Heynckes legt nach: "Das ist Populismus"
Von Martin Hoffmann
München/Minsk - Matthias Sammer wollte vor einigen Tagen erreichen, dass beim FC Bayern "die Laterne an" ist, statt nur leicht zu glimmen.
Nach dem 1:3 (0:1) in der Champions League bei Bate Borissow ( Bericht) kann von leichtem Glimmen keine Rede mehr sein: Beim Rekordmeister leuchten die Feuerstellen ( DATENCENTER: Die Champions League).
Ein bemerkenswerter Betriebsausflug ins ferne Osteuropa hat so ziemlich alle Fragen auf den Tisch gebracht, die die neun Siege in den neun Pflichtspielen zuvor hinuntergefegt hatten (DIASHOW: Bilder des 2. Spieltags).
Wobei es nicht nur ums Sportliche geht, sondern auch um den Konflikt zwischen Sammer und seinem Trainer Jupp Heynckes - der vor dem Wiederabflug nach München noch einmal gegen den Sportvorstand nachlegte.
"Das können wir hier nicht gebrauchen"
"Das ist Populismus, und den können wir hier nicht gebrauchen", erklärte Heynckes mit Blick auf Sammers Generalkritik über die "lätscherne" Leistung beim Sieg gegen Bremen.
In einschneidender Offenheit hatte Heynckes im "Sky"-Interview schon vor dem Anpfiff grundlegende Differenzen mit Sammer deutlich femacht, nannte Sammers Äußerungen "überzogen" und hielt fest: "Mit der Form, Art und Weise war ich nicht einverstanden."
Man solle "die Kritik intern machen und nicht extern", forderte der Trainer-Routinier, sehr extern.
"Nichts persönlich gegen Matthias"
Nach dem Spiel betonte Heynckes zwar, dass er "nichts persönlich gegen Matthias" hätte: "Wir arbeiten gut zusammen. Und wir werden das auch in Zukunft tun."
Er wisse nur aber "aus Erfahrung" und aus seinem Wissen über "das ganze Gebilde FC Bayern", dass es "ganz wichtig" sei, "diese Dinge in geschlossenen Räumen zu artikulieren – und nicht so nach draußen".
Trotz der beschwichtigenden Beiworte: Heynckes - der noch vor kurzem erklärt hatte, keine Äußerungen von Sammer und den anderen Bayern-Bossen mehr zu kommentieren - stellte den neuen starken Mann seines Vereins damit bloß.
Sammer bloßgestellt
Zumal der vorher noch behauptet hatte, seine auf verschiedenen Kanälen verbreiteten Hallo-(hell-)wach-Reden wären "mit dem Trainer abgesprochen" gewesen.
Sammer wirkte dann auch recht verdattert, als er dann vor der Kamera zu erklären versuchte, dass seine Teamschelte "völlig harmlos" gewesen sei.
Und dabei zugab, dass er sie nicht direkt an die Spieler gerichtet hatte, ehe er mit ihr an die Medien ging - was TV-Experte Jens Lehmann, ohnehin als ausgewiesener Sammer-Kritiker bekannt - direkt als "schwach" abkanzelte.
Lätschern und nicht hellwach
Das Ganze wäre am Ende des Abends vielleicht als genau die produktive Reibung durchgegangen, die Sammer in den Klub bringen soll - wäre der zwischenmenschlichen Verwerfung nicht die sportliche gefolgt.
Die Bayern zeigten auf dem Platz in den kritischen Phasen genau die Lätschernheit, die Sammer moniert hatte.
Wachheitslücken offenbarten sich offensiv - Sinnbild: der Frank-Mill-Gedächtnis-Fehlschuss von Toni Kroos in Minute 13 - wie defensiv.
Bayerns Abwehrverhalten bei den ersten beiden Gegentreffern durch Pavlov (23.) und Rodionov (78.) wird neue Debatten über die internationale Wetterfestigkeit der allesamt unglücklich agierenden Boateng, Dante und Aushilfs-Linksverteidiger Badstuber auslösen.
Erste Kratzer für Martinez und Rotationsprinzip
Erste Kratzer in der öffentlichen Wahrnehmung bekommen auch Heynckes' Rotationen und 40-Millionen-Mann Javi Martinez.
Des Trainers Einschätzung, dass sich die Bayern in Borissow einen Verzicht auf Bastian Schweinsteiger leisten konnten, erwies sich als Fehlannahme.
An der Seite von Luiz Gustavo gab der spanische Neuzugang Javi Martinez ersten Anlass zur Kritik, schaffte es nicht, entscheidende offensive Impulse zu setzen.
"Nicht gut ausgesehen"
"Natürlich haben wir da nicht gut ausgesehen", lautete Heynckes' Fazit der Partie, als "sehr bitter" fasste Manuel Neuer die sportlichen Erlebnisse des Tages zusammen.
Der Nationalkeeper mühte sich aber zugleich, sie als unglücklichen Ausrutscher zusammenzufassen.
"Von der Einstellung her kann man der Mannschaft nichts vorwerfen", so Neuer: "Wir müssen auf jeden Fall dran bleiben, wir müssen die nächsten beiden Spiele gegen Lille gewinnen und mit neun Punkten sieht's wieder besser aus."
Auch Bayerns Klubobere gossen am Ende des Abends kein Öl mehr ins Feuer: Karl-Heinz Rummenigge betonte in seiner Bankettrede Positives, etwa die Vielzahl der erarbeiteten Chancen abseits des Anschlusstreffers von Franck Ribery (90.).

