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Christian Ude ist seit 1993 Oberbürgermeister der Stadt München © getty

Der Münchner Oberbürgermeister und Aufsichtsrat des TSV 1860 München geht mit dem Präsidium hart ins Gericht. Die Vereinsbosse schweigen.

Von Rainer Nachtwey

München - Der Zirkus residiert in München gewöhnlich in der Maxvorstadt im Zirkus-Krone-Bau, Ecke Marsstraße.

Doch in den letzten Tagen ist er rund sechseinhalb Kilometer südlich gewandert, in die Grünwalderstraße 114 in Giesing. Dort ist die Geschäftsstelle des TSV 1860 München beheimatet.

Nachdem der Einstieg des Investors Nicolai Schwarzer bei den Münchner Löwen geplatzt und vorläufig auf Eis gelegt wurde, erheben Aufsichtsräte gegen das Präsidium und Aufsichtsrat-Boss Dr. Peter Lutz schwere Vorwürfe und lassen auch Zweifel an der Kompetenz der Führungsriege aufkommen.

"Schwer zu begreifen"

Vor allem Aufsichtsrat Christian Ude, gleichzeitig Oberbürgermeister der Stadt München, geht mit dem Vorstand hart ins Gericht: "Es ist schwer zu begreifen, dass man einen Investor präsentiert, ohne zuvor die DFL und die Geschäftsführung gefragt zu haben."

Vor allem der geschlossene Investorenvertrag, der bei der DFL eingereicht und später wieder zurückgezogen wurde, habe eklatante Mängel aufgewiesen.

Nur Investor kann Stevic kündigen

Ude zeigt sich "sehr erschrocken", als er den Vertrag von Geschäftsführer Dr. Markus Kern vorgelegt bekam. "Es sind Einflussnahmen des Investors möglich, die man als bestimmend ansehen kann", sagt Ude der "tz".

So habe der Investor gefordert - und dies wurde in dem Vertrag auch so verankert -, dass Miroslav Stevic der neue Sportdirektor sein müsse, bestimmte Rechte erhalte und nur durch den Investor abgelöst werden könne.

Dilettantisches Verhalten

Aufsichtsratboss Dr. Lutz hatte dem zugestimmt, nachdem ihm vom Anwalt des Investors versichert wurde, "dass die Geschichte bei der DFL durchgehe".

Lutz führt weiter aus: "Ich war nicht in alle Verhandlungen einbezogen."

Und auch die Juristen des Klubs müssen den Vertrag ohne Einwände abgezeichnet haben. Auf die Frage, ob man die Vereinsanwälte als dilettantisch bezeichnen könne, antwortet Ude nur vielsagend: "Das lasse ich mal im Raum stehen."

Stevic' Vertrag erst nicht gültig

Aber nicht nur bei dem Investorenvertrag hat das Präsidium Aufsichtsräte und Geschäftsführung überrumpelt, auch bei der Personalie Stevic. Denn die schriftliche Vereinbarung zwischen dem TSV 1860 München und dem neuen Sportdirektor wurde zuerst nur von einem Präsidiumsmitglied und Stevic unterzeichnet.

Damit war der Kontrakt ungültig, erst durch die Unterschrift der Geschäftsführung übernahm Stevic offiziell den Posten des Sportdirektors.

Stoffers neuer Geschäftsführer

Die Frage was aus dem 39 Jahre alten Serben wird, ist beantwort. Die Aufsichtsräte entschieden sich trotz des geplatzten Deals, mit Stevic weiter zusammenzuarbeiten.

Und auch das Präsidium bleibt im Amt. "Wir denken nicht an Rücktritt und werden die Probleme gemeinsam lösen - und zwar schnell", sagte Vizepräsident Franz Maget im Bayerischen Landtag.

Mehr noch: Manfred Stoffers, in der Vergangenheit Marketingchef des Ex-Hauptsponsors Festina, rückt in die Geschäftsführung. Eine Rückkehr von Weltmeister Stefan Reuter ist damit ausgeschlossen.

Immenser Imageschaden

Dass die Farce um den Investoreneinstieg dem Verein nun zum Verhängnis wird, davon ist Ude nicht überzeugt: "Akute Insolvenzgefahr steht uns nicht ins Haus."

Gleichzeitig ist er sicher, dass der Imageschaden "beachtlich" sein wird.

"Das ist für einen Verein auf der Suche nach Sponsoren und Investoren natürlich schwierig", gesteht Ude in der "Bild".

Ude denkt an Rücktritt

Auch deshalb denkt Ude darüber nach, "wann die Schmerzgrenze erreicht ist" und droht mit Rücktritt.

Ex-Telekomchef Jo Brauner hat den bereits vollzogen. Der Aufsichtsrat trat am Dienstag von seinem Posten zurück.

"Ich möchte meine Entscheidung von Gesprächen mit dem Präsidium, der Geschäftsführung und den beiden Aufsichtsratvorsitzenden abhängig machen", gibt sich Ude noch Zeit.

Hintermänner aufgedeckt

Während die Aufsichtsräte das Präsidium kritisch hinterfragen, stärken die Anhänger der Vereinsführung den Rücken.

Den Drahtzieher haben sie bereits ausfindig gemacht: "Die Fangruppierungen werden den Kurs der Presse und des Nachbarn von der Säbener Straße nicht mittragen."

Und auch der ehemalige Löwen-Stürmer Olaf Bodden wittert hinter der Aktion eine Verschwörung des FC Bayern und der DFL. Bei "11Freunde" sagte er: "Die DFL und die Bayern wären doch froh, wenn 60 aus der Allianz Arena verschwindet."

Ein neues Zuhause wäre sicherlich schnell gefunden. Ein schönes Gebäude Ecke Marsstraße.

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