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Oliver Bierhoff (l.) und Theo Zwanziger nach dem Scheitern der Gespräche © getty

Hinter dem Scheitern der Vertragsverlängerung des Bundestrainers steckt ein tief sitzender Konflikt hinter den Kulissen des DFB.

Von Martin Hoffmann

München - "Ich bin froh, dass wir uns per Handschlag auf eine Vertragsverlängerung einigen konnten und nun in Ruhe ins WM-Jahr gehen können."

Es waren erleichterte Worte, mit denen DFB-Präsident Theo Zwanziger im Dezember an die Öffentlichkeit gegangen ist.

Wie sehr er sich getäuscht hat: Eineinhalb Monate später hat der deutsche Verband nach der spektakulär gescheiterten Vertragsverlängerung von Bundestrainer Joachim Löw und seinem Stab nun alles - nur keine Ruhe.

Löw selber wollte sich nicht zum Thema äußern, als ihn Sport1.de am Freitagmorgen erreichte.

Zunächst einmal wolle er die interne Lagebesprechung mit seinem Team am Freitag abwarten, erklärte der 50-Jährige 199554(DIASHOW: Joachim Löws Karriere).

Volkszorn geschürt

Was ist schief gelaufen, ist die Frage, die sich am Tag nach dem Super-GAU jeder stellt, wo auch Zwanziger und DFB-Manager Oliver Bierhoff auf Tauchstation gegangen sind. Und die Antworten fallen sehr unterschiedlich aus.

"Da muss viel passiert sein, dass es zu so einem Eklat kommen kann", hat Bayern-Präsident Uli Hoeneß festgestellt. Er hätte gedacht, dass bei Löw und Zwanziger "Handschlag-Qualität vorhanden ist."

Fest steht: Löw ist angreifbar wie noch nie geworden. Die von "Bild" kolportierte Meldung, er und Bierhoff hätten ein Extra-Jahresgehalt als Prämie für eine Unterschrift gefordert, hat den Volkszorn geschürt.

"Verzockt" hätten sie sich, schreibt dieselbe Zeitung nun über Löw und Bierhoff: "Jetzt sind sie zu weit gegangen!"

Nur die halbe Wahrheit

Schlagzeilen, die offensichtlich einkalkuliert worden sind von demjenigen, der dem Massenblatt die Indiskretion geliefert hat.

Was die Sache noch pikanter macht: Laut der "Süddeutschen Zeitung" ist die Story nicht ganz wahr.

Löw und Bierhoff hätten zwar tatsächlich eine "Signing Fee" gewünscht, aber nicht in Höhe eines Jahresgehalts pro Person - bei Löw etwa 2,5 Millionen Euro. Es wäre um einen "Gesamtbetrag" gegangen, die sich die Beteiligten aufgeteilt hätten.

Gab es nie einen Handschlag?

Die "SZ" rüttelt auch an anderen Gewissheiten. Dem Blatt zufolge hat es die von Zwanziger verkündete Einigung per Handschlag mit Löw nie gegeben - zumindest stelle der Bundestrainer das intern so da.

Alle wesentlichen Fragen über die Fortsetzung der Zusammenarbeit seien noch ungeklärt gewesen, als Zwanziger den angeblichen Handschlag öffentlich machte.

Durch dieses Vorpreschen ist dem nun zu besichtigendem Chaos Tür und Tor geöffnet worden.

Interne Kritiker behaupten, Löw und Bierhoff hätten Zwanzigers Kommunikations-Fauxpas genutzt, um den Preis für ihre Unterschrift mit Forderungen nach mehr Geld und Macht nach oben zu treiben.

Das Angebot, das der DFB Löw und Bierhoff dann vorlegte, sah laut "Bild" eine Gehaltssteigerung zwischen fünf und acht Prozent für Löw und Bierhoff vor.

Allerdings: In dem Entwurf soll laut "SZ" kein Punkt geklärt gewesen sein, den Löw und Bierhoff "für die weitere Arbeit als wesentlich erachtet hatten".

Und: Der DFB soll Löw und Co. sogleich ein 48-Stunden-Ultimatum gestellt haben, ihre Unterschrift unter die Papiere zu setzen.

Schlaglicht auf tiefe Gräben

Die Art und Weise, wie die Verlängerung nun geplatzt ist, wirft in jedem Fall ein Schlaglicht auf tiefe Gräben innerhalb des DFB.

Im Präsidium haben viele das Gefühl, dass ihnen die Nationalmannschaft und ihre Zuständigen entgleiten. Von einem "Staat im Staate" spricht die "Frankfurter Rundschau".

Die "SZ" sieht in der "Eitelkeit derer, die sich in der Ära Löw/Bierhoff aufs Abstellgleis geschoben wähnen" den Hauptgrund für die Eskalation.

Vorbehalte gegen Bierhoff

Weit mehr als Löw stößt Bierhoff auf Vorbehalte gegen seine Person und seine Arbeit. Auch sein Verhältnis zu Zwanziger soll sich abgekühlt haben.

Entsprechend groß ist die Aufregung um seine angebliche Forderung nach einem Veto-Recht bei der künftigen Besetzung des Bundestrainer-Postens.

Bierhoff scheint hier schon das Szenario im Blick zu haben, was passieren würde, wenn Löw nach einer misslungenen WM seinen Hut nehmen müsste.

Ein Hebel gegen Sammer

Matthias Sammer gilt in diesem Fall als Favorit auf die Nachfolge.

Der DFB-Sportdirektor wird gerade bei Löw-Skeptikern geschätzt und hat vor allem durch die Erfolge der von ihm verantworteten Nachwuchsteams viel Renommee gewonnen.

Und es scheint, als wollte sich Bierhoff den Hebel sichern, um den für ihn unliebsamen Kandidaten verhindern zu können.

Mehr als ein Mitspracherecht - das er laut aktuellem Vertrag auch jetzt schon hat - wollte ihm der DFB jedoch laut "Bild" nicht zugestehen.

Wird Bierhoff geopfert?

Die Position Bierhoffs scheint inzwischen noch unsicherer als die Löws.

Die "FAZ" meint beobachtet zu haben, dass sich Zwanziger von Bierhoff absetzt und ihn im Zweifel - anders als seinen Coach - auch fallen lassen würde:

"Der Eindruck drängt sich auf, dass dem DFB nun auch daran gelegen ist, Bierhoff aus dem Verhandlungspaket herauszulösen."

Der unübersichtliche Konflikt bleibt nun bis nach der WM ungelöst - und die vielen nicht entschärften Sprengsätze haben viel Potenzial, den sportlichen Erfolg dort zu gefährden (Der WM-Spielplan).

Doch genau davon wird der Ausgang des Konflikts abhängen - jetzt mehr denn je.

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