

"Solche Spiele sind nicht gesund"
Aus Hamburg berichten Martin van de Flierdt und Björn Huth
Hamburg - Wenn die Serie hält, was der Auftakt versprochen hat, dann wird man sich an diese vier Nordduelle innerhalb von 19 Tagen noch lange erinnern.
"Das sind Spiele, die nicht gesund für das Herz und die Stimme sind", bekannte Bremens Geschäftsführer Klaus Allofs im Anschluss an den nervenaufreibenden 4:2 (1:1, 0:0)-Erfolg nach Elfmeterschießen im DFB-Pokal-Halbfinale beim Hamburger SV (SPIELBERICHT: Wahnsinns-Wiese bringt Werder nach Berlin).
"Was heute hier abging, war alles, was man sich von so einem Derby erwartet", meinte Clemens Fritz (DIASHOW: Tritte, Giftpfeile, Derby-Wahn).
"Beide Teams haben auf Sieg gespielt, sich alles abverlangt. Viel Kampf, viele Chancen, Rote Karte, Elfmeterschießen - es war alles drin. Am Ende haben wir uns mit unserem absoluten Willen durchgesetzt." (DIASHOW: Die Bilder des Spiels)
Werder vor sechstem Pokaltriumph
Die Bremer können nun die bislang enttäuschende Saison mit dem sechsten Pokaltriumph am 30. Mai in Berlin gegen Bayer Leverkusen noch zu einem Erfolg machen.
Die am Boden zerstörten Hamburger dagegen bleibt nun noch die Chance auf einen Titel im UEFA-Cup und in der Meisterschaft.
Dennoch war das Verpassen des ersten Pokalfinals seit 1987 ein herber Dämpfer für den HSV, zumal die Gastgeber nach der Pause einem Sieg näher waren.
Bis dahin hatte Werder das Spiel dominiert und hätte sogar mehr als nur das 0:1 durch Per Mertesacker (11.) erzielen können.
HSV nach der Pause besser
Doch nach der taktischen Umstellung von HSV-Coach Martin Jol zur Pause übernahmen die "Rothosen" das Kommando.
Der Ausgleich durch Ivica Olic (67.) war ebenso verdient wie folgerichtig. Auch durch den Ausfall von Mladen Petric, der wegen einer Risswunde im Scheinbein wohl drei Wochen fehlen wird, ließ sich das Team nicht schocken.
Doch dann brachte HSV-Kapitän David Jarolim in der Nachspielzeit direkt vor der Bremer Bank den durchgestarteten Mesut Özil rustikal zu Fall und sah von Schiedsrichter Knut Kircher die Rote Karte.
"Jarolim war letzter Mann"
"Das war ein klares Foul. Er hat es dabei nur auf mich abgesehen und zu keinem Zeitpunkt auf den Ball", fand Özil. "Dazu war er auch noch letzter Mann. Wenn ich da vorbei gekommen wäre, hätte er mich wohl nicht mehr eingeholt."
Werder-Coach Thomas Schaaf hatte auf die Szene direkt vor seinen Augen mit wütenden Gesten reagiert.
"Bei der Roten Karte hatte ich einfach Angst um Mesut Özil, alles andere ist mir egal", verteidigte er sich später gegen den Vorwurf, den Platzverweis für Jarolim gefordert zu haben.
Verständnis für die Bremer Bank
"Aber es ist klar, dass man sich aufregt, wenn genau drei Meter vor einem ein Spieler so abgegrätscht wird, der alleine aufs Tor zu geht", fand Allofs, und erhielt sogar Zustimmung vom Gegner.
"Ich glaube, wir wären auch so aufgesprungen", meinte HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer. "Es ist schwierig, da einen Vorwurf zu machen. Bei der Hitzigkeit kann man das ein Stück weit nachvollziehen - auch wenn es nicht schön aussieht."
Trotz Unterzahl lieferten die Hamburger Werder in der Verlängerung einen offenen Schlagabtausch und besaßen sogar die besseren Chancen zum Siegtreffer.
Elfmeterschießen ohne Spezialisten
"Wir haben gekämpft bis zum Ende und haben das mit zehn Mann nicht schlecht gemacht", urteilte Jol.
"Dann kam das Elfmeterschießen, und unsere Spezialisten wie Petric, Jarolim und Guerrero waren schon draußen. Vielleicht hätte ich einen Elfmeter schießen sollen."
Ob er an Tim Wiese an diesem Abend vorbei gekommen wäre, darf allerdings bezweifelt werden.
Wiese hält drei Elfmeter
Werders Schlussmann, der im Vorfeld der Begegnung mit provokanten Äußerungen aufgefallen war, ließ sich nur von Joris Mathijsen überwinden, ehe er die Schüsse von Jerome Boateng, Ivica Olic und Marcell Jansen allesamt parierte.
"Wenn ich mich schon als Sprüchereißer betätige, muss ich ja auch was zeigen", meinte Wiese.
"Er war heute perfekt", lobte Spielmacher Diego. "Drei gehaltene Elfmeter sprechen für sich. Tim war da, als wir ihn brauchten."
Die Rote Karte für Hamburgs Jarolim
Teil eins des Nord-Vierteilers ging also an Bremen. Was heißt das für die nächsten Begegnungen?
Fortsetzung schon in den Köpfen
"Wenn man das erste Spiel gewonnen hat, kann das zu einer größeren Gelassenheit führen, so dass man nicht verkrampft", glaubt Allofs: "Ansonsten geht alles wieder bei null los."
Hamburgs Innenverteidiger Michael Gravgaard hat das DFB-Pokal-Halbfinale schon abgehakt: "Wir haben heute eine Chance verpasst. Die nächste im UEFA-Cup wollen wir nutzen."
Der kommende Donnerstag hat in den Köpfen der Beteiligten quasi schon begonnen.
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