Ob der Bundestrainer in den nächsten Wochen seinen Vertrag verlängert oder nicht, ist quasi bedeutunglos. Denn er hat ein Problem.

Wenn man Joachim Löw etwas Böses wollte, dann könnte man behaupten, die deutsche Nationalmannschaft brauche gar keinen Bundestrainer.

Schließlich erreicht der Chefcoach seine Spieler offenbar nur sehr bedingt.

So berichtete Arne Friedrich nach dem mühsamen 1:1 gegen Finnland, Löw habe "viel Wert darauf gelegt, dass wir Charakter zeigen und die Konzentration hochhalten. Aber das ging komplett in die andere Richtung".

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Ähnlich blutarme Vorstellungen hatte man zumindest über weite Strecken auch in den meisten anderen Länderspielen dieses Jahres gesehen, in denen es um wenig oder gar nichts ging.

Einzig, als die WM-Teilnahme auf der Kippe stand, riss sich die DFB-Auswahl zusammen - zeigte dann aber beim 1:0 in Russland mit wenigen Abstrichen eine Weltklasse-Leistung.

Für den Erlebnis-Fan sind das schlechte Aussichten für die nächsten Monate, wenn bis zur WM in Südafrika nur noch experimentiert wird.

Der Ergebnis-Fan hingegen stimmt ein in den Chor der Nationalspieler: "Immer wenn es darauf ankommt, sind wir da."

Sollte sich das bei der Endrunde beweisen, gehört die deutsche Elf sicher zu den Topfavoriten und der Bundestrainer hätte alles richtig gemacht.

Die stark schwankenden Leistungen während der EM 2008, als Löw für die Mannschaft erstmals bei einem großen Turnier allein verantwortlich war, lassen allerdings Zweifel daran aufkommen.

Löw hat es in Österreich und der Schweiz nicht geschafft, das Team über mehrere Wochen auf Spannung zu halten. Und eine WM wird im Erfolgsfall noch länger dauern.

Wohl niemals zuvor in der DFB-Geschichte gab es einen fachlich so kompetenten Bundestrainer. Doch die emotionale Seite, die Jürgen Klinsmann bei der WM 2006 beim Team perfekt ansprechen konnte, erreicht Löw bislang zu selten.

Das sorgt vor allem beim zahlenden Publikum für Verdruss, wie in Hamburg lautstark erlebt. Dadurch wird Löws Position in der Öffentlichkeit geschwächt, so dass sein Kredit bei Misserfolgen vermutlich schnell aufgebraucht ist.

Schon vor dem Spiel in Russland hatten einige Medien, die ihn nach dem Sieg hochjubelten, die große Abrechnung für den Fall einer Niederlage vorbereitet.

Letztlich wird erst die WM die Erkenntnis bringen, ob Löw zu den ganz Großen seines Fachs gehört. Das Zeug dazu hat er, doch wenn er die Mannschaft nicht dauerhaft erreicht, könnte das am Ende zu wenig sein.

Daher ist es auch zweitrangig, ob der Bundestrainer wie zu erwarten in den nächsten Wochen seinen Vertrag beim DFB bis 2012 verlängert. Scheidet die Mannschaft bei der WM früh aus, ist das nämlich dann sowieso hinfällig.

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