Norden im Stimmungstief: Pokalversager planen um
Von Thorsten Langenbahn
Münster/Karlsruhe - Mit hängenden Köpfen, die Hände auf die Oberschenkel gestützt, pumpte die Werder-Abwehr in einer Spielpause der Verlängerung nach Luft.
Die Spieler von Preußen Münster hielten beim Stand von 2:2 dagegen die Köpfe oben - trotz 37 Grad im Schatten.
Am Ende hatte der Drittligist beim 4:2-Erfolg den längeren Atem ( Bericht).
"Das war ein geiler Tag für uns", sagte Münsters dreifacher Torschütze Matthew Taylor (30). Nach dem Spiel lief bei dem US-Amerikaner erstmal gar nichts mehr, so ausgelaugt war er.
Dreieinhalb Liter Wasser, anderthalb Liter Bier und einen Liter Cola später hatte er die Dopingprobe mehr als zwei Stunden nach dem Abpfiff endlich überstanden - und strahlte trotz dieser Extraschicht überglücklich.
HSV-Aus beim Drittliga-18.
Die enttäuschten Werder-Profis saßen da längst im klimatisierten Bus gen Norden. (DATENCENTER: Alle Spiele der 1. Runde)
Dort sitzt der Pokalfrust tief. Werder beim 2:4 kalt erwischt, der HSV mit dem gleichen Ergebnis schon nach 90 Minuten beim Drittliga-18. Karlsruhe ausgeschieden.
"Die gute Vorbereitung haben wir uns jetzt selber wieder ein bisschen kaputt gemacht - wie im vergangenen Jahr auch schon", sagte Werder-Spielmacher Aaron Hunt zu SPORT1 enttäuscht.
Werder-Abwehr als Hühnerhaufen ausgelacht
Die Werder-Abwehr musste sich beim ersten Auftritt im umstrittenen Trikot mit der Werbung für einen großen Geflügelfabrikanten auf der Brust als Hühnerhaufen verspotten lassen, so groß war das Durcheinander in der Viererkette.
Vorne fehlte Bayern-Leihgabe Nils Petersen als alleiniger Spitze die Durchschlagskraft.
"Als ich vor einigen Jahren mit dem FSV Frankfurt gegen Werder gespielt habe, waren sie vorne mit Almeida und Pizarro ein bisschen stärker. Das war eine andere Mannschaft", sagte Matchwinner Taylor zu SPORT1.
Zwar waren Münster und Karlsruhe nach fünf Ligapsielen schon im Rhythmus, was aber nicht die schwache mentale Seite bei den Bundesligisten erklärt. Beide lagen zweimal vorne - und gaben diese Führung wiederholt aus der Hand.
"Wenn man zweimal führt, müssen wir uns cleverer anstellen und unsere spielerischen Qualitäten besser ausspielen, gerade bei diesen extremen Temperaturen", kritisierte Werder-Kapitän Clemens Fritz.
Angst vor einer weiteren Zittersaison
Die Angst vor dem Fehlstart ist groß - und vor einer weiteren Zittersaison noch viel größer. Vor allem beim HSV, wo sich die schwachen Vorstellungen der Vorbereitung fortsetzten.
Die Abwehr ein Torso, Ex-Nationaltorhüter Rene Adler flatterhaft, das Mittelfeld ideenlos, der Angriff harmlos. "Wir können nicht vier Tore kassieren. So verlierst du jedes Spiel", sagte der schwedische Angreifer Marcus Berg.
"Die Kritik, die wir jetzt bekommen werden, ist berechtigt", gestand HSV-Trainer Thorsten Fink ein. "Wir müssen mit dem Druck umgehen."
Auf Straftraining oder direkte Konsequenzen verzichtete der Coach am Tag nach der Pleite. Sportchef Frank Arnesen ärgerte sich zwar über das Aus, richtete den Blick aber schon nach vorne.
"Am Samstag haben wir ein wichtiges Spiel gegen Nürnberg", sagte der Däne am Montagvormittag und beteuerte, er glaube "weiterhin an die Qualität des Kaders".
Münster durch Erfolg schuldenfrei
Für das Bundesliga-Gründungsmitglied Preußen Münster war der Pokalerfolg nicht nur sportlich bedeutsam. Dank der Einnahmen können sie vorzeitig ihre letzte Rate tilgen - und sind damit schuldenfrei.
Werder und der HSV gehen dagegen mit einer Hypothek in die neue Saison. Die Pleiten belasten die Klubs nicht nur wegen der schlechten Stimmung im Umfeld.
"Jetzt zeigt es sich, wie weit wir auch als Mannschaft sind. Ob wir uns durch so ein Spiel völlig aus dem Rhythmus bringen lassen und alles nur noch ins Negative umschlägt. Auch wenn die Enttäuschung riesig ist, müssen wir nach vorne schauen", sagte Bremens Kapitän Fritz nach dem ersten Härtest.
HSV hatte 1,4 Millionen Euro eingeplant
Bremens Manager Klaus Alloffs kostet die Blamage ebenfalls Millionen-Einnahmen. Der fast sichere Wechsel des nigerianischen Stürmers Joseph Akpala (25) vom FC Brügge ist durch das Aus gefährdet.
"Wir waren auf einem guten Weg. Aber finanziell haben wir nun eine völlig neue Situation, denn wir haben mit der zweiten Runde gerechnet. Diese Mittel sind nun nicht mehr da. Wir müssen schauen, ob wir das noch realisieren können", sagte Allofs über den geplanten Akpala-Transfer in Höhe von 1,2 Millionen Euro.
Die Hamburger hatten sogar das Erreichen der dritten Pokalrunde im Etat einkalkuliert. So fehlen den Hanseaten schon vor dem ersten Spieltag gegen den 1. FC Nürnberg 1,4 Millionen Euro.
Badelj kommt erst im September
Hoffnungsträger Milan Badelj spielt mit Dinamo Zagreb erst noch in der Champions-League-Qualifikation, ehe der Spielmacher Anfang September zum HSV stößt.
Der 23-Jährige soll ein Anführer sein, ein Spielgestalter, Denker und Lenker - den hat der HSV bitter nötig.
So oder so müssen Fink und Sportchef Frank Arnesen bei der offensichtlich fehlenden Qualität schnell nachbessern. Die Not ist groß, Ideen sind nicht erkennbar.
Bremen und der HSV kommen schon vor dem Bundesliga-Auftakt mächtig ins Schwitzen. Der ein oder andere ist versucht, es für Angstschweiß zu halten.


