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Claus-Dieter Wollitz feierte 1987 sein Bundesligadebüt als Spieler für Schalke 04 © getty

Cottbus-Coach Claus-Dieter Wollitz hält vor dem Spiel in Bochum bei SPORT1 ein Plädoyer für die geleistete Arbeit bei Energie.

Von Reinhard Franke

München - Claus-Dieter Wollitz ist ein Kind der Bundesliga, doch er weiß, dass Fußball nicht alles ist. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Privat musste er die wohl schlimmste Krise meistern, als seine Tochter Natalie behindert zur Welt kam, sie muss gepflegt werden.

Wollitz arbeitet als Trainer bei Energie Cottbus, seine Frau und die drei Töchter wohnen in Osnabrück, oft muss er muss die Entfernung von 509 Kilometern zurücklegen.

Sportliche Krisen rücken da fast ein wenig in den Hintergrung. Trotzdem hält Wollitz vor dem Spiel Spiel in Bochum (ab 19.45 Uhr LIVE im TV auf SPORT1 und LIVE-TICKER) und nach nur vier Punkten aus den letzten sieben Spielen im SPORT1-Interview ein flammendes Plädoyer für seine Mannschaft und die geleistete Arbeit.

SPORT1: Herr Wollitz, zuletzt hatten Sie starke Bandscheibenschmerzen. Wie geht es Ihnen?

Claus-Dieter Wollitz: Alles gut. Ich habe zurzeit keine Probleme mit der Bandscheibe.

SPORT1: Die sportliche Situation dürfte Ihnen aber Kopfschmerzen bereiten. Was sind die Gründe für die sportliche Talfahrt bei Energie?

Wollitz: Wenn ein Verein wie wir Spieler wie Nils Petersen, Emil Jula, Jiayi Shao verliert, die sehr viele Tore erzielten, Automatismen hatten und Persönlichkeiten auf dem Platz waren, dann ist das schwierig zu ersetzen. Bis zum Frankfurt-Spiel (3:3) waren wir ganz gut unterwegs, dann verletzte sich Dennis Sörensen und unser Abwehrchef (Markus Brzenska, Anm. d. Red.) fehlte bereits seit dem zweiten Spieltag. Wir reden also von fünf bis sechs Topspielern, die wir durch Abgänge und Verletzungen verloren haben. Und jetzt sind wir in einem Fahrwasser, das nicht unseren eigenen Erwartungen entspricht. Allerdings konnte es von Beginn an nicht unser Anspruch sein, um den Aufstieg mitzuspielen. Dazu haben wir zu viel Substanz eingebüßt.

SPORT1: Stört Sie die Erwartungshaltung der Fans?

Wollitz: Träume, die Hoffnung und den Wunsch hat ja jeder. Am Ende des Tages ist aber die Frage, ob das realistisch ist oder nicht. Egal, wer das macht und wer in der Verantwortung steht, als Außenstehender würde ich sagen: 'ich bin mal gespannt, wie die das meistern wollen.' Jeder, der die Zusammenhänge versteht, sagt 'ich möchte deinen Job nicht machen.' Ich mache den aber, weil es eine Herausforderung ist. Ich habe immer gesagt, dass es kritisch werden kann. Und wenn man nach Verantwortlichen sucht, bin ich es. Kein Problem.

SPORT1: Woher nehmen Sie diese Gelassenheit?

Wollitz: Das kann ich Ihnen sagen. Weil ich das von Anfang an realistisch angegangen bin und eingeschätzt habe. Wir sind noch kein Spitzenteam, deshalb gehe ich mit Rückschlägen um. Natürlich müssten wir fünf, sechs Punkte mehr haben, aber es gibt auch negative Phasen in einem Fußballerleben. Nur, wer in Niederlagen Größe zeigt, wird aus so einer Situation wieder rauskommen.

SPORT1: Sie sprachen von einem Konzept in Cottbus, was die leidenschaftliche Art des Fußballs, das positive Auftreten des FC Energie in den vergangenen zweieinhalb Jahren beinhaltet. Hat das Konzept einige Kratzer bekommen?

Wollitz: Was die Ergebnisse betrifft ja. Aber das ist die oberflächliche Betrachtungsweise. Wenn Spieler wie Adlung, Hünemeier, Kruska, Kirschbaum, Ziebig, Bittencourt langfristig unter Vertrag stehen, perspektivisch in einem phantastischen Alter sind und wieder in eine tolle Phase kommen, dann ist ein Konzept nicht gescheitert. Man war im Pokal-Halbfinale, man hat Petersen entwickelt, dass Bayern München auf ihn aufmerksam wurde, man entwickelt gerade einen Spieler (Leandro Bittencourt, Anm. d. Red.), für den sich Bundesligisten interessieren. Wenn dann das Konzept gescheitert sein soll, dann tut es mir leid.

SPORT1: Nervt es Sie, dass Ihre Arbeit nicht genug gewürdigt wird?

Wollitz: Mich ärgert, dass wir nach zweieinhalb Jahren erfolgreicher Arbeit mit dem Umbruch und dem Einbau vieler junger Spieler, nicht mehr Vertrauen bekommen und dass nach den ersten negativen Ergebnissen gleich alles infrage gestellt wird. Es gibt mehrere Gewitter, aber wir gehen daraus gestärkt hervor.

SPORT1: Haben Sie mal daran gedacht alles hinzuschmeißen?

Wollitz: Nein. Ich habe mich im Winter hingestellt, wo einige Fans fast für einen Spielabbruch in Wolfsburg gesorgt hätten, und habe mich positioniert für die Mannschaft, die vernünftigen Fans, den Verein und die Sponsoren. Seitdem ist diesbezüglich absolute Ruhe. Bei uns, woanders bekanntlich nicht. Ich habe totale Identifikation mit dem Verein gezeigt und wir haben keine negativen Vorkommnisse mehr. Ich bin nach wie vor mit voller Überzeugung bei der Sache. Dazu gehört auch, dass man Niederlagen akzeptieren muss. Ich bin keiner, der jammert. Ich laufe nicht weg, bin überzeugt von unserer Arbeit.

SPORT1: Sie fordern im Umfeld Geduld. Doch die ist selten da bei den Fans.

Wollitz: Ich habe im Sommer zugegeben, dass die Kaderzusammenstellung nicht so funktioniert hat, wie ich mir das gewünscht habe. Das hefte ich mir ans Revers, dafür trage ich die Verantwortung. Gegenfrage: Wenn ich als Arbeitnehmer in einem Betrieb Fehler mache, werde ich dann auch sofort rausgeschmissen? In den Erwartungen liegt das Problem. Ich bin nicht neidisch, aber wenn ich wie Hertha BSC oder Eintracht Frankfurt 20 Millionen in den Lizenzspieleretat investieren kann, dann ist es wesentlich einfacher als mit sieben Millionen als Ex-Bundesligist die Erwartungen zu erfüllen.

SPORT1: Das klingt aber alles andere als gönnerhaft.

Wollitz: Energie Cottbus hat in den letzten zwei Jahren nachweislich mit Rivic, Angelov, Radu, Tremmel, Burca und jetzt mit Petersen, Shao und Jula Topspieler abgegeben. Ich habe nie gejammert, sondern versucht das zu kompensieren und dem Nachwuchs die Chance gegeben, versuche das wieder neu zu entwickeln und dafür brauchen wir Zeit.

SPORT1: Leandro Bittencourt, Daniel Ziebig und Dimitar Rangelov sind am Montag nicht dabei. Wie gehen Sie das Spiel an?

Wollitz: Total optimistisch und überzeugt. Es ist eine weitere Chance aus dieser Situation rauszukommen. Nochmal: Ich beklage mich nicht, weil die Mannschaft das nicht verdient hat. Die Jungs sind selber nicht zufrieden, aber die Truppe hat nie gesagt, dass sie aufsteigen muss. Die Mannschaft liegt mental am Boden. Aber mein Verständnis vom Leben ist so, wenn einer am Boden liegt, dann muss man ihm Hilfe gehen und nicht noch drauf treten. Helfen ist nicht, wenn man einem sagt wie schlecht er ist. Wir haben die jüngste Mannschaft der Liga und Bock haben meine Jungs alle.

SPORT1: Eine ganz persönliche Frage. Ihre private Situation ist alles andere als leicht. Sie haben eine geistig behinderte Tochter und Ihre Familie wohnt in Osnabrück. Wie schwer ist das?

Wollitz: Schicksalsschläge gehören im Leben dazu. Andere Menschen haben es noch schlimmer getroffen als ich. Ich bin dankbar für das, was ich habe.

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