vergrößernverkleinern
Kevin Pezzoni (r.) wechselte 2008 von den Blackburn Rovers zum 1. FC Köln © getty

Der Defensivspieler verlässt unter dem Eindruck massiver Fan-Anfeindungen den FC. Trainer Stanislawski ist tief betroffen.

Köln - Holger Stanislawski nahm sich Zeit und sprach lange über die sportliche Misere des 1. FC Köln - dann berichtete er mit traurigen Augen von weit schlimmeren Zuständen.

Defensivspieler Kevin Pezzoni ist von eigenen Fans immer wieder bedroht worden und hat sich deshalb entschieden, nie mehr für den erneut abgestürzten Bundesliga-Absteiger aufzulaufen.

Seiner Bitte um Auflösung des Vertrags wurde entsprochen.

"Eine Grenze überschritten"

"Da hat eine Gruppe von Menschen dem Spieler Pezzoni in dieser Woche vor dessen Privatwohnung aufgelauert, ihn angepöbelt und ihn massiv bedroht", sagte Stanislawski nach dem 0:1 (0:1) gegen Energie Cottbus:

"Das geht nicht, das kann nicht sein! Sie haben Zettel an sein Auto geklebt und ihm klar gemacht, dass sie ihm weh tun wollen. Damit haben diese Leute eine Grenze überschritten."

Pezzoni habe sich daher entschieden, nicht mehr für den FC zu spielen, er habe in Angst gelebt.

Drohungen auf Facebook

"Bei jedem Ball, das hat er mir berichtet, ging es ihm nur noch darum, keinen Fehlpass zu spielen. Das ist nicht zu tolerieren", sagte Stanislawski sichtlich bewegt.

An Karneval hatte ein Angreifer Pezzoni bereits die Nase gebrochen. Nun wurde der Abwehrmann, der zuletzt in der Innenverteidigung gespielt hatte, auch im Internet bedroht.

Bei Facebook gründete sich eine Gruppe, die dazu aufforderte, Pezzoni und Co. "aufzumischen", User schrieben in Kommentaren sogar, dies werde nicht ausreichen.

Offener Brief der Mannschaft

Die Mannschaft wendete sich in einem offenen Brief an die Fans.

"Wenn wir als Spieler und als Mannschaft unsere Leistung nicht bringen, nehmen wir die Kritik der Medien und der Fans an. Doch wir lassen als Mannschaft nicht zu, dass einzelne Spieler von einzelnen Chaoten gedemütigt und persönlich angegangen werden", heißt es in dem Schreiben, das auf der Klubhomepage veröffentlicht und vom Team unterzeichnet wurde.

"Wir erwarten, dass Berufliches und Privates getrennt bleiben. Wenn einem Spieler vor der Haustür aufgelauert wird, wenn Lebenspartner beleidigt und hässliche Nachrichten geschrieben werden, dann ist eine Grenze überschritten. Das werden wir nicht akzeptieren", schrieb die Mannschaft.

Man werde nicht zulassen, dass einige wenige Störenfriede das Bild des FC in der Öffentlichkeit bestimmen.

Pezzoni bedankt sich für Verständnis

Kevin Pezzoni äußerte sich nicht zu den Drohungen, er stellte aber am Samstag gegen 13 Uhr eine Nachricht auf seine Facebook-Seite.

"Es freut mich, zu lesen, wie viel Verständnis für unsere Entscheidung entgegengebracht wird und wie viel Unverständnis wir gemeinsam gegenüber Mobbing, Beleidigungen, Gewalt und Co. haben", schrieb er. "Dies hat weder auf noch neben dem Platz oder im privaten Umfeld etwas zu suchen."

Die positiven, aufmunternden Rückmeldungen blieben ihm gemeinsam mit "vielen schönen und erfolgreichen Spielen mit dem FC" in Erinnerung.

Stanislawski tief betroffen

Stanislawski, der vom FC St. Pauli einen ganz anderen Umgang der Fans mit Spielern gewohnt war, zeigte sich tief getroffen.

"Wir haben die beste Lösung für Kevin gesucht. Das war der Abschied. Dabei ging es nicht um finanzielle Dinge. Da muss man Menschlichkeit zeigen. Ich hoffe, er findet wieder Spaß am Fußball", sagte der FC-Trainer.

Wenn zu körperlicher Gewalt aufgerufen werde, fügte er hinzu, könne "ein 23-Jähriger nicht mehr unbeschwert Fußball spielen. Einige Worte, die da gefallen sind, möchte ich nicht wiederholen. Es ist ein Zustand, der sich über längere Zeit aufgebaut hat."

Wo Pezzoni in Zukunft spielen wird, ist offen.

FC seit 13 Spielen sieglos

Abwehrspieler Christian Eichner erklärte, die gesamte Mannschaft stehe "unter Schock".

Die wieder einmal fast unglaublichen Vorgänge rund um den Verein überschatteten das Sportliche, das ebenfalls zu denken gibt. Der kriselnde Absteiger taumelt durch die Zweite Liga. (DATENCENTER: Ergebnisse und Tabelle)

Saisonübergreifend sind die "Geißböcke" seit 13 Spielen sieglos. Während Köln mit nur einem Zähler auf dem vorletzten Tabellenplatz feststeckt, setzte Cottbus seinen Höhenflug fort.

teilentwitternE-MailKommentare
Bitte bewerten Sie diesen Artikel