Mega-Messi wird zu Mailands Albtraum
Von Tom Vaagt
München/Barcelona - Lionel Messi brauchte 283 Sekunden.
Ein bisschen "tiki", ein wenig "taka", ein wuchtiger Schuss. Fünf Gegenspieler bildeten nicht mehr als schmucke Verzierung für die nächste Heldentat des Weltfußballers. Das frühe 1:0 des FC Barcelona war für den kurz zuvor noch so hoffnungsvollen AC Mailand der Anfang vom Ende.
Ein weiterer Messi-Streich (40.), David Villas 3:0 (55.) und der Schlusspunkt von Jordi Alba (90.+2) - fertig war das 4:0 (2:0) und der Einzug ins Viertelfinale der Champions League ( Bericht). Beendet war - man mag es kaum so nennen - die "Mini-Krise" der Katalanen. ( DATENCENTER: Die Champions League)
Messi mit 53 Pflichtspieltoren
Drei Niederlagen aus den vorherigen fünf Pflichtspielen, darunter das 0:2 im Hinspiel in Mailand, hatten manchen bereits das Ende der seit Jahre währenden Barca-Herrlichkeit vermusten lassen. Doch die Rechnung wurde ohne den besten Spieler des Planeten gemacht.
"Eine Lehrstunde von Messi", titelte die talienische Gazzetta dello Sport am Mittwochmorgen. Man wollte nicht widersprechen.
53 Pflichtspieltore hat der Argentinier in der laufenden Saison bereits erzielt. Zum Vergleich: Alle Profis des englischen Meisters Manchester City bringen es im bisherigen Verlauf der Premier League auf zusammen 51 Treffer.
Alltäglicher Wahnsinn
Was für andere ein wahnsinniger Tag gewesen wäre, war für Messi anschließend nicht mehr als der alltägliche Wahnsinn. "Solche Leistungen rufen wir schon seit Jahren ab", meinte der Stürmer: "So ein Barca wollen wir und die Fans in jedem Spiel sehen."
"Vielleicht hatten wir in den vorherigen Spielen etwas unsere Form verloren", meinte der 25-Jährige weiter: "Aber wir wussten, dass wir für ein Weiterkommen einfach nur wir selbst sein müssen."
Er selbst hatte sich jedoch nie auf Identitätssuche befunden. Messi trifft fast immer. In der Primera Division liegt sein letztes Spiel ohne eigenen Treffer schon vier Monate zurück. Dennoch hatte es national in den vergangenen Wochen ein wenig gehakt.
"Die Auferstehung von Barca"
In Liga und Pokal war Erzrivale Real Madrid zuletzt zweimal als Sieger vom Platz gegangen. Seit Dienstagabend ist all das aber vergessen. "Es war die Auferstehung von Barca", beschrieb die spanische Tageszeitung "Marca" den glorreichen Champions-League-Abend. "El Mundo Deportivo" ergänzte: "Was für eine Nacht!"
Die Italiener, bei denen auch Kevin-Prince Boateng nie die Form aus dem Hinspiel erreichte, wirkten hilflos.
"Barca war einfach beeindruckend", meinte Milans junger Stürmer M'Baye Niang nach dem freudlosen Abend der Italiener: "Es war, als würden sie mit 22 Spielern auf dem Feld stehen. In der ersten Halbzeit sind wir herumgelaufen wie die Wahnsinnigen."
Pechvogel Niang
Dabei hätte der erst 18-jährige Franzose selbst zum Helden werden können. Kurz vor Messis 2:0 war Niang allein auf Barcelonas Tor zugestürmt - doch sein Schuss klatschte nur an den Pfosten. Es wäre der so wertvolle Auswärtstreffer gewesen und hätte den weiteren Verlauf des Spiels vielleicht maßgeblich beeinflusst.
Doch der Konjunktiv ist kein Freund der Verlierer. Hätte, wäre, könnte - eigentlich egal. Der Indikativ heißt Messi.
Mit seinem Doppelpack schob sich der Südamerikaner in der ewigen Torschützenliste der Champions League an Ruud van Nistelrooy vorbei auf den Platz. 58 Treffer stehen für ihn in der Königsklasse mittlerweile zu Buche. Besser ist nur noch der frühere Schalker Raul (71 Tore).
In Gedanken bei Vilanova
Doch bei aller Freude über persönliche Rekorde und den Einzug in die nächste Runde: Nach dem 4:0 gab es auch Momente der Besinnung. Augenblicke, in denen die Gedanken der Barca-Stars bei ihrem an Krebs erkrankten Trainer Tito Vilanova waren.
"Wir sind im ständigen Kontakt mit ihm. Seine Genesung läuft gut und er wird bald wieder hier sein", sagte Co-Trainer Jordi Roura. Am 25. Mai will man gemeinsam feiern - nach dem Champions-League-Finale im Londoner Wembleystadion.
Zweifel, dass Barcas Marsch durch den Wettbewerb schon vorher endet, scheinen manchem wenig angebracht. "Gemeinsam sind wir nicht zu stoppen", twitterte Mittelfeldspieler Andres Iniesta am Dienstag noch aus der Kabine.
Die "Mini-Krise" war begraben. Der "Mega-Traum" wieder voller Leben.