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Im Finale 1980 gegen Belgien siegt Deutschland mit 2:1 © getty

1980 holt Deutschland den Europameisterschaftstitel. Die Zutaten zu diesem Erfolg waren Kampf, Religion und ein Ungeheuer.

Von Nils Reschke

München - Wir schreiben das Jahr 1980, in dem das DFB-Team zum dritten Mal in Folge bei einer Europameisterschaft im Endspiel stand und dieses zum zweiten Mal mit dem Titelgewinn krönte.

Doch von der Jahrhundertelf, die 1972 geboren wurde, war nicht mehr viel übrig geblieben.

Das galt zum einen natürlich für das Personal. Das betraf vor allem aber auch die spielerischen Aspekte.

Zwei Jahre zuvor hatten die Adlerträger die "Schmach von Cordoba", das peinliche 2:3 gegen Österreich bei der WM verdauen müssen. Und als Nachwehen Cordobas standen nun Kampf (und gewiss auch Krampf) auf der Tagesordnung, anstelle von Spielkultur.

Von der 72er-Mannschaft war die DFB-Elf 1980 so weit entfernt wie Hoffenheim von der Deutschen Meisterschaft. Und doch: Das Team von Jupp Derwall bewies, was sich im Fußball dank unbändigem Willen bewerkstelligen lässt. Kämpferherz, eine Audienz beim Papst und ein "Kopfballungeheuer" waren die Zutaten zum zweiten EM-Triumph nach 1972.

Flop auf der ganzen Linie

Für Gastgeber Italien, das zum zweiten Mal eine EM ausrichtete, war es keine Premiere. Der Modus indes war neu: Erstmals spielten acht Mannschaften in zwei Gruppen, wobei sich die beiden Gruppensieger am Ende im Finale gegenüberstehen sollte.

Und 1980 war auch so etwas wie die Geburtsstunde des Merchandising bei einer Europameisterschaft: Man erfand das erste EM-Turniermaskottchen namens Pinocchio, welches allerdings eines gemein hatte mit Goleo IV und seinem Kumpel Pille: Es floppte auf der ganzen Linie. Das aber nur am Rande.

Die Spiele während dieser EURO waren im Übrigen ähnlich geschmacklos wie so manches Maskottchen. Größtenteils war das Fußball zum Abgewöhnen ? und Deutschland mittendrin.

Kein Gerd Müller ? aber ein Horst

Dass über die DFB-Elf an dieser Stelle überhaupt geschrieben wird, hat sie zahlreicher Fakten zu verdanken. Zunächst einmal hatten die Adlerträger unter Jupp Derwall nach der besagten "Schmach von Cordoba" 15 Spiele in Serie nicht mehr verloren.

Auch in der Qualifikation gegen Türkei, Wales und Malta setzten sie sich unter dem Strich sicher durch, wenngleich das 0:0 auf Malta doch einem Armutszeugnis gleichkam. Für 15 Akteure des EM-Kaders war es das erste große Turnier überhaupt.

In der Mannschaft gab es keine Beckenbauer mehr, keine Netzer ? und auch auf Gerd Müllers Treffer mussten Deutschlands Fans nun verzichten. Dafür schrieben andere Angreifer während des Turniers Geschichte. Der Reihe nach...

"Toni" im Tor

Dass es die deutschen Kicker auf durchschnittlich gerade einmal gut elf Länderspiele pro Nase brachten, war vielleicht das große Plus des Teams, in dem eine prächtige Stimmung herrschte.

Dabei waren die Voraussetzungen für ein großes Turnier alles andere als rosig gewiesen. Sepp Maier musste nach seinem schweren Autounfall seine Karriere beenden. Es brach eine neue Ära im deutschen Tor an.

Die des Harald Schumacher vom 1. FC Köln, von allen nur "Toni" genannt.

Und auch im Sturm war Bundestrainer Jupp Derwall zu Änderungen gezwungen. Weil sich Klaus Fischer vor der Europameisterschaft das Bein brach, nominierte Jupp Derwall Horst Hrubesch, ohne damals zu wissen, dass damit ein weiteres Kapitel in der deutschen Fußball-Historie geschrieben wurde.

Schlaflose Nacht für Derwall

Für die Deutschen begann das Turnier mit einem Treffer von Karl-Heinz Rummenigge, einer der wenigen Stars im Team, und der Revanche gegen die Tschechoslowakei, die im Endspiel 1976 die Deutschen noch genarrt hatte.

Dieses Mal behielt die DFB-Elf aber mit 1:0 die Oberhand. Nach Rummenigge hieß der Held im zweiten Vorrundenspiel gegen den Erzrivalen aus Holland Klaus Allofs von Fortuna Düsseldorf.

Er erzielte alle drei Tore beim 3:2-Triumph, wodurch das letzte Match gegen Griechenland an Bedeutung verloren hatte. Deutschland war Gruppensieger und hatte das Endspiel erreicht.

Bemerkenswert am Sieg gegen Oranje war allerdings, dass Horst Hrubesch praktisch auf "Anordnung" erboster Fans erstmals zum Einsatz gekommen war.

Denn der Boulevard hatte Derwalls Hotel-Telefonnummer nach dem wenig glamourösen 1:0 gegen die Tschechen veröffentlicht ? was dem Bundestrainer eine schlaflose Nacht und wüste Beschimpfungen bescherte, worauf er seine Aufstellung änderte und eben auch den HSV-Angreifer brachte.

Der Papst irrt nie

Doch auch der wusste nicht zu überzeugen. Es wurde nicht besser. Gegen Griechenland lief eine bessere B-Elf, mit Hrubesch, auf, die nicht mehr als nötig tat und in einem erbärmlichen Match 0:0 spielte.

Doch bereits vor der Partie gegen die Hellenen tat sich fast Göttliches. Bei einer Papst-Audienz im Vatikan winkte der "Heilige Vater" dem DFB-Tross zu, hob zwei Finger in die Luft, als wolle er ihnen mit dem Victory-Zeichen verdeutlichen: Jungs, dieses Endspiel ist eures.

Diese Szene sorgte für mehr als Heiterkeit, erst recht, als die anwesenden Journalisten mit dem HSV-Stürmer Hrubesch flachsten: "Horst, er meint, Du sollst zwei Buden machen." Was dann im Olympiastadion zu Rom an jenem 22. Juni gegen Belgien passierte ist hinlänglich bekannt ? und angesichts dieser Anekdote noch erstaunlicher.

Das Ungeheuer ist zur Stelle

Hrubesch hatte Deutschland bereits nach zehn Minuten in Front gebracht. Doch der Außenseiter, der die anderen Gruppe mit Italien, England und Spanien fast sensationell als Gruppensieger beendet hatte, schlug zurück, glich nach 72 Minuten durch einen Strafstoß von Rene Vandereycken aus.

Dann brach die Schlussphase an. Ein letzter Eckball, den "Kalle" Rummenigge energisch in den belgischen Strafraum flankte. Und wieder hielt Horst seinen Eisenschädel hin. 2:1! Das "Kopfballungeheuer" hatte zum zweiten Mal zugeschlagen. Eben so, wie es der Papst vorhergesagt hatte.

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