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Michael Ballack spielte bislang - wie Berti Vogts - 96 Mal für Deutschland © getty

Nach dem entscheidenden 1:0-Erfolg gegen Russland ist die deutsche Nationalmannschaft in ihrer Freude seltsam gehemmt.

Vom DFB-Team berichtet Martin Volkmar

Moskau - Als die vorzeitige WM-Qualifikation durch das 1:0 in Russland perfekt war, fiel der Jubel der deutschen Nationalspieler überraschend verhalten aus.(DATENCENTER: Die deutsche Gruppe)

Bastian Schweinsteiger etwa eilte trotz seiner guten Leistung mit gequälter Miene an den Journalisten vorbei, andere wie Philipp Lahm blieben ungewohnt einsilbig.

Fast hatte man den Eindruck, als habe eine heftige Diskussion auf dem Platz oder in der Kabine die Stimmung getrübt.

Doch lediglich über die Vorbereitung in Mainz gab es einige kritische Worte.

"Wir haben in Deutschland auf komischen Kunstrasenplätzen trainiert, die mit dem von heute gar nichts zu tun hatten", beschwerte sich Per Mertesacker.

Doch das allein dürfte wohl kaum für nachhaltigen Frust gesorgt haben, von dem man beim DFB auf Nachfrage auch erwartungsgemäß nichts wissen wollte.

Vielmehr sei die Erschöpfung nach dem bis zur Schlusssekunde hochdramatischen Gruppenfinale im Moskauer Hexenkessel einfach groß gewesen.

Siegesfeier mit Blick auf den Kreml

Entsprechend gut gelaunt verlief dann auch die kleine Siegesfeier in der Nacht zum Sonntag im Dachrestaurant des Nobel-Hotels "Baltschug Kempinski" mit Blick auf den Kreml.

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Delegationsleiter Theo Zwanziger hatte der Mannschaft schon in der Kabine zur starken Vorstellung gratuliert und tat dies nun noch einmal persönlich bei Joachim Löw.

Zwanziger will mit Löw verlängern

"Er ist ein großartiger Trainer, der viel für den deutschen Fußball getan hat. Ich habe Vertrauen zu ihm", erklärte der DFB-Präsident und bot eine sofortige Verlängerung des im kommenden Jahr endenden Vertrags an.

"Von meiner Seite steht einer weiteren Zusammenarbeit nichts im Wege. Wir werden alles in Ruhe lösen", sagte Zwanziger. "Ich habe auch bei Joachim Löw in den vergangenen Tagen die Anspannung gespürt."

Die war auch nach dem Abpfiff beim Bundestrainer noch nicht gewichen, entsprechend ernst und zurückhaltend fiel trotz des Triumphs seine Analyse aus. "Meine Befindlichkeit ist gut", beantwortete Löw ungelenk die Frage nach seiner Stimmung.

"Man spürt die ganze Woche über eine große Intensität. Es war eine lange Qualifikation, was nach einer EM nicht ganz einfach ist, aber wir haben diese Aufgabe glänzend gemeistert."

Taktische Meisterleistung fast noch vercoacht

Vielleicht steckte dem 49-Jährigen auch noch der Schreck darüber in den Gliedern, dass er seine taktische Meisterleistung beinahe noch vercoacht hätte.

Löw hatte sein Team glänzend eingestellt: Von Beginn an war die Elf hellwach und hoch konzentriert, stand hinten meist sicher und setzte nach vorne immer wieder gefährlich nach.

"Die erste Halbzeit war das ein Musterbeispiel an Diszipliniertheit, Ordnung und Ausspielen der eigenen Stärken", fasste es Abwehrchef Mertesacker treffend zusammen.

So war auch die Führung durch Miroslav Klose (35.) nach herrlicher Vorarbeit von Mesut Özil nicht unverdient.

Boatengs Blackout mit Folgen

Doch kurz vor dem Wechsel holte der ansonsten gute Neuling Jerome Boateng Wladimir Bystrow von den Beinen und sah Gelb. Löw ließ den 21-Jährigen dennoch auf dem Platz, der dann prompt nach einem weiteren Foul an Bystrow vom Platz flog (68.).

Spätestens danach entwickelte sich Einbahnstraßen-Fußball, doch die deutsche Mannschaft hatte das Glück des Tüchtigen, als Schiedsrichter Massimo Busacca kurz vor Schluss nach einem Foul des eingewechselten Arne Friedrich an Bystrow keinen Elfmeter pfiff.

"Das war ein hundertprozentiger Strafstoß und dann wären es noch mal sechs heiße Minuten geworden", haderte der russische Nationalcoach Guus Hiddink. Entscheidend war für den Niederländer aber die mangelnde Chancenverwertung:

"Es gibt ein deutsches Wort, das alles beschreibt: Durchschlagskraft. Wir haben gut gespielt und hätten mehr verdient gehabt. Aber die Deutschen machen dieses eine Tor."

Adler unüberwindbar

Das lag vor allem daran, dass der herausragende Rene Adler an diesem Tag einfach unüberwindbar war. "Irgendwann hatte ich das Gefühl, ich kriege heute keinen rein", erzählte der Leverkusener Keeper später.

Der Schlüssel dafür lag nach Ansicht von Michael Ballack schon in der ersten Glanzparade Adlers gegen den starken Bystrow.

"Er hat in der ersten Halbzeit einen entscheidenden Ball gehalten. Als Torwart kann man mit einer solchen Aktion das Spiel in Bahnen lenken. Das hat er gemacht und das war klasse", meinte der Kapitän.

"An solchen Gegnern wachsen wir"

"Aber die gesamte Mannschaft hat von hinten nach vorne einen hervorragenden Job und kaum Fehler gemacht, und war sehr, sehr konzentriert. Wir haben gezeigt, dass wir in solchen Spielen am Gegner wachsen."

In der Tat gab die DFB-Elf im Gruppenfinale die passende Antwort auf die Kritik an den zuvor meist müden Auftritten in diesem Jahr. "Wir haben gezeigt, dass wir auf den Punkt da sind", meinte Simon Rolfes. "Wir sind unserem Ruf damit wunderbar gerecht geworden."

Nicht nur deshalb gehört der Vize-Europameister zum Favoritenkreis für die Endrunde in Südafrika. Hoffnung macht vor allem die Tatsache, dass Nachrücker wie Adler, Özil und andere die Qualität des Teams sichtbar erhöhen.

"Was ich der Mannschaft bei der WM zutraue, vermag ich heute noch nicht zu sagen", erklärte Löw. "Bis dahin sind es noch viele Monate. Aber: Die Deutschen spielen bei einer WM immer eine gute Rolle."

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