Trotz aller Blessuren: Bayern ist "noch nicht fertig"
Aus Florenz berichtet Mathias Frohnapfel
Florenz - Fünfzig Meter können eine weite Strecke sein.
Zumal wenn man gerade ein hochintensives Champions-League-Spiel in den Beinen hat: Mark van Bommel schlurfte daher Dienstagnacht beinahe vom Mannschaftsbus zum "Grand Hotel" in Florenz.
Und Mario Gomez humpelte nach seinem Muskelfaserriss mit sichtbaren Schmerzen zum golden verzierten Festsaal. Der Stürmer wird zwei bis drei Wochen ausfallen. (DATENCENTER: Das Achtelfinale)
Die Bayern sollten das nach dem Viertelfinale-Einzug verkraften können. (die Bilder)
Genauso wie die Dellen, die der Bus bei der allzu engen Anfahrt in den Bauch des Stadions Artemio Franchi abbekam.
"Es war ein sehr emotionales Spiel und eine Niederlage, mit der wir leben können", stellte Karl-Heinz Rummenigge gelöst in seiner nächtlichen Ansprache fest. (Die Stimmen zum Spiel)
Nach 18 Spielen mussten die Roten mit dem 2:3 erstmals wieder eine Pleite einstecken.
Dank des 2:1-Hinspielserfolg und der mehr erzielten Auswärtstore sind sie aber in der Königsklasse eine Runde weiter.
Rummenigge: "Enge Kiste"
"Verdient" nannte der FCB-Vorstandsboss das "nach einer engen Kiste". "Doch wir haben mehr getan und konnten im rechten Moment nachlegen."
Louis van Gaal hörte genau hin, auch als sein oberster Chef die stürmischen Bedingungen beschrieb. Denn an dem ziemlich frischen Märzabend wäre der FCB beinahe aus dem Wettbewerb geweht worden. (EXKLUSIV: Christian Nerlinger im Sport1.de-Interview)
Der Bayern-Trainer sprach daher in seiner Analyse von einer Partie "mit vielen Fehlern in unserer Verteidigung. Deshalb wurde es für uns sehr schwer."
Und er gab zu: "Wir haben zwei schöne Tore erzielt, aber ich verstehe auch die Bitterkeit von Florenz, denn am Ende war das Abseitstor von München entscheidend."
Auch Trainer Louis van Gaal räumte ein, dass "der Wind eine große Rolle" gespielt habe.
"Ovrebrö ist schuld"
Das Publikum in der Toskana reagierte derweil nach Abpfiff so gar nicht wie aus dem Handbuch für höfliches Benehmen.
Die 40.000 Fiorentina-Tifosi skandierten lautstark "Ladri, ladri" ("Diebe, Diebe"), womit wohl neben den Münchnern im Allgemeinen, auch Hinspiel-Schiedsrichter Ovrebrö im Speziellen gemeint war.
Und Florenz-Kapitän Riccardo Montolivo beschränkte sich auf den Hinweis: "Dieses Genie von Ovrebrö hat uns aus der Champions League befördert."
Völlig niedergeschlagen reichte Montolivo, dessen Mutter aus Kiel stammt, noch die Erkenntnis nach:
"Wir haben alles getan, was wir konnten, wir waren brillant und zielstrebig. Aber Fußball ist manchmal grausam."
Robbens Tor als Erlösung
Die Tore von Arjen Robben und van Bommel zerstörten aber letztlich alle Florentiner Träume.
"Ich habe versucht, nach dem 0:2 rüberzubringen, dass wir nur ein Tor brauchten", erklärte der Bayern-Kapitän gegenüber Sport1.de.
"Wenn die zwei Tore schießen, ist gar nichts los", so van Bommel.
Ziemlich abgezockt klingt das, dabei waren die Münchner bei drei Spielständen (1:0, 2:0, 3:1) faktisch schon als Fernsehzuschauer für die nächste Champions-League-Runde gebucht, weshalb auch van Bommel eingestand:
"Nach dem 1:3 war ich froh, dass Arjen schnell das 2:3 schießt, denn sonst gehst du kaum noch in den Strafraum und kriegst kaum noch Chancen."
Unter den besten Acht - Bayern atmet durch
Mit einem Bein über dem Abgrund und sich wieder eingefangen. Die Bayern atmen durch.
"Das tut sehr gut unter den acht besten Teams Europas zu sein", befand van Bommel und kündigte an:
"Das war unser Mindestziel, aber wir sind noch nicht fertig. Wir haben noch einiges vor, ohne große Sprüche rauszuhauen, wir sind gut drauf."
Die Münchner Defensiv-Aussetzer waren in dem Moment ausgeblendet - genauso wie die teilsweise schlampigen Pässe im Spielaufbau etwa durch Thomas Müller. Genauso wie der kleine Wermutstropfen, dass Bastian Schweinsteiger im Viertelfinal-Hinspiel auf Grund seiner dritten Gelben Karte gesperrt sein wird.
Alaba mit tollem Debüt
Zumal der 17-jährige David Alaba mit einem tollen Debüt als Außenverteidiger ein dickes Ausrufezeichen setzte. (DIASHOW: Alaba im Wunderland - die jüngsten Bayern-Debütanten)
"Alaba war einer der besten Spieler auf dem Platz, er hat eine unglaubliche Sicherheit ausgestrahlt", meinte Jörg Butt etwas verblüfft.
Trotz dreier Gegentreffer sprang der Keeper mit seiner Mannschaft in die nächste Runde.
Was war ausschlaggebend? "Der Wille der Mannschaft nach zwei Rückschlägen wieder zu kommen", sagte Butt. "Auch nach dem 3:1 haben wir ruhig weitergespielt."
Diese starke Einstellung hatte selbst verständlich auch Rummenigge registriert.
Mit "Volldampf" ins Halbfinale?
Die logisch Forderung folgte, "jetzt mit Volldampf und Konzentration" daran zu arbeiten, eine Runde weiter zu kommen als im Vorjahr.
Wie schwer es wird, ins Halbfinale vorzustoßen, wissen die Verantwortlichkeiten nicht erst seit der 0:4-Klatsche gegen Barcelona im Frühjahr 2009.
Doch Rummenigge glaubt daran, "wenn das Team bereit ist, sich so zu quälen wie gegen Florenz."
Bis zur nächsten Aufgabe in der Königsklasse dürfte auch Mario Gomez mit etwas Glück wieder fit sein.
Selbst dem Mannschaftsbus wird keiner mehr den kräftigen Lackschaden ansehen.
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