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Unterkühltes Verhältnis: DFB-Sportdirektor Matthias Sammer und Oliver Bierhoff © getty

Die U 21 hat das Halbfinale bei der Europameisterschaft im Blick. Doch intern schwillt ein ernstzunehmender Konflikt.

Von Martin Hoffmann und Mathias Frohnapfel

München - Die U-21-Nationalelf steht vorm Einzug ins EM-Halbfinale.

Nach dem 2:0-Erfolg über Finnland genügt am Montag ein Punkt gegen England (ab 20.30 Uhr LIVE), um ein erstes wichtiges Ziel zu erreichen. (DATENCENTER: Die U-21-EM)

Derweil ächzt und knirscht es aber gewaltig zwischen den Verantwortlichen des DFB.

Die Kompetenz für die U 21 ist das große Konfliktthema zwischen Sportdirektor Matthias Sammer auf der einen Seite und Bundestrainer Joachim Löw sowie Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff auf der anderen Seite.

Zwanziger ärgert sich über Streit

Auch DFB-Präsident Theo Zwanziger hat sich inzwischen zu Wort gemeldet.

"Ich habe mich geärgert, dass in der Nähe eines so wichtigen Turniers ein Konflikt aufbricht", sagte er der "Bild".

Hintergrund ist, dass Sammer in einem Interview mit der "FAZ" sich mehr Rechte für die U 21 gewünscht hat.

Er sprach davon, den Übergang zwischen "Nachwuchs- und Männerbereich fließend und somit effektiver zu gestalten".

Sammer fordert mehr Rechte

Seine Forderung: "Auch beim DFB weiß man, dass ich das in meiner Funktion als Sportdirektor anstebe. Man darf da einiges beim DFB künftig nicht mehr trennen - weder gedanklich noch personell."

Theo Zwanziger stellte nun klar, dass Löw die Gesamtverantwortung trägt, "wenn er U-21-Spieler sichtet und für die A-Nationalelf braucht".

Er mahnte in der "FAZ":

"Wir haben in diesem Jahr große Aufgaben vor uns. Da gibt es Wichtigeres, als Kompetenzfragen in den Raum zu stellen. Da werden öffentlich nicht mehr Erfolge und inhaltliche Fragen diskutiert. Es wird dann nur gefragt: Vertragen die sich noch?"

Hrubesch: "Mannschaft hat sich damit nicht befasst"

U-21-Coach Horst Hrubesch wollte sich seine Verärgerung über die Ablenkung auf dem Weg zum ersten EM-Titel nicht anmerken lassen.

"Es wäre blauäugig zu glauben, dass die Spieler das nicht mitbekommen. Aber die Mannschaft hat sich damit nicht befasst, und ich hoffe, dass das so bleibt", sagte Hrubesch.

Auch zwischen Bierhoff und Sammer gab es in der Vergangenheit Spannungen.

Gemeinsam mit Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann stemmte sich Bierhoff einst gegen Sammer als DFB-Sportdirektor.

Schon Besetzung U-21-Trainer diskutiert

Laut Vertrag ist festgeschrieben, dass bei der U21 als Schnittstelle zwischen dem Jugendbereich, für den der Sportdirektor zuständig ist, und dem von Löw betreuten A-Team der Bundestrainer im Zweifelsfall die Entscheidung zu treffen hat.

Da beiden Seiten Kompetenzen zugesprochen wurden, hatte sich vor einem halben Jahr bereits die Suche nach einem neuen U21-Trainer in die Länge gezogen, ehe man sich auf Rainer Adrion vom VfB Stuttgart einigte.

Am Donnerstagnachmittag sollen Löw und Sammer sich ausgesprochen haben, im Stadion in Halmstad saßen sie allerdings am Abend in unterschiedlichen Reihen

Charaktertest bestanden

Unter den Augen der DFB-Verantwortlichen schafften es derweil die deutschen Jungspieler, gegen Finnland eine wichtige Reifeprüfung zu bestehen (zum Spielbericht: Özil öffnet Tor zum Halbfinale)

Das C-Wort war das große Thema vor diesem zweiten Gruppenspiel bei der U-21-EM.

Charakter müsse das deutsche Team gegen Finnland beweisen, so hatten es Trainer Horst Hrubesch und DFB-Sportdirektor Sammer fast wortgleich formuliert. Beim Remis gegen die spanischen Zauberlehrlinge zu glänzen - schön und gut.

Aber erst gegen den unangenehmen Außenseiter aus dem hohen Norden würde sich die wahre Reife des deutschen Teams beweisen.

Zwiespältiges Ergebnis

Das Ergebnis dieses Charaktertests ist aber etwas zwiespältig ausgefallen. Die deutsche Elf hat 2:0 gewonnen und vor dem entscheidenden Spiel gegen England einen wichtigen Schritt Richtung Halbfinale gemacht.

Aber der Weg dorthin war ein überaus holpriger.

Frust war anzumerken

Vor dem Doppelschlag durch Benedikt Höwedes und Ashkan Dejagah zwischen Minute 58 und 61 machte Deutschland offensiv kaum einen Stich gegen die gut organisierten und bissigen Finnen.

Der Frust darüber war den DFB-Akteuren anzumerken - am deutlichsten Marko Marin bei seinem Frustfoul gegen Finnen-Keeper Anssi Jaakkola.

"Es war eine schwere Geburt", musste Höwedes festhalten.

Er erklärte die ausgerufene Charakterprüfung hinterher dennoch für bestanden: Charakter sei eine Eigenschaft, "die Mannschaft in sich hat und ich denke, das haben wir bewiesen". 119604(DIASHOW: Die Bilder des Spiels)

Hrubesch fand "die passenden Worte"

Rechtsverteidiger Andreas Beck schrieb den Erfolg vor allem der Halbzeitansprache von Hrubesch zu.

"Die passenden Worte" habe er gefunden, so dass die zweite Halbzeit besser verlaufen sollte als die erste - wie schon beim 0:0 gegen Spanien zum Auftakt.

Und dass das 1:0 per Standardsituation fiel konnte Hrubesch dann auch als Bestätigung seiner Arbeit sehen - hatte er dort schließlich in der Vorbereitung einen Schwerpunkt gesetzt.

Trauma muss nicht überwunden werden

Durch den deutschen Sieg und den gleichzeitigen 2:0-Triumph Englands gegen Spanien (zum Spielbericht: England ist schon durch) ist nun klar, dass Deutschland im letzten Spiel gegen die Briten nur noch einen Punkt für das Halbfinale braucht.

Somit muss die deutsche Elf nicht einmal ihr Trauma überwinden, in 30 Jahren nie gegen England gewonnen zu haben.

Wobei: Wenn sie das noch schafft, wäre das wohl der endgültige Charakterbeweis.

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