Kein Plan B, kein Sieger-Gen, keine Wadenbeißer
Vom Champions-League-Finale berichten Mathias Frohnapfel und Martin Volkmar
München - Das finale Drama brachte München um den Schlaf (NACHBERICHT: Bayern wie gelähmt) .
Noch spät in der Nacht zum Sonntag irrten frustrierte Bayern-Fans durch die Stadt, während sich die am Boden zerstörte Mannschaft beim Bankett im "Postpalast" den Kopf über die historische Pleite zerbrach.
Uli Hoeneß suchte Trost bei Rotwein und Bier und verzweifelte noch im Nachhinein an der unfassbaren Elfmeter-Niederlage im Champions-League-Endspiel "dahoam" gegen den FC Chelsea.
"Noch bitterer als 1999"
Statt der Krönung seines Lebenswerkes erlebte der FCB-Präsident in der Arena die schwärzeste Stunde der Vereinsgeschichte - "noch bitterer als 1999 gegen Manchester United", wie Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge erklärte.
"Man kann nicht sagen, es ist alles in O rdnung, wenn man drei Titel verspielt. Auf Dauer ist das kein Zustand, den ich akzeptieren kann", sagte Hoeneß weit nach Mitternacht
"Das kann einmal passieren, zweimal, aber dreimal? Vielleicht muss man sich fragen, warum das passiert ist."
SPORT1 nennt Gründe für das dreifache Scheitern des deutschen Rekordmeisters auf der Zielgeraden.
• Problem Trainer
Jupp Heynckes' Vita als Erfolgscoach ist unbestritten.
Denn bei seiner zweiten Amtszeit als Bayern-Coach hat er sich zwar um die Beruhigung der Lage nach den Wunden der Ära Louis van Gaal verdient gemacht.
Ein Idee von modernem Fußball a la Borussia Dortmund hat der 67-Jährige in der abgelaufenen Saison jedoch nicht bieten können. "Heldenfußball statt Konzeptfußball", nannte das die "Süddeutsche Zeitung".
Diese Statik und Berechenbarkeit im Offensivspiel zeigte sich auch gegen die tief stehende Chelsea-Defensive, die trotz drückender Überlegenheit kaum einmal ausgehebelt werden konnte. Ein Plan B fehlt.
Müller-Wechsel bringt alles durcheinander
Hinzu kommen handwerkliche Fehler. Selbst wenn Heynckes' Aussage zutrifft, dass Torschütze Thomas Müller nach dem 1:0 wegen Wadenproblemen vom Platz wollte:
Die Einwechslung von Verteidiger Daniel van Buyten brachte das ganze System durcheinander, da drei Spieler ihre Positionen ändern mussten, und man dem gerade erst wiedergenesenen Belgier in der Verlängerung deutlich seinen Rückstand anmerken konnte.
Ohnehin hat Heynckes alle wichtigen Partien der Saison nahezu mit 12, 13 Spielern bestritten. Daher hatte er keine Alternative für Bastian Schweinsteiger, der am Ende spürbar abbaute.
Und als dann wie im Finale Stammkräfte gesperrt ausfielen, mussten Profis die Kohlen aus dem Feuer holen, denen Heynckes über Monate das Vertrauen verweigert hatte. So wundert es dann kaum, dass Ivica Olic erst in der Verlängerung der Siegtreffer vertändelte und dann im Elfmeterschießen vergab.
Verzicht auf Elfmeter-Training sorgt für Stirnrunzeln
Ohnehin erscheint es merkwürdig, dass Heynckes im Gegensatz zu Chelsea vor dem Endspiel aufs Üben von Strafstößen verzichtete.
Diese Unsicherheit wurde auch bei der Auswahl von Manuel Neuer als Schütze deutlich sowie der Tatsache, dass bei der vielleicht wichtigsten Entscheidung der jüngeren Vereinsgeschichte gleich mehrere potenziell sichere Schützen dem Druck nicht gewachsen waren oder gleich verzichteten.
"Chelsea hat ja anscheinend die ganze Woche das Elfmeterschießen trainiert. Da muss man sich schon einmal fragen, wieso die Bayern die Schützen nicht vorher festgelegt haben", sagte FCB-Verwaltungsratsmitglied Edmund Stoiber im SPORT1-Doppelpass.
• Problem Führungsspieler
Nicht nur die fehlenden Schützen im Elfmeter-Drama zeigten, dass den Bayern die absoluten Leadertypen der Vergangenheit wie Stefan Effenberg, Oliver Kahn oder Mark van Bommel fehlen und damit offenbar auch das einst so berühmte Siegergen abhanden gekommen ist.
Gerade bei solchen Endspielen entscheidet nicht allein die zweifelsohne vorhandene spielerische Klasse, sondern eben auch der Kopf. Der Unterschied in der Körpersprache bei den beiden letzten Elfmetern von Didier Drogba und Bastian Schweinsteiger war exemplarisch für diesen Unterschied.
Robben vergibt zwei Titel
Hinzu kommt, dass ein als Matchwinner für viel Geld geholter Star wie Arjen Robben zumindest in dieser Saison nur noch den Unterschied im Negativen ausmachte:
Die beiden Strafstoß-Fehlschüsse gegen Dortmund und Chelsea kosteten den FCB letztlich zwei Titel.
Darüber hinaus muss sich die gesamte Offensivabteilung angesichts von 35:9 Torschüssen und 20:1 Ecken gegen Chelsea den Vorwurf gefallen lassen, das Glück nicht auf ihre Seite gezwungen zu haben.
"Vielleicht müssen wir uns fragen, warum es so passiert ist, ob das die Spieler sind, die das erzwingen. Ob wir davon genug haben", legte Hoeneß den Finger in die Wunde.
"Ich habe heute keinen Jens Jeremies gesehen, der schon beim Einlaufen den Gegner in die Waden beißt."
• Problem Kaderzusammenstellung/Vereinsphilosophie
Hoeneß hat bereits angekündigt, kräftig zu investieren, um zumindest national den derzeit enteilten Dortmundern die Vorherrschaft wieder zu entreißen.
Die letztlich mehr oder minder wirkungslosen 40-Millionen-Investitionen vor dieser Saison zeigen aber, dass weniger Name und Marktwert entscheidend für den Teamerfolg sind.
Vielmehr müssen Akteure in die Spielphilosophie passen - die der FCB aber erst mal definieren muss.
Stoiber fordert bessere Ersatzspieler
"Die Bayern müssen ihre Bank verstärken. Das ist das eigentliche Problem in München", meinte Stoiber im Doppelpass:
"Wenn ich sehe, dass bei Chelsea noch ein Fernando Torres auf der Bank sitzt und sofort für Gefahr sorgt, dann ist das eine andere Qualität. Vor allem wenn man in drei Wettbewerben Erfolg haben will. Klar ist also, dass von der Bank mehr Konkurrenzkampf kommen muss."
Ähnlich denkt Franz Beckenbauer. Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge müssten zwar nicht den völligen Umbruch des Teams vollziehen. "Eine Auffrischung ist jedoch dringend nötig, damit der Trainer in der künftigen Saison zum Beispiel in der Abwehr mehr Alternativen hat", sagte der Ehrenvorsitzende der Bayern.
Dann aber muss Heynckes auch viel mehr rotieren und seinen Nachrückern regelmäßig eine Chance geben. Oder man verzichtet gleich auf Nationalspieler wie Olic, Danijel Pranjic, Anatoliy Tymoshchuk oder Takashi Usami und einen hoch veranlagten Zweitliga-Torschützenkönig Nils Petersen als Bankdrücker.