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Pierre Littbarski wurde mit der DFB-Elf 1990 Weltmeister sowie 1982 und 1986 Vize © SPORT1

Vor dem Halbfinal-Kracher warnt Pierre Littbarski das Hrubesch-Team vor den "Azzuri". Und nimmt die Mannschaft in Schutz.

Von Martin van de Flierdt

München ? Die deutsche U 21 steht erstmals seit 27 Jahren im Halbfinale einer EM.

Mit einem Sieg gegen Italien (ab 20.30 Uhr LIVE) wäre die erste Endspielteilnahme seit 1982 perfekt.

Pierre Littbarski, Kapitän der damaligen Auswahl und dreifacher Torschütze beim 3:2-Sieg im Finalrückspiel gegen England, das dank eines 3:1 im Hinspiel den Titel holte, traut dem deutschen Nachwuchs den Coup zu. (DATENCENTER: Die U-21-EM)

"Wenn ich Spieler wie Khedira, Özil, Boateng, Aogo oder Marin sehe, dann sind das Klassespieler mit enormem Potenzial", sagt der 49-Jährige.

"Das war ein toller Jahrgang"

Die Kritik nach dem 1:1 gegen England findet der Trainer des FC Vaduz unangebracht. "Wir sollten nicht gerade traurig darüber sein, dass unsere U 21 um den Finaleinzug (U 21 zittert sich ins Halbfinale) spielt."

Im Sport1.de-Interview schlägt Littbarski eine Änderung vor, um die deutsche Offensive gegen die "Azzurrini" zu stärken und sagt, was er vom Gegner erwartet.

Sport1.de: Herr Littbarski, ist die EM-Finalteilnahme von 1982 mit der deutschen U 21 bei Ihnen noch präsent oder müssen Sie schon tief im Gedächtnis kramen?

Pierre Littbarski: Die Erinnerung ist noch frisch. Denn die U 21 war ein großartiges Sprungbrett für uns. Berti Vogts war damals Trainer. Ich glaube nicht, dass ich es in die A-Nationalmannschaft geschafft hätte, wenn ich nicht in dieser U 21 gespielt hätte.

Der Berti musste mich da ja sozusagen reinschubsen. Ich war damals Kapitän der U 21, es war eine sehr gute Zeit.

Sport1.de: Neben Ihnen haben es aus der Endspielmannschaft, die 1982 England in zwei Spielen unterlag, einige ins A-Team geschafft: Rudi Völler, Eike Immel, Wolfgang Rolff, Thomas Allofs, Wolfram Wuttke, Jonny Otten, Gerd Strack und Alois Reinhardt?

Littbarski: Ja, das war einfach ein toller Jahrgang damals. Dass so viele den Sprung hinbekommen haben, sollte auch ein Anreiz für die Spieler sein, die jetzt dabei sind.

Sport1.de: Wie bewerten Sie denn das bisherige Auftreten der deutschen Junioren in Schweden?

Littbarski: Das ist herzerfrischend. Wenn ich Spieler wie Khedira, Özil, Boateng, Aogo oder Marin sehe, dann sind das Klassespieler mit enormem Potenzial.

Boenisch links oder Beck rechts sind Namen, die jeder Fußballfan kennt. Dazu ist der Trainer ein Altbekannter. Das kann sich schon sehen lassen. Auch die Spielweise gefällt mir gut, da ist ein klares System erkennbar.

Sport1.de: Nach dem 1:1 gegen England ist die Mannschaft allerdings trotz des Halbfinaleinzugs für eine eher dürftige Vorstellung heftig kritisiert worden. Inwieweit können Sie das nachvollziehen?

Littbarski: Wir sind eben verwöhnt. Wir reden hier doch nicht über eine A-Nationalmannschaft. Das sind junge Kerle, die natürlich noch nicht so gefestigt sind. Die können nicht in jedem Spiel Riesenleistungen bringen.

Da wird es immer ein Auf und Ab geben. Aber insgesamt haben sie sich gut geschlagen. Ins Halbfinale einzuziehen, haben schließlich nicht alle Mannschaften geschafft.

Sport1.de: Dennoch hat die deutsche U 21 Probleme im Spiel nach vorne offenbart. Oder sehen Sie das anders?

Littbarski: Man kann immer etwas Schlechtes finden. Von dieser negativen Denkweise halte ich nichts. Entscheidend ist, dass der Erfolg da ist. Und es muss ja auch nicht immer ein 5:0 sein. Wir Deutschen können eben auch auf Ergebnis spielen. Klare Sache: Wir sollten nicht gerade traurig darüber sein, dass unsere U 21 um den Finaleinzug spielt.

Sport1.de: Mit Sandro Wagner hat die einzige echte Sturmspitze im deutschen Kader noch keine Minute gespielt. Würden Sie ihn gegen Italien bringen, damit Mesut Özil oder Ashkan Dejagah das Offensivspiel aus einer tieferen Position ankurbeln können?

Littbarski: Wenn man so viele gute Spieler hat, muss man intuitiv entscheiden, wen man bringt. Es ist auch nicht meine Aufgabe, Horst Hrubesch zu sagen, wie er spielen soll. Aber Özil kann mehr Freiräume haben, wenn er sich ein bisschen fallen lässt, denn die Italiener stehen hinten sehr kompakt.

Dann könnte er auch seine Schnelligkeit und seinen Spielwitz besser ausspielen. Mit zwei klaren Spitzen ist man ein bisschen statischer.

Sport1.de: Die Abwehr um Manuel Neuer, Benedikt Höwedes und Jerome Boateng ist über den grünen Klee gelobt worden. Ist das aus Ihrer Sicht übertrieben?

Littbarski: Nein, denn Leistung sollte honoriert und positiv kritisiert werden. Deshalb tut ihnen das Lob sicher gut. Wenn man die Ergebnisse anschaut, hat die Abwehr einen großen Verdienst am guten Abschneiden. Da kommt etwas nach für die A-Nationalmannschaft.

Sport1.de: Sie kennen Pierluigi Casiraghi, den Trainer der italienischen U 21 noch aus ihrer aktiven Zeit. Worauf muss sich die deutsche Mannschaft heute Abend einrichten?

Littbarski: Die Italiener können erst einmal hervorragend auf Ergebnis spielen, aber sie sind natürlich nicht so ausgefuchst wie die A-Mannschaft. Aber der Trainer war als Spieler schon ein "Sauhund", wie man so sagt. Das wird er an die Spieler weitergeben. Die werden kratzen, spucken und beißen. Nur mit gutem Fußball kommt man dagegen nicht an.

Ich vermute, die Italiener werden sich zurückziehen, abwarten und versuchen, unsere Mannschaft mürbe zu machen. Dann werden sie schauen, dass sie mit einer Standardsituation oder im Konter etwas reißen.

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