"Ich hatte Angst vor Magath"
Von Reinhard Franke
München - Geldgeiler Abzocker!
Als ein solcher wurde Albert Streit in den letzten zwei Jahren in der Öffentlichkeit hingestellt. Keine leichte Zeit für den 31-Jährigen.
Im Januar 2008 wechselte Streit zum FC Schalke 04. Der Beginn der wohl "schlimmsten Zeit seines Lebens", wie Streit selber sagt. Ab Januar 2009 gehörte Streit nicht mehr zum Profikader der "Königsblauen".
Unter Felix Magath wurde er endgültig in die zweite Mannschaft abgeschoben, war Feindbild der Schalker Fans.
Nach einem dreiwöchigen Probetraining bei Fünftligist Viktoria Köln bekam er Ende letzten Jahres die Chance für einen Neuanfang bei Alemannia Aachen.
(Mehr zu Albert Streit auch am Mittwoch, ab 18.30 Uhr bei Bundesliga Aktuell im TV auf SPORT1)
Mit SPORT1 spricht Streit über das große Missverständnis Schalke 04 - und freut sich auf das Abenteuer Zweite Liga.
SPORT1: Wie geht es Ihnen, Herr Streit?
Albert Streit: Sehr gut. Ich bin sehr nett aufgenommen worden. Wir hatten auch schon ein Erfolgserlebnis mit dem Sieg beim Hallen-Turnier. (Hessen-Cup, Anm. d. Red.) Ich habe zwar noch kein Tor erzielt, aber ich fühle mich sehr wohl. Es dauert natürlich, bis man wieder in Form kommt, aber ich habe Ende letzten Jahres viel individuell trainiert. Es ist schon etwas anderes, wieder mit der Mannschaft zu trainieren. Trotzdem konnte ich alle Einheiten problemlos mitmachen.
SPORT1: Warum haben Sie sich für Alemannia Aachen entschieden? Hatten Sie keine anderen Angebote?
Streit: Den größten Anteil hat natürlich der Trainer (Friedhelm Funkel, Anm. d. Red.). Außerdem spielte eine Rolle, dass ich mit meiner Frau in Köln wohnen bleiben kann, wo wir erst gebaut haben. Das ist ja ein Katzensprung von Aachen.
SPORT1: Die Zweite Liga hat Sie nicht abgeschreckt?
Streit: Es hätte auch die Dritte Liga sein können. Wichtig ist, dass es passt. Nach den negativen Berichten über mich war mir klar, dass es schwer werden würde in der Bundesliga einen Verein zu finden. Ich bin froh, dass es mit Aachen geklappt hat.
SPORT1: Sie haben sich im November nach monatelangen Streitereien mit ihrem Ex-Klub Schalke 04 auf eine Vertragsauflösung geeinigt. Wie glücklich sind Sie jetzt?
Streit: Ich fühle mich endlich wieder integriert. In der letzten Zeit wurde ich wie ein Aussätziger behandelt, wie einer, der nicht dazu gehört. Ich war zwar auf dem Papier Angestellter von Schalke 04, aber ich wurde letztendlich nur beiseite gestellt. Das Gefühl, wieder zu einer Mannschaft zu gehören, ist für mich etwas Besonderes.
SPORT1: Wir müssen auch über Ihre Schalker Zeit sprechen. Wie schwer war die?
Streit: Es war privat und sportlich die schlimmste Zeit in meinem Leben, weil sich das Sportliche natürlich auch auf das Privatleben ausgewirkt hat. Ich hatte überhaupt keine Rückendeckung im Verein (Schalke 04, Anm. d. Red.) und bin an den Pranger gestellt worden. Da wollte einer an mir ein Exempel statuieren und das hat er auch geschafft.
SPORT1: Sie meinen Felix Magath?
Streit: Ja.
SPORT1: Er hat Sie zu den Amateuren geschickt. Was ist wirklich passiert?
Streit: Das Problem war, dass meine Situation keiner hinterfragt hat. Keiner hat einmal gefragt, ob ich wirklich trainingsfaul bin, ob ich wirklich so ein fauler Sack bin. Und schnell war die Schublade auf und Albert Streit war drin. Und von da an war ich der faule Profi, der seinen Vertrag aussitzt. Keiner hat auch bei den Amateuren vorbeigeschaut, um zu gucken, wie ich trainiere. Dabei hat der Trainer der Amateure mich für meinen Fleiß gelobt und gesagt, dass ich ein Vorbild für die Jungen bin.
SPORT1: Was hatte Magath denn gegen Sie?
Streit: Wenn ich das wüsste. Ich hatte ein Gespräch, in dem er mir sagte, dass ich wechseln soll. Aber ich wollte nur weg, wenn die Alternative gestimmt hätte - sportlich wie finanziell. Komischerweise wurde mir einen Tag nach der Transferperiode vorgeworfen, dass ich im Training keinen Einsatz zeige und ein fauler Sack bin. Fußball soll Spaß machen, aber man sollte keine Angst haben, wenn man zum Training fährt.
SPORT1: Hatten Sie Angst vor Magath?
Streit: Ja, teilweise war das so.
SPORT1: Was dann kam, war sehr unschön. Erzählen Sie mal…
Streit: Es ging so weit, dass einige Kollegen mit mir keinen Kontakt haben durften, weil ich sie negativ beeinflusst hätte. Oder der Trainer der zweiten Mannschaft durfte mich nicht zum Kapitän machen, was er ursprünglich vor der Saison vorhatte, sonst hätte ihn das den Job gekostet. Er durfte mich öffentlich nicht loben oder etwas Positives über mich sagen. Solche Sachen liefen da ab. Ich wurde auch morgens um sieben zum Training bestellt. Man wollte mich dazu bringen, dass ich aufgebe.
SPORT1: Warum haben Sie nicht aufgegeben? Kurz bevor Sie in Aachen unterschrieben haben, sagten Sie, dass Sie mit Profifußball abgeschlossen hatten.
Streit: Weil es nicht mein Naturell ist, aufzugeben. Ich war schon kurz davor mit Fußball aufzuhören, aber jetzt ist die Möglichkeit mit Aachen gekommen. Und da hat ein Gespräch gereicht, mich davon zu überzeugen doch weiterzumachen.
SPORT1: Würden Sie Felix Magath nochmal die Hand geben?
Streit: Obwohl alle denken, dass ich jemand mit einem schlechten Charakter bin, habe ich Respekt vor jedem. Wenn Herr Magath vor mir stehen würde, dann wäre ich der letzte, der ihm nicht die Hand geben würde. Das gehört zu einer gesunden Erziehung dazu.
SPORT1: Sie sind in der Öffentlichkeit als Abzocker hingestellt worden. Sind Sie einer?
Streit: Ich bin ein Abzocker wie alle anderen auch. Wenn ich ein Angebot habe, mein Vertrag ausläuft und bei dem neuen Verein kann ich das Dreifache verdienen, dann wechsele ich den Verein. Das ist doch in unserem Beruf ein völlig normaler Vorgang. Wenn man das als Abzocke bezeichnen will, dann stehe ich auch dazu, ein Abzocker zu sein. Offiziell wird dann immer von neuer sportlicher Herausforderung gesprochen. Ums Geld geht es offenbar keinem.
SPORT1: Vereinstreue gibt es nicht mehr im Profifußball?
Streit: Was heißt Vereinstreue? Ich werde dafür bezahlt, meine Arbeit zu machen - und das tue ich bestmöglich. Gibt es einen Profi, der sein Leben lang bei einem Verein spielt? Von 1000 gibt es maximal zwei oder drei. In den Interviews hört man immer nur, dass es ums Sportliche geht.
SPORT1: Sind Profis in Ihren Augen also Heuchler?
Streit: Ich stehe dazu, dass Geld im Profifußball eine verdammt große Rolle spielt. Alle anderen, die nur von der sportlichen Perspektive reden, verarschen sich selber.
SPORT1: Wie sehr hat Ihr Privatleben unter der Schalker Zeit gelitten?
Streit: Wir haben alle gelitten. Wenn die Familie die Zeitung aufschlägt und über den eigenen Sohn liest, was für ein schlechter Mensch er ist, ist das nicht schön. Wenn man dann keine Rückendeckung hat, dann geht das einen Schritt zu weit. Ich war wie Freiwild. Aber es geht nur um Fußball und ist kein Krieg. Leute haben mich angespuckt, wollten mich verprügeln und anpinkeln.
SPORT1: Kommen wir zum Sportlichen. Was wollen Sie in Aachen erreichen?
Streit: Ich will dazu beitragen die Klasse zu halten. Alles andere als der Klassenerhalt ist Träumerei.
SPORT1: Und im Sommer nochmal in die Bundesliga zurück?
Streit: Daran denke ich nicht. Ich denke von Woche zu Woche. Ich fühle mich super, weil ich ganz normal meinem Beruf nachgehen kann, ohne mir groß Gedanken zu machen. So wie ich es immer wollte.
Zum Forum - jetzt mitdiskutieren
Zurück zur Startseite
