"Dann wird der FC zur Thekenmannschaft"
Von Reinhard Franke
München - Er ist froh, dass er noch lebt. Im November 2011 ist Wolfgang Niedecken dem Tod gerade noch von der Schippe gesprungen.
Der Sänger der Kölschrocker BAP erlitt einen Schlaganfall. Am Dienstag stand er mit BAP auf der Bühne des Tollwood-Festivals in München und rockte wie in alten Zeiten. Hits wie "Verdamp lang her", "Jupp" oder "Kristallnaach" durften natürlich nicht fehlen.
Ebenso darf in so mancher Ansage an die Fans sein Fußball-Klub nicht fehlen. Das Herz des 60-Jährigen schlägt neben der Musik für den 1. FC Köln. Nach dem erneuten Abstieg in die Zweite Liga leidet er mit den "Geißböcken". (SERVICE: Der SPORT1-2. Liga Manager)
In dem Song "Woröm dunn ich mir dat eijentlich ahn" ("Warum tu ich mir das eigentlich an?", Anm. d. Red.) singt er über den Zustand, trotz vieler Enttäuschungen immer wieder zu den Spielen seines Klubs zu gehen.
Niedecken spricht bei SPORT1 über den Schlaganfall, seinen Verein, FC-Coach Holger Stanislawski, den FC Bayern - und kreiert ein Horrorszenario.
SPORT1: Herr Niedecken, die erste Frage ist gar nicht als Floskel gemeint. Wie geht es Ihnen?
Wolfgang Niedecken: Mir geht es wunderbar. Ich hatte ja keinen unsoliden Lebenswandel. Ich habe mir einen Husten eingefangen und der hat in der Halsschlagader zu einer kleinen Wunde geführt. Es war also nicht wegen zu hohem Blutdruck, Drogenmissbrauch, Alkohol, Zigaretten. Ich habe nicht mehr geraucht, seit ich 28 bin und in meinem Jubiläumsjahr, als ich 60 wurde, habe ich ganz auf Alkohol verzichtet. Ich ernähre mich vegetarisch und lebe schon sehr gesund.
SPORT1: Wie ernst war es?
Niedecken: Es war schon ernst und mein letzter Gedanke vor der OP war "hoffentlich werde ich nochmal wach". Hinterher dachte ich "geil, es gibt noch eine Zugabe". Aber wir haben alles gut im Griff gehabt. Wenn mein Arzt mir heute sagt, dass ich gewisse Dinge nicht machen soll, dann mache ich das auch nicht. Mir geht es besser als vorher, weil ich das Ganze noch konzentrierter betreibe. So eine Erfahrung lässt einen schon die Stellschrauben neu justieren. An ein Ende von BAP habe ich aber nie gedacht, weil ich der Zuversichtlichste überhaupt war.
SPORT1: In zwei Wochen startet die Zweite Liga. Mit wie viel Zuversicht blicken Sie als Fan auf Ihren Klub?
Niedecken: Drei Sachen im Leben kannst du dir nicht aussuchen: den Vater, die Mutter und den Verein, den sie dir in die Wiege legen und mit dem du lebenslänglich leidest. Der FC kann absteigen bis zur Thekenmannschaft und ich werde immer noch mit ihm leiden. ( SERVICE: 2. Bundesliga-Sommerfahrpläne)
SPORT1: Wie bewerten Sie den Abstieg?
Niedecken: Zunächst mal war dieser Abstieg unnötig wie ein Kropf. Wenn diese Machtspiele im Verein nicht gewesen wären, dann wären wir auch mit Sicherheit nicht abgestiegen. Da haben einige Leute Schindluder betrieben. Ich bin da noch sehr erbost über dieses blödsinnige Machtpoker-Theater. Damit haben sie den FC auf dem Gewissen, denn das, was passieren kann, ist eigentlich abzusehen.
SPORT1: Was denn?
Niedecken: Wir sind hoffnungslos überschuldet und es könnte sogar noch zu einer Pleite kommen. Ich erwarte nicht, dass die Jungs im nächsten Jahr wieder aufsteigen. Ich erwarte, dass die sich konsolidieren. Das kann einige Jahre dauern. Fortuna Düsseldorf ist damals zwangsabgestiegen, hoffentlich bleibt uns dieses Schicksal erspart. Aber bitte nicht vom Aufstieg reden. Dann geht das schon wieder los, wenn wir nur einen zweistelligen Tabellenplatz erreichen sollten. Dann wird der FC wirklich irgendwann noch zur Thekenmannschaft. Ich stapele sehr tief und meine persönliche Erwartungshaltung ist die Konsolidierung. Wenn sie das schaffen, bin ich zufrieden.
SPORT1: Mit Lukas Podolski ging auch noch die Identifikationsfigur im Klub.
Niedecken: "Poldi" musste ja weg, da bin ich ihm auch gar nicht böse. Für das Gefüge in der Mannschaft ist es ohnehin gut. Wenn du jetzt eine junge Mannschaft aufbauen musst, dann ist das besser so. Es muss eine neue Mannschaft her. Ein Rensing (FC-Keeper Michael Rensing, Anm. d. Red.) steht ja nicht zum Verkauf, weil er schlecht ist. Im Gegenteil, er ist ein fantastischer Torwart, und ich habe erst gar nicht kapiert, warum die den verkaufen wollen. Aber das ist das Kapital, womit man überhaupt die Lizenz kriegt, um in der Zweiten Liga zu spielen.
SPORT1: Auch ein Milivoje Novakovic soll weg, aber es fehlen die Abnehmer.
Niedecken: (schmunzelt) Das ist ein Gomez für ganz Arme. Aber er spielte schon lange nicht mehr auf dem Level, wo er mal war und ohne "Poldi" läuft da ohnehin nichts. Er verdient nicht wenig, also muss man sich von solchen Leuten trennen, um einen kompletten Neustart zu machen. Aber ich glaube nicht, dass du den Novakovic so schnell verkauft bekommst.
SPORT1: Ist Holger Stanislawski der richtige Mann für den Neuaufbau?
Niedecken: Ich denke schon. Das ist ein Guter. Ich habe ihn noch nicht kennengelernt, aber er ist einer der Hoffnungsschimmer, die wir haben. Er weiß aber auch, worauf er sich da eingelassen hat.
SPORT1: Worauf?
Niedecken: Ich habe den Abstieg kommen sehen. Man muss wissen, wo in der Schlangengrube, in die man treten soll, die Giftschlangen, die Würgeschlangen und die Blindschleichen sind. Der FC befindet sich am Nasenring des Kölner Boulevards. Solange man sich davon nicht löst, wird das Problem immer gleich bleiben.
SPORT1: Wie kann man sich lösen?
Niedecken: Bei Bayern München kannst du als Uli Hoeneß oder als Matthias Sammer zu den Journalisten sagen "ihr bleibt jetzt mal alle schön drei Wochen draußen, wenn ihr euch nicht an die Spielregeln haltet". Da hat aber in Köln keiner die Eier dafür. Der Einzige, der die Eier hatte, war der Volker Finke und den hat man systematisch entsorgt. Solbakken (Kölns Ex-Coach Stale Solbakken, Anm. d. Red.) wurde zum Publikumsliebling hochgeschrieben und der Finke weggemobbt. Solange so was funktioniert, wird das nichts.
SPORT1: Wie denken Sie über das neue FC-Präsidium?
Niedecken: Diese Entwicklungen, wie es zu den ganzen Konstellationen kam, sind schon abenteuerlich. Was hat der Bill Clinton im Wahlkampf so schön gesagt: "It's the economy, stupid" ("Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf") (lacht).
SPORT1: Sie reden gerne Klartext. Ein Ehrenamt beim FC würden Sie nicht übernehmen?
Niedecken: Ich rede gerne Klartext, weil ich auf die Folklore-Nummer mit dem Abfeiern des Klubs keinen Bock mehr habe. Wenn du so was machst, musst du auch gestalten können. Mich da hinstellen und den Pausenclown machen, ist nicht meins.
SPORT1: Wie stark ist die neue Zweite Liga?
Niedecken: Vielleicht sollte man da etwas demütig sein. Unmengen von Fußball-Vereinen würden sich wünschen in der 2. Liga zu spielen. Aber wie das so ist, da gibt es keine Erbhöfe, da muss man sich für qualifizieren. Ich habe wirklich keine Veranlassung, mir die 2. Liga schön zu reden, aber die eine oder andere Saison war da eigentlich relaxter als die vorige.
SPORT1: Wo landet der FC?
Niedecken: Ich werde den Teufel tun und vom Wiederaufstieg reden. Ich mache mich nicht zum Affen und sage "Der FC ist so toll, weil..." Das ist alles Folklore-Kitsch. Nach meiner Definition ist Kitsch der Paravent, der den Blick auf die Wirklichkeit verstellt.
SPORT1: Wer sind Ihre Favoriten auf den Aufstieg?
Niedecken: Früher habe ich immer gesagt, dass Greuther Fürth immer schön versucht hat, bloß nicht aufzusteigen. Jetzt haben die nicht aufgepasst und sind aufgestiegen, die Armen. Wer kann da noch aufsteigen. Berlin wird hochgehen, St. Pauli könnte es schaffen, Kaiserslautern mit ihrem guten Präsidium. Die drei werden es wohl sein. Beim FC weiß man nicht wirklich, wie die in die Gänge kommen.

