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Am Mittwoch nahmen Hansi Flick, Joachim Löw und Michael Ballack an der Trauerfeier für Enke teil © getty

Nach dem Selbstmord von Robert Enke fällt der Nationalmannschaft die Konzentration schwer für das Spiel gegen die Elfenbeinküste.

München - Die deutsche Nationalmannschaft sucht den Weg in die Normalität.

Doch nach dem Selbstmord von Torwart Robert Enke gerät das Länderspiel der DFB-Auswahl am Mittwoch in Gelsenkirchen gegen die Elfenbeinküste (ab 20.15 Uhr LIVE) zur Nebensache.

Zwar hat Bundestrainer Joachim Löw wenige Stunden nach der Trauerfeier für den Nationaltorhüter in Hannover, an der das komplette Team sowie der Trainer- und Betreuerstab teilnimmt, für den Sonntagnachmittag in Düsseldorf ein Training angesetzt.

Eine normale Vorbereitung scheint angesichts der tragischen Umstände aber unmöglich.

Psychologe steht zur Verfügung

Sowohl Löw als auch Teammanager Oliver Bierhoff und andere Verantwortliche des DFB wollen sich bis zum Treffpunkt in Düsseldorf am frühen Sonntagnachmittag nicht äußern.

Dafür erklärte DFB-Psychologe Hans-Dieter Hermann auf der Verbands-Homepage, wie die Trauerarbeit außerhalb des grünen Rasens ablaufen kann:

"Auf freiwilliger Basis sollen diejenigen aus der Mannschaft, die ihre Gedanken mitteilen oder ordnen wollen, jederzeit Ansprechpartner finden." 173493(DIASHOW: Trauer um Robert Enke)

Auch Hermann getäuscht

Hermann verwies noch einmal darauf, dass es bei einem Gespräch mit Enke, das er im September geführt hatte, "keinerlei Hinweis auf diese Erkrankung gegeben" habe, wenngleich er nach dieser Unterredung Vermutungen geäußert habe.

"Robert klagte zu dieser Zeit über Erschöpfungssymptome, für die zunächst kein medizinischer Grund gefunden werden konnte.

Obwohl es keine konkreten Anhaltspunkte dafür gab, war ich gemeinsam mit unserem Mannschaftsarzt Professor Tim Meyer der Meinung, dass man auch eine mögliche Depressivität oder gar eine Depression in Betracht ziehen sollte, zumindest müsste ich es abklären", sagte der 48-Jährige. (Sonderseite zu Robert Enke)

Abschiedsspiel für Enke möglich

Die Verantwortlichen und Nationalspieler, die sich bis auf wenige Ausnahmen bis Samstag bei ihren Klubs fit hielten stellen sich wohl auch in den vier Trainingstagen von Düsseldorf noch so manche Fragen.

Währenddessen planen DFL und DFB offenbar ein Abschiedsspiel für Enke in Hannover, das im Januar oder Februar stattfinden könnte.

Der DFB bestätigte, dass man sich mit diesem Gedanken befasse, es gebe aber noch keine Entscheidung.

Umdenken gefordert

Viel wichtiger ist für DFB-Präsident Theo Zwanziger, dass man aus dem Suizid des beliebten Profis die richtigen Lehren zieht.

"Nach dieser Tragödie müssen wir alle im Fußball nachdenken, wie wir bestehende Tabus brechen", sagte der 64-Jährige der "Bild"-Zeitung.

Unterstützung erhält Zwanziger von Florian Gothe, dem Präsidenten der Profifußballer-Gewerkschaft VDV.

"Bei Klubs, Liga, Medien und Öffentlichkeit muss ein Bewusstseinswandel einsetzen. Depressionen dürfen kein Tabuthema mehr sein, der Fußball ist ein Abbild der Gesellschaft", sagte der 47-Jährige der "Süddeutschen Zeitung".

"Lächerlich martialisches Denken"

Zwanziger will alle Hebel in Bewegung setzen, damit dieses Umdenken in Zukunft auch tatsächlich stattfindet.

"Wir müssen über viele Ansätze reden. Ein Gremium mit absolut vertrauenswürdigen Personen könnte dazugehören. Wichtiger ist, dass das oftmals lächerlich martialische Denken aufhört nach dem Motto 'Ich darf keine Schwächen zeigen, ich muss der Stärkste sein'", fordert Zwanziger. (Peter Neururer im Sport1.de-Interview: "Das Problem ist der Männersport")

"Im Gegenteil! Wenn wir Robert Enke gerecht werden wollen, müssen wir dazu kommen, dass im Fußball jeder ohne Angst leben kann. Mit seinen Stärken, Schwächen und Neigungen", sagte der DFB-Präsident, für den nicht nur die Krankheit Depression, sondern auch Homosexualität zu den Tabuthemen im Fußball zählt.

"Es darf nur noch ein Tabu geben. Und das ist die Würde des Menschen. Natürlich hat die Gemeinschaft das Recht, für den sportlichen Wettbewerb gerechte Regeln zu entwerfen. Ausgrenzung, Diffamierung und falsch verstandenes Heldentum sind unwürdig und gehören deshalb nicht dazu", sagte der DFB-Boss.

Gothe ermutigt Spieler

Im deutschen Profifußball sind möglicherweise eine Reihe von Spielern mit psychischen Problemen belastet. "Ich weiß, dass schon namhafte Spitzenspieler mit unseren Seelsorgern gesprochen haben und dass denen auch geholfen werden konnte", berichtete Gothe.

Der Ex-Profi forderte, dass DFB, DFL und die VDV Anlaufstellen für die Profis bieten müssen: "Wir müssen da klare Zeichen setzen: Spieler, offenbart euch! Ihr braucht nichts zu verheimlichen. Ruft uns an, wir können euch helfen. Und wir behandeln es absolut vertraulich."

Angebote über den Verein hinaus

Die Hilfsangebote bei psychischen Erkrankungen dürfen nach Ansicht von Gothe aber "nicht nur am Verein" angekoppelt sein.

"Dieses Problem muss die ganze Fußball-Branche lösen. Die momentane Überraschtheit und Betroffenheit zeigt mir zwar: Die Vereine erkennen, dass Optimierungsbedarf besteht - und das ist grundsätzlich gut", resümiert Gothe.

"Aber noch einmal: Ich glaube, dass sich viele Spieler mit einem echten Problem innerhalb ihres Vereins nicht öffnen werden - auch, wenn man ihnen dort Fachleute zur Verfügung stellt", hält er fest.

Hunt vor Debüt

Auch darüber wird in den kommenden Tagen bei der DFB-Auswahl diskutiert werden. Zunächst einmal bestimmt aber die Trauer um Enke die Gefühlslage. Vor dem Länderspiel gegen die Elfenbeinküste wird Enke in Gelsenkirchen geehrt, das Team spielt mit Trauerflor.

Ob der Bremer Aaron Hunt sein Debüt geben oder Miroslav Klose infolge der diagnostizierten Schweinegerippe bei seinen Zwillingen gegen den WM-Teilnehmer ausfallen wird, interessiert derzeit nur am Rande.

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