Nach Beinahe-Aus: Bayerns Bosse toben
Vom FC Bayern berichten Mathias Frohnapfel,
Tom Vaagt und Christian Ortlepp
München - Die Glückwünsche zum Einzug ins Viertelfinale nahm Uli Hoeneß mit Sarkasmus entgegen.
"The trend is your friend. Wir spielen seit drei Wochen schönen Dreck", schimpfte Bayerns Präsident im Gespräch mit SPORT1.
Die 0:2-Pleite gegen den FC Arsenal ( Bericht) nervte den 61-Jährigen ungemein, nur die Prachtleistung im Hinspiel samt 3:1-Sieg verhinderte den Rauswurf aus der Champions League.
"Das war der letzte Warnschuss für die Mannschaft nach dem schwachen Spiel in Hoffenheim und dem glücklichen Sieg gegen Düsseldorf", grollte Hoeneß und legte nach: "Wir sind mit Ach und Krach weitergekommen."
Nach Koscielny-Tor am Abgrund
Von einem Viertelfinal-Wunschgegner bei der Auslosung am Freitag wollte Hoeneß nichts hören. Erstmal müsse die Mannschaft, bitteschön, wieder "mit Spannung ran gehen".
Genau die fehlte den Münchnern aber gegen Arsenal lange Zeit völlig. (DIASHOW: Die Bilder des Spiels)
Nach dem hochgepriesenen Erfolg in London schien ein Scheitern für sie wohl ungefähr so realistisch wie die Benennung eines neuen Papsts aus - sagen wir - Argentinien.
Olivier Giroud bestrafte nach drei Minuten die bayerischen Träumereien und kurz vor Schluss schubste Laurent Koscielnys Tor den FCB an den Abgrund. Dass es nicht zum Absturz kam, konnte Bayerns Chefgrantler nicht besänftigen.
"Ich bin noch immer fassungslos"
Franz Beckenbauer, gerade frisch vom Laureus Award aus Brasilien zurückgekehrt, schaute entgeistert, als ob er wegen der Schneewalze am Flughafen in einem Feldbett übernachtet hätte.
"Ich bin immer noch fassungslos, wie man so Fußball spielen kann", zeterte der FCB-Ehrenpräsident bei "sky".
"Ich dachte, die Krönung am Samstag gegen Düsseldorf wäre genug gewesen. Jetzt gab's noch mal eine Steigerung. Sie haben ohne Einsatz, ohne Konzentration gespielt - bis zum Ende."
Eine Watschn links und eine rechts also. Matthias Sammer warnte lediglich: "Wir dürfen in keinen Trott reinkommen", sagte er und rauschte dann wie von bösen Geistern getrieben durch die Mixed Zone.
Heynckes vermisst Ruhe und Spielkontrolle
Trainer Jupp Heynckes musste sich dagegen notgedrungen länger stellen.
Ohne den gesperrten Bastian Schweinsteiger fehlte seinem Team die ordnende Hand und der verletzte Offensiv-Dauerwirbler Franck Ribery ist in der Champions League nicht zu ersetzen - durch den oft eigensinnigen Arjen Robben schon gar nicht.
"Wir haben das Spiel nicht wie gewohnt kontrolliert, nicht die Ruhe gehabt", stellte Heynckes fest. "Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen. Das muss uns eine Lehre sein."
Tatsächlich brachten es die Bayern gerade einmal auf 54 Prozent Ballbesitz und acht gezielte Torschüsse. ( DATENCENTER: Die Champions League)
Und die Schreie der Spieler waren teilweise bis in die oberen Ränge zu hören.
Formdelle zur Unzeit?
Aus Protest gegen die Sitzplatz-Politik der UEFA blieben erneut viele Plätze in der Südkurve frei, die Arena war daher so weit von einem Hexenkessel entfernt wie die Münchner von der Traumform vor drei Wochen.
Nur zur Erinnerung: Nach dem 3:1-Erfolg in London hatte Hoeneß noch von "Fußball aus dem Lehrbuch" geschwärmt.
Umso größer ist jetzt die Fallhöhe für die eigenen Ansprüche. Die erste Pflichtspielniederlage im Jahr 2013 entzauberte die goldenen Bayern ziemlich.
Zudem drängt sich in Bayerns Chefetage die Frage auf: Gerät das Team, schon seit dem Dortmund-Sieg nicht mehr überzeugend, in eine Formdelle? Sie käme zur Unzeit angesichts der nahenden Hammeraufgaben in Champions League und DFB-Pokal.
Im Viertelfinal-Hinspiel wird Javier Martinez wegen seiner dritten Gelben Karte gesperrt fehlen - ein weiterer bitterer Aspekt des fast total vergeigten Abends.
Noch kein Gespräch zwischen Rummenigge und Heynckes
"In der Champions League hängen die Trauben noch", mahnte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge und forderte "Demut" ein.
Die Unstimmigkeiten mit Heynckes bleiben, nachdem dieser brüsk Rummenigges Angebot auf einen Posten im Verwaltungsbeirat abgewiesen hatte.
Darüber zu reden sei keine Zeit gewesen, sagte Rummenigge dazu nur knapp.
Brocken warten auf Bayern
Real, Barcelona und Dortmund heißen potenzielle Viertelfinal-Gegner der Roten, keiner dieser Hochkaräter dürfte Freude auslösen.
Die Bayern-Profis selbst mühten sich am Mittwochabend kurz vor Mitternacht um Sachlichkeit: "Wir müssen jetzt nur ruhig bleiben", sagte Luiz Gustavo auf SPORT1-Nachfrage. "Im Fußball verliert man auch mal, das ist ganz normal."
Müller: "Jeder kann sich seine Gedanken machen"
Ähnlich formulierte es Thomas Müller, nachdem er die hektischen Schlussminuten halbwegs verdaut hatte. "Vielleicht ist so ein Negativerlebnis gar nicht so schlecht, zumindest wenn man trotzdem weiterkommt. Da kann sich jeder selbst seine Gedanken machen."
Nicht nur Hoeneß dürfte vor dem Spiel in Leverkusen am Samstag auf den Lerneffekt gespannt sein.
Arsenal geht mit erhobenem Haupt
Bei den Londoner genoss man indes trotz Aus die Demonstration neuer Stärke.
"Wir hatten die Bayern am Rande des Ausscheidens. Das ist sehr, sehr bemerkenswert. Daraus können wir viel Kraft ziehen", sagte Per Mertesacker.
Am Ausscheiden aller Premier-League-Klubs ändert das aber auch nichts.