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Direkt nach dem Spiel stürmten die DFB-Jungs aufgebracht zu Schiri Atwell © getty

Nach dem 1:2 gegen Tschechien ist der Ärger bei der U 21 auf den Schiri und sich selbst groß. Die EM-Teilnahme ist in Gefahr.

Wiesbaden - Erst knallte Kapitän Jerome Boateng dem "Ghost Goal"-Schiedsrichter den Ball vor die Füße, dann baute er sich auf und beschützte ihn vor seinen tobenden Mitspielern.

Nachdem die EM-Euphorie der deutschen U 21 zehn Wochen nach dem Triumph von Malmö nach der Niederlage gegen einen starken Gegner und einer indiskutablen Schiedsrichterleistung verflogen war, kochten die Emotionen hoch.

"Ich war selbst total sauer und hatte Mühe, mich zu beherrschen", sagte Boateng nach dem deprimierenden 1:2 (0:1) im EM-Qualifikationsspiel gegen Tschechien.

"Der Schiedsrichter war eine Katastrophe und hat viele fragwürdige Entscheidungen getroffen. Keine Ahnung, was der sich da zusammengepfiffen hat."

Dass der Brite Stuart Attwell in der 68. Minute nach einer harmlosen Rangelei Elfmeter für die Tschechen gab und Stefano Celozzi die Rote Karte zeigte, war nur der Gipfel der schwachen Vorstellung des 26 Jahre alten Referees.

"Absolut lächerlich"

"Das war absolut lächerlich", befand sogar der deutsche Trainer Rainer Adrion.

Im September 2008 hatte der jüngste Premier-League-Schiedsrichter aller Zeiten durch das "Ghost Goal" im Zweitligaspiel des FC Watford gegen den FC Reading Berühmtheit erlangt.

Der Ball war durch den Strafraum gesegelt, als Attwell plötzlich ohne erkennbare Motivation auf Tor entschied.

Am Dienstag in Wiesbaden zerpfiff er ein eigentlich faires Spiel mit insgesamt acht Gelben Karten. Schon nach 70 Minuten waren die 4098 Zuschauer in Wiesbaden so aufgebracht, dass einige von ihnen für einen Eklat sorgten.

Sie bewarfen den jubelnden Doppel-Torschützen Michael Rabusic mit Bierbechern. Dem DFB droht nun eine Geldstrafe.

Auch lange nach dem Spiel war die Stimmung noch aufgekratzt. "Deutschland, Deutschland, ha, ha, ha!" sangen die tschechischen Spieler laut in der Kabine.

Hummels will Revanche

"Im Rückspiel können sie sich auf was gefasst machen", meinte Torschütze Mats Hummels (90.+2, Foulelfmeter) schon mit Blick auf die Partie im September 2010: "Da kriegen sie alles zurück, was sie hier angestellt haben."

Fest steht: Die Chancen auf die Teilnahme an der EM 2011 in Dänemark und damit auch der ersten deutschen Olympia-Teilnahme seit 24 Jahren sind rapide gesunken.

"Aber man muss jetzt kein Schreckensszenario aufbauen", meinte Adrion: "Wir haben noch ein Rückspiel in Tschechien, da können wir den Spieß umdrehen. Dann gibts Revanche. Aber bis dahin dürfen wir keinen Punkt mehr abgeben. "

Nur wenn das gelingt und die DFB-Elf in Tschechien höher als 2: 1 gewinnt, ist der Gruppensieg noch möglich. Ansonsten muss sie darauf hoffen, einer der vier besten Gruppenzweiten zu werden. Sonst findet die EM ohne den Titelverteidiger statt.

Dass diese prekäre Situation eingetreten ist, lag allerdings nicht nur an Attwell.

Ist der Druck zu hoch?

"Man muss auch sagen, dass die ersten 30 Minuten ganz schlecht waren", sagte Adrion. "Das ist bedauerlich und unerklärlich."

Eventuell sei der Druck, unter dem Etikett Europameister schon zu Beginn des Neuaufbaus ein vorentscheidendes Spiel absolvieren zu müssen, zu groß gewesen.

Vor dem Spiel sei das nicht so gewesen, versicherte Benedikt Höwedes: "Aber jetzt ist der Druck natürlich hoch."

Immerhin: Die deutsche Mannschaft zeigte in Unterzahl Moral und vergaß bei aller Wut die Selbstkritik nicht.

Kroos selbstkritisch

"Wir brauchen nicht über den Schiedsrichter zu diskutieren. Wir haben es selbst verpennt", meinte Toni Kroos. Und Celozzi entschuldigte sich sogar "beim Publikum und der Mannschaft" für seinen ungerechtfertigten Platzverweis.

Auf dem Boden der Tatsachen sind die Europameister jedenfalls angekommen. Coach Adrion will deshalb von Fernzielen nichts wissen.

"Hören Sie mir auf mit Olympia", meinte er: "Wir haben Etappenziele, und das erste haben wir verpasst."

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