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Jogi Löw arbeitet seit 2004 für den DFB. Sein größter Erfolg als Cheftrainer: der Vize-EM-Titel © getty

Jogi Löw will, dass Spieler aus der zweiten Reihe "Ansprüche anmelden". Der Bundestrainer rüttelt so an der alten Hierarchie.

Von Mathias Frohnapfel

München - Vorhang zu, Sommertheater beendet - so dürfte die Wunschvorstellung von Jogi Löw ausschauen. Der Bundestrainer will Ruhe in seine Mannschaft bringen und gleichzeitig den Konkurrenzkampf kanalisieren.

Denn: Der Nationalelf droht in den ersten beiden Länderspielen der WM-Qualifikation ein Machtvakuum. Die beiden Bosse, Kapitän Michael Ballack und Mittelfeld-Kämpfer Torsten Frings, sind verletzt. Und dennoch dreht sich derzeit (fast) alles um sie.

Was ist mit dem "Capitano"?

Die erste Frage: Wie groß ist die Kluft zwischen Ballack und seinem Team? Noch ist unklar, ob nach dem beigelegten Streit mit Nationalelf-Manager Oliver Bierhoff wirklich jeder Zwist vergessen ist.

Junge Spieler hatten angedeutet, dass ihnen der raue Ton des Kapitäns während der EM nicht immer zusagte. Auch Löw hatte die Wortwahl seines Leitwolfs nicht gepasst und eine Entschuldigung nach der "Pisser-Affäre" verlangt.

Der 46-Jährige hat dazu am Donnerstag in der Sportschule Oberhaching gesagt: "Ich habe zweimal mit Michael Ballack gesprochen und ihm auch gesagt, was ich von ihm als Kapitän in den nächsten beiden Jahren erwarte."

Natürlich, so der Bundestrainer, habe es während der Turnierzeit in Österreich und der Schweiz "Meinungsverschiedenheiten" und "einige Konflikte" im Kader gegeben. "Das ist völlig normal", meinte Löw, der die Harkeleien als erledigt ansieht.

Klose wettert: Ballack-Debatte "absoluter Quatsch"

Stürmer Miroslav Klose sprach im Trainingslager des DFB-Teams leidenschaftlich für den "Capitano" vor. Die ganze Diskussion um Ballack wertete er als "absoluten Quatsch". Der Chelsea-Profi werde selbstredend akzeptiert.

Kloses Argument: "Wenn Ballack mit irgend jemanden ein Problem hätte, wäre er wohl nicht hierhergekommen, um seine Verletzung behandeln zu lassen."

Hierarchie im Umbruch

Die zweite Baustelle im DFB-Team ergibt sich aus der Hierarchie. Die erscheint durchaus fragil. Spieler, die sich lange wie Thomas Hitzlsperger (VfB), Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger (beide Bayern) eher zurückgehalten haben, fordern mehr Raum.

Jogi Löw ermuntert sie dazu. "Ich habe einige Spieler aufgefordert, ihre Ansprüche angemeldet", sagt der Badener. Einige Spieler seien jetzt "drei, vier Jahre dabei". Laut Löw kommt nun die Phase, in der sie "Verantwortung übernehmen sollen und müssen".

Selbstverständlich verlangt Löw von Miro Klose gleichfalls eine Leistungssteigerung und Führungsqualitäten auf dem Platz. Im Länderspiel am Samstag gegen Liechtenstein (20.45 Uhr LIVE) wird er aller Voraussicht nach die Kapitänsbinde tragen.

Neue Leute gefordert

Klose nimmt das Wort "Hierarchie" beinahe automatisch in den Mund. "Im Fußball", so seine Erkenntnis, "bildet sich eine neue Hierarchie, wenn wichtige Leute ausfallen". Seiner Meinung kommen mit "Schweini, Philipp Lahm und Thomas Hitzlsperger" Persönlichkeiten nach, welche die Mannschaft führen könnten.

Der Nationalcoach warnt derweil, dass die WM-Qualifikation "kein Selbstläufer" werde. Die Gruppe mit Russland sei auf jeden Fall "eine sehr, sehr schwere Aufgabe".

Schon deshalb müsse sein Team jetzt möglichst erfolgreich gegen Liechtenstein und Finnland starten. Mit im Kader ist auch - nach drei Jahren Pause - Andreas Hinkel. Der Celtic-Profi besitze "sehr gute Fähigkeiten" als rechter Außenverteidiger, lobt Löw.

Er werde den Ex-Stuttgarter in den nächsten Tagen genau beobachten. Hinkel selbst war von der Einladung "total überrascht" und will sich jetzt für die Viererkette anbieten. Womöglich ist auch er ein Mann für die Revolution von morgen.

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