakt ist, dass außer Osnabrück, die wieder abgestiegen sind, jeder Drittliga-Aufsteiger eine ordentliche Saison gespielt hat. Das traue ich uns auf jeden Fall zu. Wir haben definitiv ein gesundes Selbstvertrauen, ohne dass wir uns da auf eine rosa Wolke schießen müssen und können sagen, dass wir mit Sicherheit in der Lage sind, Spiele zu gewinnen.

SPORT1: Welche Teams steigen auf und wo landet die Eintracht?

Lieberknecht: Wir haben uns die Marke 40+ gesetzt. Dass wir um den Klassenerhalt spielen, ist selbstverständlich, das muss man nicht sagen. Mit 40+ weiß man, dass man auf jeden Fall etwas erreicht hat und man lässt sich auch das eine oder andere nach oben offen. Wir wollen uns etablieren, das ist wichtig. Wenn man rein vom Budget ausgeht, gibt es natürlich Mannschaften wie Eintracht Frankfurt, MSV Duisburg und Bochum, die mit Sicherheit absolut zum Kreis der Aufstiegskandidaten gehören. Dann hast du natürlich immer noch Vereine wie 1860 München, Alemannia Aachen und Greuther Fürth, die als Geheimfavoriten gezählt werden.

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