Klinsmann trotzt dem Reizklima
Von Daniel Rathjen
München - Jürgen Klinsmann ging mit, als stünde er selbst auf dem Feld.
In der zweiten Halbzeit des Viertelfinal-Rückspiels gegen den FC Barcelona entledigte sich der Trainer des FC Bayern seiner schwarzen Jacke und krempelte die Ärmel seines blauen Hemdes hoch.
Innerlich führte er jeden Zweikampf mit, gestikulierte und streifte wie ein Tiger im Käfig durch die Coaching-Zone.
Der Trainer hatte das Wunder vor Augen nach der Schmach des Hinspiels (0:4) - das blieb jedoch wie erwartet aus (Spielbericht: Das Wunder bleibt aus).
Letztlich verabschiedete sich sein Team mit einem ansehnlichen 1:1 (0:0) aus der Champions League. "Wir haben uns hervorragend verkauft", bilanzierte Klinsmann danach.
Fans provozieren Klinsmann
Das Remis gegen die Übermacht aus Katalonien war in Sachen Kampf und Engagement eine kleine Wiedergutmachung. Trotzdem wurde Klinsmann von einem Teil der Fans verhöhnt.
"Ottmar Hitzfeld, du bist der beste Mann", schallte es, ausgehend von der Südkurve, durch die Allianz Arena.
Rufe nach "Hermann Gerland“, dem kultigen Schleifer von Bayern II, und Ex-Meistertrainer Udo Lattek, dem Mann der vergangenen Mittwoch geweint hatte, wurden laut, ehe es "Lothar Matthäus"-Sprechchöre gab. Auch "Mehmet Scholl" wurde gefeiert.
Es war eine eindeutige Provokation: Der Fußball war in Ordnung, doch um Klinsmann herrschte Reizklima.
Hoeneß wortkarg
Die uneingeschränkte Unterstützung seiner Bosse hat der Cheftrainer offenbar auch nicht mehr.
Warum sonst sollte Manager Uli Hoeneß zu den Schmähgesängen nur sagen: "Ich kann das nur zur Kenntnis nehmen - und mehr nicht"?
Das Remis gegen Barca reichte offenbar nicht zur Wiedergutmachung nach der Hinspiel-Blamage und dem 1:5 beim VfL Wolfsburg.
Kämpferischer Klinsmann
Am Mittwoch wirkte das beim Trainer noch nach.
"Wenn die Fans pfeifen, registriere ich das natürlich. Und es tut schon ein Stück weit weh. Doch letztlich ist es meine Aufgabe, auch diesen Teil der Fans noch zu überzeugen", sagte er beim Pressetalk auf dem Vereinsgelände an der Säbener Straße zu Sport1.de.
Klinsmann gab sich kämpferisch. "Die unzufriedenen Fans waren nicht allzu viel im Vergleich zu den insgesamt 66.000 Zuschauern, die im Stadion waren.“
Für ihn gelte es nun, diese durch "Titel und erfolgreiche Spiele" zu überzeugen.
"Wir haben in diesem Jahr viel bewegt", stellte er klar. "Wir hatten in dieser Saison mit vielen Problemen zu kämpfen. Trotzdem sind wir guter Hoffnung, dass wir sie mit der Meisterschaft erfolgreich abschließen können."
"Viel Aufbauarbeit"
Konfrontiert mit den Namen, die ihm die Zuschauer provokativ um die Ohren schleuderten, musste er kurz lachen, um dann zu sagen: "Die möchte ich nicht kommentieren."
Klinsmann ist weiterhin fest davon überzeugt, dass er auch in der kommenden Saison Trainer in München ist.
"Ich habe einen Zweijahresvertrag und den werde ich erfüllen - Minimum. Wir haben viel Aufbauarbeit geleistet in diesem Jahr, die Zeit brauchte. Wir haben eine andere Form der Arbeit geschaffen, die einen höheren physischen Anspruch hat, um schneller spielen zu können", erklärte er weiter.
Dass das beim FC Bayern eine Gratwanderung bedeute, sei ihm dabei durchaus bewusst.
Ziele in der Königsklasse erreicht
Seine Bilanz in der "Königsklasse" fiel indes positiv aus. "Die Vorgabe des Vereins war, das Achtelfinale zu erreichen, wir haben das Viertelfinale erreicht und sind gegen die beste Mannschaft Europas an unsere Grenzen gestoßen", sagte "Klinsi" auf Nachfrage von Sport1.de.
"Wir sind gegen eine Mannschaft ausgeschieden, die eine Klasse besser ist. Was Barcelona uns voraus hat, ist eine zusammenhängende Philosophie", sagte Klinsmann und kritisierte damit die gewachsene Struktur des FC Bayern.
"Bei Barca hat jeder diese Philosophie verinnerlicht, der U15-Trainer, der U17-Trainer, der Trainer der zweiten Mannschaft und Trainer Josep Guardiola haben alle dieselbe Philosophie."
Für ihn sei das Hinspiel im Camp Nou der Knackpunkt gewesen, "als wir zu ersatzgeschwächt ins Spiel gegangen sind. Das haben wir nicht kompensieren können".
Jetzt muss er sich vollkommen auf die Bundesliga konzentrieren - und muss bei den verbleibenden sieben Spielen auf einen Ausrutscher von Spitzenreiter Wolfsburg hoffen.
"Wir haben nach wie vor die Chance, Deutscher Meister zu werden und wir werden in dieser Saison keine Ruhe geben - bis zum letzten Atemzug."
"Kaiser" ist Meisterschaft nicht wichtig
Doch womöglich steht Klinsmann am Saisonende ohne Titel da. "Es ist die Erwartung beim FC Bayern, dass man Meister wird", weiß der Coach.
Doch Präsident Franz Beckenbauer sagte dazu auch lapidar: "Ach was, es ist so viel schief gelaufen in dieser Saison, da wäre ich persönlich gar nicht so sauer oder traurig, wenn wir nicht Meister werden. Allerdings ist die Champions-League-Qualifikation wichtig. Ich möchte nicht wieder nach Braga! Da gehört der FC Bayern nicht hin!" ("Wäre mit Platz zwei zufrieden")
Jeder weiß jedoch, dass Klinsmann den Titel braucht. Auch, um sich mit den Fans vielleicht doch noch zu versöhnen.
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