"Lille wird eine große Aufgabe für Bayern"
Aus Lille berichtet Mathias Frohnapfel
Lille - 500 Kilometer trennen Straßburg, den Geburtsort von Valerien Ismael, und Lille.
Dem Franzosen und Ex-Star des FC Bayern kam es manchmal vor, als liege ein ganzer Kontinent dazwischen, als er zwischen 1998 und 2002 in Nordfrankreich nahe der belgischen Grenze für Lilles Lokalrivalen RC Lens spielte.
Vier Jahre lang lernte er die Region mit ihrem eigentümlichen Dialekt kennen - und schätzen.
Lille 2011 Meister
Vor allem der Aufstieg von OSC Lille beeindruckt den LIGA-total!-Experten und Trainer der zweiten Mannschaft von Hannover 96.
Das Team schnappte sich 2011 den Titel in Frankreich und erreichte auch in diesem Jahr als Tabellendritter wieder die Champions League ( DATENCENTER: Die Champions League).
Doch nach zwei Auftaktpleiten müssen die "Doggen" unbedingt gegen den FC Bayern (ab 20.15 Uhr im LIVE-TICKER) punkten, um nicht vorzeitig alle Chancen aufs Weiterkommen aufzugeben.
Im SPORT1-Interview spricht Ismael über die Form des Tabellenelften der französischen Liga, Lilles Stärken und Bayerns Risiko nach der Pleite bei Bate Borissow.
SPORT1: Herr Ismael, wie würden Sie dem deutschen Fußball-Fan den OSC Lille beschreiben?
Valerien Ismael: Das ist ein Verein, der in den letzten Jahren eine unglaubliche Entwicklung genommen hat. Ich habe ja früher selbst in Lens gespielt, das ist 30 Kilometer von Lille entfernt. Lens war französischer Meister, Champions-League-Teilnehmer und der Verein im Norden. Lille war gerade erst aus der Zweiten Liga aufgestiegen. Dann hat sich das Blatt plötzlich gewendet: Lens ist in der Zweiten Liga, Lille spielt Champions League, hat ein neues Stadion gebaut und besitzt eine Top-Mannschaft.
SPORT1: 2011 wurde der Klub sogar französischer Meister.
Ismael: Damals war das Kollektiv die große Stärke. Jetzt haben sie eine ganz andere Mannschaft, andere Spieler und natürlich auch einen anderen Anspruch. Normalerweise müssten sie mit diesem Kader oben mitspielen, der derzeitige Mittelfeldplatz ist für sie nicht befriedigend. Es wird trotzdem eine große Aufgabe für Bayern.
SPORT1: Rudi Garcia coacht seit 2008 in Lille, ist ein Fixpunkt im Verein. Was kennzeichnet seine Arbeit?
Ismael: Sein Spielsystem. Er weiß, dass die Mannschaft gut verteidigen muss, aber er lässt auch nach vorn spielen. Nolan Roux ist der überragende Spieler, sehr jung, sehr schnell.
SPORT1: Auf wen muss Bayern noch ein Auge haben?
Ismael: Auf Dimitri Payet müssen die Bayern natürlich genauso aufpassen. Außerdem hat Lille Salomon Kalou von Chelsea geholt, einen sehr erfahrenen Spieler. Das sind schon Leute, die Bayern Probleme bereiten können.
SPORT1: Die Region Nord-Pas-de-Calais um Lille ist in Deutschland auch durch den Film "Willkommen bei den Sch'tis" bekannt. Es geht zwar manchmal derb zu, aber die Menschen kommen als sehr bodenständig und herzlich rüber. Haben Sie den Film auch gesehen?
Ismael: Natürlich, das war ein absolutes Highlight in Frankreich. Ich habe vier Jahre in Lens gelebt, ich kenne die Mentalität also ganz genau. So wie es im Film zu sehen ist, ist vieles auch in Wirklichkeit.
SPORT1: Und ist das Französisch, das man dort spricht, tatsächlich so viel anders als in anderen Teilen Frankreichs?
Ismael: Komplett anders (schmunzelt). Es hat einen anderen Klang, es gibt auch andere Worte. Als ich damals begonnen habe, in Lens zu spielen, kam ein Fan und wollte ein Autogramm. Dann sagte er: Du hast ein schönes Auto. Auf Französisch sagt man Voiture, er sagte aber: Du hast eine schöne Carette. Und ich habe gefragt: Was habe ich? Eine schöne Carette. Am nächsten Tag habe ich meine Teamkollegen gefragt: Was bedeutet das? Sie haben alle gelacht.
SPORT1: Der Zusammenhalt ist charakteristisch in der Region, könnte das neue 50.000 Fans fassende Stadion gegen Bayern zum Hexenkessel werden?
Ismael: Für Lille ist es ein absolutes Highlight, wenn eine Mannschaft wie Bayern kommt. Allerdings haben sie gegen Borissow vor eigenem Publikum nach vorne gespielt und wurden ausgekontert, deshalb werden sie gegen Bayern zuerst eher defensiv agieren.
SPORT1: Für Lille ist die Partie so etwas wie der letzte Strohhalm, nachdem sie die beiden ersten Spiele verloren haben. Setzt das womöglich neue Energie frei?
Ismael: Sie stehen unter Druck, um zumindest Platz drei noch zu erreichen, sie brauchen also die Punkte gegen Bayern.
SPORT1: Der FCB hat überraschend bei BATE Borissow verloren. Ihr Ex-Klub dürfte entsprechend motiviert auftreten...
Ismael: Für Bayern war es das Beste, was ihnen passieren konnte, bei Borissow zu verlieren. Sie sind jetzt wach, dürften sich keine Fehler mehr erlauben. Ich glaube, sie werden extrem konzentriert rangehen und auch um die Stärke von Lille wissen.
SPORT1: Was halten Sie bisher von Bayerns Abwehr, besonders der Innenverteidigung mit Dante und Boateng?
Ismael: Ich habe schon vor Dantes Wechsel von Gladbach zu Bayern gesagt, dass er ein absoluter Top-Zugang ist. Er bringt alles mit: er ist kopfballstark, schnell, stark im Spielaufbau, kann wunderschöne Diagonalpässe spielen. Er ist bei Bayern angekommen und schon der Abwehrchef. Boateng ist sehr robust, kompromisslos. Die beiden müssen jetzt diese Leistungen wie in der Bundesliga auch in der Champions League zeigen.