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Frust in Giesing: 1860-Coach Marco Kurz (l.) muss sich Attacken der Fans gefallen lassen © imago

Die Saison ist zwar erst zwei Spieltage jung, doch in München und Nürnberg gehen die Fans bereits auf die Barrikaden.

Von Tobias Schneider

München/Nürnberg - Die Saison hat gerade erst begonnen, doch schon jetzt herrscht Ernüchterung bei den beiden bayrischen Traditionsklubs 1. FC Nürnberg und 1860 München.

Nach zwei Spielen mit mehr als dürftigen Auftritten sind die hoch gesteckten Ziele bereits in Gefahr.

Beim 1. FC Nürnberg, Top-Favorit auf den Aufstieg, ist der Fust nach der Pleite in Kaiserslautern groß und Trainer Thomas von Heesen mutiert nach eigener Aussage zum "Bad Boy".

Bei 1860 schlägt Coach Marco Kurz nach dem schlechtesten Saisonstart seit sieben Jahren die geballte Wut der "Löwen"-Fans entgegen, die ihrem Ärger auf dem Trainingsgelände an der Grünwalder Straße freien Lauf ließen und den Trainer zum Rücktritt aufforderten.

Der Sturm nach dem Sturm

Noch nie standen die 60er in der Zweiten Liga am Ende der Tabelle, dabei kokettierten die Verantwortlichen vor Saisonbeginn gar mit dem Aufstieg in die Bundesliga.

Nach dem Absurditäten-Kabinett um die Entlassung von Geschäftsführer Stefan Ziffzer und dem Rücktritt von Präsident Albrecht von Linde wollten die "Löwen" in der neuen Saison wieder in ruhigerem Fahrwasser paddeln, auf und nicht neben dem Platz für Schlagzeilen sorgen. Pustekuchen: Das 1860-Schiff hat gewaltig Schlagseite.

Vernichtende Bilanz

Dabei wurde Marco Kurz nach der Entlassung von Walter Schachner im März 2007 als Glücksfall und neuer Hoffnungsträger gefeiert. Der 39-Jährige ist ein Trainer, der die Zügel lieber etwas schleifen lässt, anstatt nach verlorenen Spielen verbal auf seine Spieler einzudreschen.

Nach der 1:2-Heimspiel-Pleite gegen Mainz hätte der 39-Jährige dennoch allen Grund gehabt, das ideenlose Gekicke seiner Mannen in der Luft zu zerreißen und damit ein Zeichen zu setzen.

Doch Kurz flüchtete sich in Allgemeinplätze, sprach etwa davon, "dass wir die Qualität der Mannschaft verbessert haben - wir haben es nur noch nicht gezeigt".

Die Statistik spricht aber eine andere Sprache: Aus 19 Spielen haben die Weiß-Blauen saisonübergreifend nur magere zwei Siege eingefahren - eine Katastrophen-Bilanz.

Reuter stellt sich hinter Kurz

Manager Stefan Reuter stellt sich nach dem verkorksten Saisonstart aber demonstrativ hinter Kurz: "Wir haben einen sehr guten, authentischen Trainer. Er genießt eine hohe Akzeptanz in der Mannschaft", erklärte der Weltmeister von 1990.

Weniger optimistisch beurteilt dagegen Bernhard Winkler, langjähriger 60-Stürmer, die Situation beim Ex-Verein:

"Man sieht bei 1860 einfach keine Fortschritte, und die ständigen Ausreden kann ich auch nicht mehr hören. Es muss sich schlagartig etwas ändern, sonst wird es auch für Marco Kurz eng", polterte Winkler in der Münchner "tz".

Warten auf Göktan

Ausgerechnet in dieser prekären Lage müssen die "Löwen" weiterhin auf ihren Top-Stürmer Berkant Göktan verzichten, der vor zwei Tagen nach überstandenem Erschöpfungssyndrom ins Training zurückgekehrt war, nun aber wegen einer Operation an der Fußsohle erneut eine Zwangsspause einlegen muss.

Wann genau der Deutsch-Türke wieder im Kader des Zweitliga-Schlusslichts steht, ist fraglich. Göktan solle aber schon bald wieder mit dem Lauftraining beginnen.

von Heesen in der Pflicht

Auch in Nürnberg herrscht nach dem Saisonstart Tristesse. Trainer Thomas von Heesen bläst der Gegenwind aus allen Richtung ins Gesicht.

Bereits nach dem mühevollen 2:1-Auftaktsieg gegen Augsburg bemängelten Fans und Medien die spielerische Einfallslosigkeit, die sich beim 1:2 in Kaiserslautern nahtlos fortsetzte.

Vorne war die Sturmabteilung nahezu abgemeldet, hinten stolperten Abardonado und Goncalves orientierungslos durch den Strafraum. "Ich bin nicht nur enttäuscht, sondern richtig erbost. In der Kabine war ich der Bad Boy", zürnte von Heesen nach Spielende.

Als Liebling der Fans galt von Heesen in Nürnberg noch nie, ganz im Gegensatz zu Vorgänger Hans Meyer. Nach dem misslungenen Start werden die negativen Stimmen gewiss nicht leiser, zumal ihm auch ein gespanntes Verhältnis mit den Medien nachgesagt wird.

Verstärkungen gefordert

Trotz neun Zugängen werden die Rufe nach zusätzlichen Verstärkungen nun immer lauter, zumal Abwehrchef und Kapitän Andreas Wolf wegen eines Kreuzbandrisses noch bis Februar pausieren muss.

"Einige müssen sich strecken, sonst reicht es für sie nicht", schickte von Heesen deutliche Worte an die Wackelkandidaten.

Von weiteren Verpflichtungen will Club-Präsident Michael A. Roth aber nichts wissen:

"Das kommt überhaupt nicht in Frage. Wir haben einen teuren Kader und genug Spieler - das muss einfach reichen", stellte Roth gegenüber den "Nürnberger Nachrichten" klar und fügte gereizt an: "Es sei denn, von Heesen bezahlt die Neuen selbst."

Das letzte Wort scheint aber noch nicht gesprochen, bis zum 31. August ist das Transferfenster geöffnet. Durch einen Verkauf des abwanderungswilligen Angelos Charisteas würden zusätzliche Mittel in die Club-Kasse gespült.

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