Alarmzustand in Rot: Bayern giert nach Siegertypen
Von Mathias Frohnapfel
München - Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt das ganze Ausmaß der aktuellen Bayern-Depression.
Zum letzten Mal blieb der Verein von 1991 bis 1993 zwei Jahre in Folge ohne Titel - so wie eben jetzt. Statt den großen Triumph genießen zu können, beklagen die Münchner das Triple der Traurigkeit und haben eine gehörige Portion Wut im Bauch.
Die Szenen vor dem Elfmeterschießen gegen Chelsea lassen die Führungsetage des FCB jedenfalls nicht so leicht los. (NACHBERICHT: Bayern wie gelähmt)
Heynckes findet keine Freiwilligen
Jupp Heynckes ging von einem Spieler zum anderen, doch fast alle schüttelten den Kopf. Keiner wollte ran.
Toni Kroos nicht, der schon gegen Real gescheitert war, und Arjen Robben sowieso nicht nach seinem versemmelten Strafstoß in der Verlängerung.
Anatoliy Tymoshchuk, immerhin Kapitän der Ukraine, zog ebenfalls den Schwanz ein, was den ausgewechselten Thomas Müller auf 180 brachte. Müller fuchtelte und schrie, der schussgewaltige Tymoshchuk blieb bei seinem Nein.
"Mia ham Angst"
Aus dem stolzen Klubmotto "Mia san mia" wurde ein "Mia ham Angst".
"Jeder Profi muss Manns genug sein, einen Elfmeter zu schießen", schimpfte Paul Breitner nun im "Bayerischen Rundfunk".
"Wenn ich sehe, dass ein Ivica Olic schießen muss, der nach 20 Minuten noch gar nicht warm sein kann, oder ein Manuel Neuer, der sich auf die gegnerischen Schützen konzentrieren muss, dann kriege ich einen Vogel", ereiferte sich der FCB-Vorstandsberater.
Wie groß Unsicherheit und Verwirrung im Team waren, zeigte sich vor dem Schuss von Manuel Neuer. Der Keeper wusste gar nicht, dass er schon an der Reihe war.
Verwirrung beim Elfmeterschießen
Nach einer gefühlten Ewigkeit und energischen Winken von Bastian Schweinsteiger und Mario Gomez schaltete Neuer und traf. Es war sein erster Elfer in einem Pflichtspiel überhaupt.
"Ich hatte gedacht, dass ich einen später schieße", sagte Neuer offen.
Doch Neuers doppelter Coup - ein gehaltener Elfer, ein verwandelter - war zu wenig für die verängstigten Bayern.
"Ich war schon vor dem Elfmeterschießen skeptisch", gestand Heynckes.
Hoeneß stützt den Trainer
Die Siegermentalität und den Biss für den Tod-oder-Gladiolen-Moment konnte auch der Louis-van-Gaal-Nachfolger der Mannschaft nach 120 kampfstarken Minuten nicht einimpfen.
Allerdings hat der Trainerroutinier weiterhin das Vertrauen der Bayern-Bosse.
Laut "Kicker" telefonierte Uli Hoeneß am Sonntag mit Heynckes.
"Was kann der Trainer dafür, wenn wir im Elfmeterschießen verlieren?", fragte der Bayern-Präsident rhetorisch.
Seine Botschaft: "Wir sollten nicht anfangen, Fehler beim Trainer zu suchen."
FCB-Präsident will Wadenbeißer
Stattdessen werden die Münchner wohl an der Kaderzusammenstellung feilen, auf die Suche nach Anführertypen gehen.
Hoeneß grollte nach der Pleite, "ob das die Spieler sind, die es erzwingen, ob wir davon genug haben. Ich habe keinen Jeremies gesehen, der schon beim Einlaufen dem Gegner in die Waden beißt."
SPORT1-Experte und Ex-Bayern-Profi Thomas Helmer argumentierte im Kia Doppelpass in die gleiche Richtung: "Dem FC Bayern fehlen Winner-Typen".
Die Münchner sind auf jeden Fall bereit, das Festgeldkonto anzuzapfen, um nicht in der dritten Saison in Serie leer auszugehen. Immerhin rund 60 Millionen Euro nahmen die Roten auf ihrem Weg bis ins Königsklassen-Endspiel ein.
Bessere Bank, aber "kein Einkaufswahnsinn"
Ideen gab schon das Champions-League-Finale, als Daniel van Buyten nach monatelanger Verletzungspause als Joker in die Bresche springen musste.
"Unsere Bank muss noch besser werden", schlussfolgerte Hoeneß nicht nur daraus, schloss allerdings Transfer-Kapriolen aus.
"Wir werden keinen Einkaufswahnsinn wie 2007 machen", meinte der Bayern-Präsident. Die Münchner landeten 2006/2007 nur auf Platz vier, holten für zirka 70 Millionen Euro neue Spieler, unter anderem Franck Ribery und Luca Toni.
Nerlinger will bei EM scouten
Diese Zurückhaltung bestätigte auch Christian Nerlinger der "tz".
"Wir werden nichts Verrücktes tun. Aber wir wissen, dass da jetzt eine EM kommt, bei der man sich umschauen muss. Da gibt es natürlich Spieler, die wir beobachten."
Dem FCB-Sportdirektor sind die "Gesetzmäßigkeiten" klar, die nun dem bisher so erfolgsverwöhnten Klub drohen.
"Grundsätzlich haben wir eine leistungsstarke Mannschaft, wir sind gut aufgestellt", beschwichtigte er jedoch auch.
Pizarro kommt
Als Transfers stehen bereits Innenverteidiger Dante (von Gladbach) und Mittelfeldjuwel Xherdan Shaqiri (Basel) sowie Keeper Tom Starke (Hoffenheim) fest.
Als nächster Mosaikstein wird wohl Claudio Pizarro kommen, wie "tz" und "Bild" berichten.
Nach SPORT1-Informationen war Hoeneß die treibende Kraft bei der Pizarro-Rückkehr.
Der Bremer, der bereits von 2001 bis 2007 für die Bayern spielte, soll als Joker auch Druck auf Mario Gomez machen und eine starke Option für enge Momente darstellen.