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Thomas Häßler bestritt in seiner Karriere 101 Länderspiele © imago

Thomas Häßler sichert mit seinem späten Treffer gegen Wales der DFB-Elf das Ticket für die Weltmeisterschaft in Italien 1990.

Von Nils Reschke

Vom glorreichen dritten WM-Triumph der DFB-Kicker 1990 in Italien weiß jeder Fußball-Fan zu berichten.

Die Bilder, als ein nervenstarker Andreas Brehme den Strafstoß gegen Argentinien zum 1:0-Finalsieg versenkte, wurden schon gefühlte tausend Mal gezeigt.

Ebenso der einsame Franz Beckenbauer, der auf dem Rasen des Olympiastadions diesen Erfolg still auskostete, während der Vollmond Rom in eine traumhafte Fußball-Kulisse verwandelte.

Doch was gerne und schnell vergessen wird: Zu dieser Weltmeisterschaft wäre es um ein Haar überhaupt nicht gekommen. Wenn, ja wenn da nicht "Icke" gewesen wäre...

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Ein euphorischer November

Deutschland im November 1989: Eine Nation im Freudentaumel. Die Mauer ist gerade gefallen, und jetzt soll drei Tage später eine erfolgreiche WM-Qualifikation für den kollektiven Jubelsturm sorgen.

Der Gegner heißt Wales, ein Sieg muss her an diesem kalten 15. November. 60.000 Zuschauer in Köln-Müngerdorf und Millionen vor den TV-Geräten sind bereit für einen Sturmlauf.

Denn eines ist klar: Nur mit einem Sieg wird sich die deutsche Nationalmannschaft sicher für "Italia 90" qualifizieren.

Deutschland unter Zugzwang

Der Modus hatte es so gewollt, dass sich für die Weltmeisterschaft aus Europa in den Fünfer-Gruppen jeweils die zwei Besten direkt qualifizierten.

Dumm für Deutschland, dass dies bei den drei Vierer-Gruppen anders aussah. Denn nur für die zwei besseren von drei Gruppenzweiten war ein Ticket vorgesehen.

Und in der Gruppe 4 hatten sich die Erzrivalen Deutschland und Holland zwei Mal remis getrennt. Deutschland hingegen hatte außerdem bei der Nullnummer in Wales gepatzt, weswegen den Niederlanden durch einen Heimsieg gegen Finnland Platz eins nicht mehr zu nehmen wäre.

Trotzdem war sicher: Weil in der Gruppe 1 die beiden Führenden Rumänien und Dänemark im "Endspiel" direkt aufeinandertrafen und sich die Punkte gegenseitig abnehmen würden, würde den "Adlerträgern" zwei weitere Punkte reichen.

Allen schockt alle

Das Kölner Publikum ist ja bekannt für seine Leidenschaft. Nicht zuletzt durch die Berg- und Talfahrten ihres geliebten 1. FC Köln. 60.000 waren nach Müngersdorf gekommen, um die deutschen Spieler nach Italien zu schreien.

Da verstand es sich von selbst, dass mit Bodo Illgner, Thomas Häßler und Pierre Littbarksi drei FC-Spieler besonders frenetisch begrüßt wurden. Doch von "Litti" und "Icke" war in der ersten Hälfte nichts zu sehen.

Von Bodo Illgner hingegen schon, als er nämlich schon nach elf Minuten vom Waliser Stürmer Malcolm Allen einen eingeschenkt bekam.

Müngersdorf zittert

Köln-Müngerdorf im Schockzustand! Aber die deutsche Elf kämpfte jetzt. Es wirkte, als habe sie ein Wecker soeben unsanft aus den schönsten WM-Träumen gerissen.

Nur eine Viertelstunde später erzielte Rudi Völler dann aus dem Gewühl heraus und quasi im Sitzen den 1:1-Ausgleich (25.). Heute wissen wir: Auch das hätte nicht gereicht.

Denn Dänemark wäre dann mit den Deutschen punktgleich gewesen, bei identischer Tordifferenz. Doch "Danish Dynamite" hätte dann mehr Treffer gezündet, was dem deutschen K.o. gleichgekommen wäre.

Also weiter fighten! Und ausgerechnet die beiden Kölner Idole waren es dann, die die Entscheidung brachten. Pierre Littbarski flankte von links, Thomas Häßler netzte volley im Fallen ein. 2:1!

Weil "Litti" eine knappe Viertelstunde vor dem Ende allerdings einen Strafstoß noch versemmelte, zitterte ganz Deutschland dem WM-Ticket entgegen. Bis Schiedsrichter Michel Vautrot ein Einsehen hatte und die DFB-Elf mit dem Schlusspfiff erlöste.

WM-Finale als Belohnung

Noch heute kann "Icke" Häßler seinen wichtigsten Treffer der Karriere nicht so recht begreifen:

"Es ist, als ob ich das Tor erst gestern geschossen hätte. Ich nehme den Ball direkt, und er ist drin. Es war, wie ich es vorher geträumt hatte", schwärmt der Mittelfeld-Star, der knapp acht Monate später dafür belohnt wird.

Im Mittelfeld hatte Franz Beckenbauer vor dem WM-Finale die Qual der Wahl: Häßler oder doch Uwe Bein? Oder etwa Olaf Thon? Die Wahl fiel auf "Icke". Dem Mann, der Deutschlands Aufholjagd 1989 gekrönt hatte.

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