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Jerome Boateng (r.) spielte in der Bundesliga erst für Hertha und nun für den Hamburger SV © getty

Trotz Platzverweis: Jerome Boateng hat gute Chancen nach seinem Debüt in der deutschen Nationalelf weiter aufzusteigen.

Vom DFB-Team berichtet Martin Volkmar

Moskau - 68 Minuten sah es so aus, als habe Joachim Löw alles richtig gemacht.

Der Bundestrainer hatte die Mannschaft zum entscheidenden Spiel in Russland perfekt eingestellt und auch seine taktischen und personellen Maßnahmen waren aufgegangen.

Die größte Überraschung dabei war sicherlich das Debüt von Jerome Boateng.

Zwar sprachen viele Indizien für den 31. Neuling der Ära Löw, doch bis zuletzt sahen viele Beobachter Arne Friedrich wegen seiner Routine von 67 Länderspielen vorne.

"Jerome Boateng war die ganze Woche über sehr solide, körperlich stark", begründete Löw seine Entscheidung für den U-21-Europameister.

Selbstbewusst, aber nervös

Angesichts der fehlenden Erfahrung trat der erst 21-Jährige im Moskauer Hexenkessel selbstbewusst auf, auch wenn ihm die Anspannung in einigen Szenen anzumerken war. "Selbstverständlich war ich vorher nervös", gab der HSV-Profi zu.

So leitete er in der 29. Minute mit einem Fehlpass die erste Riesenchance der Russen ein, doch Rene Adler verhinderte mit einer Glanztat den Rückstand.

Der eigens von Guus Hddink von der linken auf die rechte Seite beorderte Wirbelwind Wladimir Bystrow ließ Boateng aber nicht in Ruhe, sondern setzte ihm mit zunehmender Spielzeit zu.

Kurz vor der Pause sah Boateng dann wegen eines Fouls kurz vor der Strafraumgrenze Gelb und es war klar, dass er bei einem weiteren Foul vom Platz fliegen würde.

Löws Vertrauen als Bumerang

Trotzdem wechselte Löw ihn nicht aus. "Er war in vielen Situationen ruhig und gut?, meinte der 49-Jährige. "Ich habe ihm in der Pause nur gesagt, dass er nicht so schnell grätschen soll."

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Knapp 25 Minuten hielt sich Boateng daran, dann entwischte ihm Bystrow erneut und nach der folgenden Grätsche war die Gelb-Rote Karte die logische Konsequenz.

"Ich musste dahin, ich konnte nicht zurückziehen", stellte sich der Übeltäter ganz in den Dienst der Mannschaft, denn Bystrow wäre sonst alleine aufs Tor zugelaufen.

Die teilweise dramatische Schlussphase verfolgte er zusammen mit DFB-Pressesprecher Harald Stenger in den Katakomben des Luschniki-Parks, ehe er nach dem Abpfiff erleichtert zum Jubeln zurück aufs Feld lief.

Freude trotz Platzverweis

"Ich habe danach mitgezittert, dass die Mannschaft diesen Vorsprung über die Zeit bringt", berichtete Boateng anschließend und reagierte überrascht auf die Frage, ob er sich trotz des Platzverweises freuen könne:

"Natürlich, denn wir haben ja gewonnen. Das war zwar bitter, aber jetzt ich kann schon wieder lachen."

Ganz so schnell konnte Löw die Partie zwar nicht aus den Kleidern schütteln, aber seine Wertschätzung des Debütanten konnte auch die Gelb-Rote Karte kaum schmälern.

"Er wird daraus lernen"

"Bei der Situation darf er nicht so schnell auf den Boden gehen. Da hat er einen Fehler gemacht, daraus wird er lernen", meinte der Bundestrainer.

"Aber meine Meinung über ihn ist sehr, sehr gut. Er hat gezeigt, dass er ein Spieler ist, der in den letzen Monaten große Schritte gemacht hat und der ab jetzt zum Kader dazu zählt."

Löw wurde zusätzlich durch die Vorstellung von Arne Friedrich bestätigt, der nach dem Feldverweis eingewechselt wurde und für Boateng rechts hinten verteidigte.

Glück für Friedrich

Denn auch der zuletzt formschwache Berliner hatte mit Bystrow große Probleme und kurz vor Schluss großes Glück, als nach einem klaren Foul im Strafraum am russischen Wirbelwind der fällige Elfmeterpfiff ausblieb:

"Der Schiedsrichter hat nicht gepfiffen und das ist es, was für mich zählt", meinte Friedrich danach mit einem Lächeln.

Weit weniger locker nahm er dagegen die Degradierung auf die Bank hinter seinen einstigen "Lehrling" bei Hertha BSC. "Der Trainer hat so entschieden, das muss ich akzeptieren", sagte er knapp.

Löw rechtfertigt seinen Kurs

So sah es auch Löw. "Als Trainer trifft man Entscheidungen, mit denen vielleicht nicht alle einverstanden sind", erklärte er.

"Wir haben viele junge Spieler integriert. Es geht nach unseren Vorstellungen, und wir wissen ganz genau, welche Spieler umsetzen können, was wir brauchen."

Mit Blick auf die WM spricht demnach vieles für Boateng, wesentlich weniger für Friedrich.

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