Das Anti-Juve will Geschichte schreiben
Aus Florenz berichtet Mathias Frohnapfel
Florenz - In den engen Gassen rund ums Stadion kommt keiner an der Botschaft vorbei:
"Tutti uniti con la squadra" ("Alle gemeinsam mit der Mannschaft") fordern die Auslagen der Zeitungen auf.
Es ist Teil des Appells der treuesten Fiorentina-Fans.
Nach Meinung der Tifosi aus der legendären Curva-Fiesole muss sich jetzt alles auf das Achtelfinal-Rückspiel gegen den FC Bayern (ab 20.15 Uhr LIVE) konzentrieren.
"Davon werden wir noch in Jahren sprechen"
Der AC Florenz will Geschichte schreiben.
Oder wie es Trainer Cesare Prandelli pathetisch ausdrückt: "Wir repräsentieren diese Stadt, das ist ein fantastischer Moment für uns. Davon werden wir noch in Jahren sprechen."
Noch nie standen die Violetten im Viertelfinale der Champions League. Und der letzte große internationale Vereinserfolg datiert aus dem Jahr 1990, als Florenz das UEFA-Cup-Finale erreichte.
Das Stadion Artemio Franchi ist noch älter, Baujahr 1931, renoviert 1990. Modern ist in dieser Arena nicht viel:
Es gibt keine Rundum-Überdachung und rund um wichtige Spiele des Klubs bricht so zuverlässig das Verkehrschaos aus wie im April Heerscharen von Touristen das Zentrum der Renaissance-Stadt stürmen.
Vollbesetzter Hexenkessel
Von den oberen Rängen des Stadions schaut man direkt auf die Hügel der Toskana. Ein hübscher Ausblick, den heute Abend aber keinen Menschen interessiert.
"Wir haben einen Wunsch: eine Partie zu spielen, die für immer in den Herzen der Menschen bleibt", kündigt Torhüter Sebastien Frey an.
Das Stadion wird pickepackevoll sein: 43.000 Tifosi, darunter 3.000 Bayern-Fans, harren auf den großen Moment.
Und sollte Schiedsrichter Undiano Mallenco ein ähnliches Missgeschick passieren wie seinem Kollegen Tom Henning Övrebö im Hinspiel, dürfte für nichts garantiert sein.
Die Atmosphäre in dem Hexenkessel kann sich Bastian Schweinsteiger bestens ausmalen, der sich aus dem Champions-League-Gruppenspiel 2008 noch an eine Besonderheit erinnert.
"Der Weg von der Kabine bis zum Platz ist sehr lang", beschreibt der Bayern-Star ein Detail aus dem verschachtelten Bau.
"Das wichtigste Spiel der Saison
Für Florenz ist die Begegnung nicht weniger als "das wichtigste Spiel der Saison", wie Trainer Prandelli unablässig betont.
Das Minimalergebnis von 1:0 würde genügen, um den stolzen FCB rauszukegeln.
Selbst die miserablen Liga-Ergebnisse - ein Sieg in den letzten neun Spielen und Tabellenplatz 10 - dürften so überstrahlt werden. (DATENCENTER: Serie A)
Zumal Florenz gegen Bayern in seine Lieblingsrolle schlüpft: die des Außenseiters, der den Großen eine lange Nase dreht.
Mit akribischer Fleißarbeit und Weitblick hat es Trainer Prandelli gemeinsam mit den Klubmäzenen Diego und Andrea Della Valle geschafft, das Team in den vergangenen beiden Jahren in die Champions League zu führen. (SERVICE: Der CL-Rechner)
Langfristig den Top-Drei Paroli bieten
Das Ziel in der Serie A lautet, langfristig den großen Drei, Inter, Milan und Juventus, Paroli zu bieten.
So definiert sich auch Prandellis Fußball: Offensiv und attraktiv will er sein Team ausrichten - nicht rein ergebnisorientiert, wie es Juve jahrelang vorexerzierte.
Florenz ist damit in Italien so etwas wie das Anti-Juve.
Allerdings rüttelt Prandelli angesichts der momentanen Krise an seiner eigenen Doktrin und sagt: "Wir müssen pragmatischer spielen, auch mal das Ergebnis verwalten."
Zuletzt gelang das nicht: In den vergangenen 17 Spielen kassierte die Fiorentina stets mindestens ein Gegentor.
Die Fans, die zig Ab- und Aufstiege miterlebten, macht das unruhig - genauso wie der recht dünn besetzte Kader, der den Belastungen aus Meisterschaft, Pokal und Königsklasse sichtbar Tribut zollt.
Kritik an der Einkaufspolitik
Die Brüder Della Valle sollten endlich mehr Geld für Spielerkäufe in die Hand nehmen, maulen die Tifosi.
Vor allem die Tatsache, dass der Klub in der Winterpause nicht umgehend auf die Dopingsperre von Offensivkünstler Adrian Mutu reagierte, sorgt bei einigen für Verdruss.
Fast schon zwangsläufig beschwört Diego della Valle jetzt den Mannschaftsgeist. "Ich bin sicher, dass sich gegen Bayern unser wahrer Charakter zeigt: Die Spieler sind fähig, Großes zu leisten."
Alberto Gilardino könnte der Türöffner dafür sein.
"Eine ganze Stadt wird hinter uns stehen", sagte der Nationalstürmer. "Wir werden unseren unendlichen Willen zeigen, es zu schaffen."
Die voraussichtlichen Mannschaftsaufstellungen:
Florenz: Frey - de Silvestri, Kröldrup, Natali, Felipe – Montolivo, Zanetti, Vargas - Marchionni, Jovetic - Gilardino
München: Butt - Lahm, van Buyten, Badstuber, Alaba - van Bommel, Schweinsteiger - Robben, Müller, Ribery - Gomez
Schiedsrichter: Undiano Mallenco (Spanien)
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