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Joachim Löw ist mit dem DFB-Team noch ohne Niederlage in der WM-Qualifikation © getty

Gegen Russland geht es fast um alles oder nichts. Die DFB-Elf quält sich mit einigen Problemen. Joachim Löw hat aber ein Rezept.

Vom DFB-Team berichtet Martin Volkmar

Mainz ? Auch wenn es keiner zugibt: Die deutsche Nationalmannschaft reist am Donnerstagmittag mit großer Ungewissheit im Gepäck zum Gruppenfinale gegen Russland (Sa., 16.30 Uhr LIVE) nach Moskau.

Nachdem das Jahr 2009 bislang geprägt war von wenig Glanz und vielen Arbeitssiegen über zweitklassige Gegner, geht es nun im ersten Härtetest schon fast um alles oder nichts.

Eine Niederlage würde wohl den bitteren Gang in die Relegation zur Folge haben und damit die Gefahr, erstmals in der Geschichte eine WM-Endrunde zu verpassen.

Stürmer leiden unter Ladehemmung

Und ausgerechnet in dieser entscheidenden Saisonphase leiden alle Stürmer unter Ladehemmung.

Für zusätzliche Verunsicherung sorgt der völlig ungewohnte Untergrund im Luschniki-Park: So hat etwa Kapitän Michael Ballack in seiner langen Karriere noch nie ein Spiel auf Kunstrasen bestritten.

Die DFB-Auswahl hat sogar in ihrer 101-jährigen Geschichte noch nie auf solch einem Boden gespielt. Und auch ein anderer Blick in die Verbandshistorie macht wenig Zuversicht.

Wegen eines 0:0 auf einem damals noch zugelassenen Ascheplatz im albanischen Tirana verpasste das Team von Bundestrainer Helmut Schön die EM 1968 - das bis heute einzige Scheitern in einer Qualifikation für ein großes Turnier.

Keine intensive Vorbereitung auf Kunstrasen

Auch die Eingewöhnung ans ungewohnte Geläuf hatte sich Joachim Löw wohl anders vorgestellt: Statt intensiver Trainingseinheiten musste vorsichtig dosiert geübt werden.

Denn schon nach der dritten Einheit klagten gleich mehrere Spieler über körperliche Beschwerden. "Natürlich ist das eine Umstellung. Man spürt viel mehr die Gelenke", sagte Bastian Schweinsteiger.

Daher wurde die Einheit am Mittwochnachmittag gestrichen. Trotzdem verkündete der Bundestrainer, dass sich seine Akteure in der kurzen Zeit auf das veränderte Spiel einstellen würden.

Experten bezweifeln schnelle Umstellung

Die meisten Kunstrasen-Experten zweifeln das allerdings an. "Es ist schwierig, sich in nur drei Tagen auf so einen ungewohnten Belag vorzubereiten", erklärte der Mainzer Chefcoach Thomas Tuchel.

Sein Profi Andreas Ivanschitz, der schon bei Red Bull Salzburg permanent auf Kunstrasen spielte, sieht das genauso: "Aus diesem Grund haben wir dort vor Heimspielen die ganze Woche darauf trainiert."

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Das glaubt auch Ivanschitz? früherer Teamkollege Alex Zickler. "Es wird schon eine große Umstellung für die deutsche Mannschaft sein, denn das wird ein ganz anderes Spiel", meinte der frühere Bayern- und aktuelle Salzburger Stürmer.

Und sein Trainer Huub Stevens sagte Sport1.de: "Russland hat einen Vorteil."

Magath: Wettbewerbsverzerrung

Noch weiter ging Felix Magath. "Es ist auf alle Fälle eine Wettbewerbsverzerrung", schimpfte Schalkes Coach. "Wenn dieser Belag nicht wäre, bräuchten wir uns für das Russland-Spiel keine Sorgen zu machen."

So aber muss sich Löw mit diesen Sorgen herumschlagen, denn in der Kürze der Zeit muss sein Team mit den veränderten Bedingungen klar kommen. "Das Spiel verändert sich auf Kunstrasen grundlegend", erklärt Tuchel und geht ins Detail:

"Ein Pass muss ganz exakt in die Bewegung gespielt werden, sonst kommt er nicht an. Es ist eine wahnsinnig schnelle Passfolge möglich. Stürmer haben den Vorteil, dass sie sich mit einer Körpertäuschung viel besser freie Schussbahn erarbeiten können, weil Gegenbewegungen für Abwehrspieler enorm schwierig sind."

Alles zusätzliche Vorteile für die Russen, die bei der EM-Endrunde 2008 (auf Naturrasen) mit technisch perfektem Passspiel glänzten. Und vor allem der nur 1,72 Meter große Andrej Arschawin könnte die beiden langen Innenverteidiger Per Mertesacker und Heiko Westermann böse düpieren.

Löws Rezept: Defensive Taktik mit vielen Top-Technikern

Was also kann Löw in der Kürze der Zeit tun? Zum einen wird er wohl wie zuletzt mit einem 4-5-1-System spielen und damit die Defensive stärken, damit der Raum eng wird und die Russen in der Gefahrenzone gedoppelt werden können.

Zum anderen spricht fast alles dafür, dass die Top-Techniker im Team in der Startelf stehen werden. Neben Philipp Lahm, Mesut Özil, Piotr Trochowski oder Lukas Podolski könnte das auch die Chance für Neuling Jerome Boateng sein.

Doch auch den anderen Spielern macht eine aktuelle Studie der Deutschen Sporthochschule Köln Hoffnung. "Das Länderspiel Russland gegen Deutschland wird nicht vom Belag entschieden, sondern von der Spielstärke der beiden Teams", lautet die wichtigste Erkenntnis.

Das glaubt auch Huub Stevens. "Die Deutschen sind immer gut darin, sich an veränderte Gegebenheiten einzustellen", sagte er Sport1.de.

"Man darf da überhaupt keine Angst davor haben, sondern muss einfach 90 Minuten Gas geben."

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