Elfer-Drama um Schweinsteiger! Bayerns Albtraum dahoam
Vom Champions-League-Finale berichten
Mathias Frohnapfel und Martin Volkmar
München - Titel- Trauma statt Traum-Finale - und Bastian Schweinsteiger die ganz tragische Figur: (DIASHOW: Die Bilder)
Der FC Bayern hat den greifbar nahen Triumph in der Champions League nach einem dramatischen Finale höchst unglücklich im Elfmeterschießen verpasst und auch den dritten möglichen Titel in dieser Saison verspielt.
Der deutsche Rekordmeister unterlag trotz teilweise drückender Überlegenheit im Finale vor 62.500 Zuschauern in der Münchner Arena mit 3:4 (1:1, 0:0) nach Strafstößen gegen den FC Chelsea.
Die Engländer gewannen damit zum ersten Mal den Europacup der Landesmeister.
Matchwinner Drogba
Matchwinner für die Blues war Didier Drogba, der nach seinem Treffer zum 1:1 in der regulären Spielzeit auch den letzten Elfmeter verwandelte. Zuvor hatten Ivica Olic und Schweinsteiger bei Bayern sowie Juan Mata bei Chelsea verschossen.
"Wenn das die Zukunft des Fußballs ist, ist das eine Katastrophe", schimpfte DFB-Sportdirektor Matthias Sammer bei "Sat.1".
Torschütze Thomas Müller sagte deprimiert: "Wir haben das in der Vergangenheit schon öfter gesehen, dass am Ende nicht immer der verdiente Sieger den Pokal in den Händen hält. Aber Fußball ist nicht alles."
Die am Boden zerstörten Münchner kassierten bei ihrer neunten Endspiel-Teilnahme die fünfte Niederlage und müssen so weiter auf den fünften Gewinn des Henkelpotts warten, den der FCB als letzter deutscher Klub 2001 geholt hatte.
Allerdings hatten sich die Hausherren die bittere Pleite selber zuzuschreiben, denn aus einer Vielzahl von Chancen gelang nur Müllers Treffer zur umjubelten Führung (83.).
Robben verschießt Foulelfmeter
Und nach Drogbas spätem Ausgleich verschoss Arjen Robben bereits in der Verlängerung einen Foulelfmeter (93.).
Beide Teams mussten wegen der zahlreichen Sperren umbauen. Bei Bayern ersetzten wie vermutet Anatoliy Tymoshchuk, Diego Contento und Thomas Müller die gelbgesperrten Holger Badstuber, David Alaba und Luiz Gustavo.
Im Gegensatz zu den sonstigen Heimspielen waren in der Arena aufgrund der Endspiel-Regularien wesentlich mehr Chelsea-Anhänger, doch die Bayern-Fans machten schon vor dem Anpfiff eine klare Ansage:
"Unsere Stadt, unser Stadion, unser Pokal"
Auf einem über die gesamte Südkurve gezogenen Transparent war zu lesen: "Unsere Stadt, unser Stadion, unser Pokal."
Und die Gastgeber ließen den Worten Taten folgen und dominierten von Beginn an gegen die wie erwartet tief stehenden Londoner klar, doch Bastian Schweinsteiger (4.), Toni Kroos (5.) und Arjen Robben (8.) verzogen aus aussichtsreicher Position, Mario Gomez köpfte drüber (13.).
Danach entwickelte sich ein Handball-ähnliches Spielschema: Chelsea zog sich teilweise mit neun Mann an den eigenen Strafraum zurück, um bei Ballbesitz blitzschnell über die einzige Spitze Drogba umzuschalten.
Cech rettet gegen Robben
Die Münchner dagegen versuchten irgendwie eine Lücke in der engmaschigen und aufmerksamen Defensive der Gäste zu finden. Nach 21 Minuten wäre das fast gelungen, als Robben sich links durchtankte. Doch Keeper Petr Cech konnte seinen etwas zu unplatzierten Schuss gerade noch mit dem Fuß ans Lattenkreuz abwehren.
Die Partie wurde schon zu diesem Zeitpunkt immer einseitiger, weil Chelsea so gut wie nichts fürs Spiel tat. Doch den Bayern fehlten die zündenden Ideen, der letzte Pass kam nicht an und die Standards waren zu ungefährlich.
Wie es geht, zeigte der FCB in der 36. Minute, als Franck Ribery den guten Contento steil schickte und dessen Linksflanke aus vollem Lauf Müller volley nur knapp am Tor vorbei schoss.
Neuer sicher gegen Kalou
Zwei Minuten später besaß dann Chelsea seine einzige Chance in der ersten Hälfte, als Salomon Kalou frei von halbrechts abzog, doch Manuel Neuer den ersten gefährlichen Ball auf sein Tor sicher hielt.
In der 42. Minute hatte die Bayern-Fans dann schon den Torschrei auf den Lippen, als Gomez Gary Cahill mit einer Körpertäuschung ins Leere laufen ließ und sich zwölf Meter vor Cech die Ecke aussuchen konnte - doch der Torjäger setzte den Ball weit übers Tor.
So brachte Chelsea das aus ihrer Sicht glückliche 0:0 in die Pause und spielte auch in der zweiten Hälfte unverändert defensiv und auf Konter lauernd.
Abseitstreffer von Ribery
Nach 54 Minuten jubelten die Bayern zwar, doch der souveräne Schiedsrichter Pedro Proenca aus Portugal verweigerte dem Treffer von Ribery aus kurzer Distanz völlig zu Recht wegen Abseits die Anerkennung.
Sechs Minuten später warf sich Cole in letzter Minute in einen Schuss von Robben. Das erlösende Führungstor für die Münchner wollte trotz klarer Dominanz einfach nicht fallen, es blieb ein Geduldsspiel.
Dabei erhöhten die Platzherren den Druck nach etwas mehr als eine Stunde noch weiter und schnürten Chelsea bei fast 60 Prozent Ballbesitz phasenweise am eigenen Strafraum ein. Doch immer wieder war ein Bein dazwischen oder der sichere Cech auf seinem Posten.
Contento klärt
Stattdessen hätte die Zermürbungstaktik der Blues beinahe nach 73 Minuten Erfolg gehabt, als die Bayern-Hintermannschaft einmal unaufmerksam war und Contento eine Drogba-Flanke gerade noch vor dem einschussbereiten Kalou wegschlagen konnte.
Bei der anschließenden Ecke verschätzte sich Neuer leicht, hielt dann aber den Schuss von Drogba (74.).
Auf der Gegenseite konnte Cech eine zur Bogenlampe abgefälschte Hereingabe von Ribery gerade noch über die Latte lenken (76.). Zwei Minuten später verzog Müller freistehend aus kurzer Distanz.
Die Partie ging nun in ihre entscheidende Phase und wurde offener, weil auf beiden Seiten langsam die Kräfte nachließen.
Müller lässt die Arena erbeben
Und dann fiel doch noch der fast nicht mehr erwartete Treffer: Kroos gelang endlich eine fast perfekte Flanke, über Gomez hinweg genau ans rechte Fünfmetereck zu Müller, dessen Kopfball-Aufsetzer von der Unterkante der Latte an Cech vorbei ins Tor sprang (83.).
Das Führungstor ließ die Arena erbeben, die den Torschützen kurz darauf mit Standing Ovations bei seiner Auswechslung gegen Daniel van Buyten verabschiedete (86.).
Doch nur drei Minuten später waren alle Münchner Mühen umsonst.
Boateng kann Drogba nicht halten
Nach einer Ecke von Juan Mata ließ der bis dahin aufmerksame Jerome Boateng Drogba entwischen und der Ivorer köpfte den Ball aus kurzer Distanz ins Eck, Neuer konnte den Ball nur noch ins eigene Netz boxen (89.).
In der Nachspielzeit hatten die Gäste dann sogar Oberwasser und in praktisch letzter Sekunde mit einem Freistoß aus 22 Metern sogar noch die Chance zum Siegtreffer, aber Drogba schoss weit übers Tor.
Drogba foult Ribery – Robben scheitert
Das Finale ging in die Verlängerung und die Blues drückten weiter - aber nur drei Minuten. Dann holte der zurückgeeilte Drogba Ribery im Strafraum von den Beinen, und Proenca zeigte sofort auf den Elfmeterpunkt.
Robben schnappte sich den Ball, doch Cech konnte den schwachen Schuss in die Tormitte parieren (95.).
Zu allem Unglück musste auch noch Ribery verletzt raus und wurde von Ivica Olic ersetzt.
Olic vergibt Matchball
Die Hausherren zeigten sich jedoch nur kurz geschockt und übernahmen wieder das Kommando, wenngleich Chelsea nun fast gleichwertig war.
Nach 109 Minuten besaß aber der FCB die Riesenchance, alles klar zu machen.
Doch Olic legte nach schöner Lahm-Flanke freistehend quer statt selber abzuschließen, und da Gomez nicht durchstartete, kullerte der Ball am Tor vorbei.
Stattdessen musste die Entscheidung wie schon im Halbfinale in Madrid im Elfmeterschießen fallen - diesmal gegen die Bayern.
Schweinsteiger als tragische Figur
Ausgerechnet der in Spanien noch zum Matchwinner gewordene Schweinsteiger geriet diesmal zum Pechvogel, setzte den letzten Schuss an den rechten Innenpfosten.

