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Oliver Kahn absolvierte 86 Länderspiele für Deutschland © imago

Oliver Kahn kann den Manager der Nationalelf nicht verstehen. Im DSF-Interview bezeichnet er dessen Pläne als "abenteuerlich".

Von Christian Ortlepp

München - Der Wirbel um die Vertragsverlängerung von Bundestrainer Joachim Löw: Er sorgt für mächtig Diskussionsstoff.

Der neueste Stand: 123 Tage vor dem WM-Start haben DFB-Präsident Theo Zwanziger und Löw den "Warschauer Pakt" geschlossen.

Doch das Säbelrasseln nach den abgebrochenen Vertragsverhandlungen geht weiter.

In den Fokus der Kritik gerät Oliver Bierhoff.

Der umstrittene Teammanager wurde für seinen Verhandlungsstil scharf attackiert.

Zwanziger hatte am Donnerstag die Vertragsgespräche mit der sportlichen Leitung der Nationalmannschaft wegen unterschiedlicher Auffassungen überraschend abgebrochen und auf die Zeit nach der WM in Südafrika vertagt.

Zwanziger machte Bierhoff für die gescheiterten Vertragsgespräche verantwortlich.

Es habe beim ersten Gespräch mit Löw Mitte Dezember keine Anzeichen für gravierende Unterschiede gegeben 199554(DIASHOW: Joachim Löws Karriere).

"Die gab es erst, als Bierhoff in einem Gespräch Mitte Januar neue Fakten geschaffen hat, indem er uns Entwürfe für völlig neue Verträge präsentiert hat. Wir wollten verlängern - doch wir wollten keinen neuen Vertrag machen."

Im DSF-Interview äußert sich der ehemalige Nationalkeeper Oliver Kahn zum aktuellen Geschehen.

Frage: Herr Kahn, sind die Geschehnisse der vergangenen Woche eine echte Gefahr für die Entwicklung des deutschen Fußballs?

Oliver Kahn: Man darf jetzt nicht zu hysterisch werden. Es gab da jetzt ein paar Ungereimtheiten. Und natürlich waren auch ein paar unglückliche Sachen von Seiten des DFB in dieser Angelegenheit dabei. Ich glaube, dass es immer Lösungen gibt. Das sind erwachsene Männer, die sich irgendwann mal an einen Tisch setzen können. Ich weiß nicht, wie jetzt der Stand der dinge ist. Das Entscheidende ist: Wir haben eine schlagkräftige Mannschaft. Ich sehe nicht, dass die Mannschaft sich durch diese Dinge irgendwie irritieren lässt.

Frage: Hat Oliver Bierhoff vielleicht einen Fehler begangen?

Kahn: Es wundert mich, dass ein so intelligenter Mann wie Oliver Bierhoff solche Forderungen stellt. Denn er muss ja die Strukturen kennen, wenn er Einfluss haben will. Um Bundestrainerentscheidungen treffen zu können, muss er Mitglied des Präsidiums werden. Er hätte eigentlich schon im Vorfeld wissen müssen, dass solche Forderungen unmöglich sind in einem so großen Verband wie dem DFB. Eine Art Veto zu haben, was Bundestrainerverpflichtungen angeht, ist schon wirklich abenteuerlich.

Frage: Ist es also richtig, dass sich die Herrschaften verzockt haben?

Kahn: Da muss man klar trennen. Wenn es zu Verhandlungen kommt und es um Geld geht, ist es deren Sache. Da geht es hoch her und wird hin- und herverhandelt. Das ist völlig normal. Was ich nicht verstehe, ist, dass der Bundestrainer und die beteiligten Personen nicht selbst ihre Verträge aushandeln. Warum tritt Oliver Bierhoff quasi als Vertragshändler vor dem DFB auf? Das sind Sachen, die ein "Geschmäckle" in solche Verhandlungen hereinbringen. Der DFB hat das ähnlich aufgefasst. Und aus diesem Grund ist diese ungute Situation auch entstanden.

Frage: Ist eine harmonische Zusammenarbeit unter den gegebenen Umständen eigentlich noch möglich?

Kahn: Es ist schon ein gewisser Vertrauensverlust da. Aber das kommt in den besten Ehen mal vor. Wenn man sich dann wieder zusammenrauft und die Probleme angeht, gibt es auch hier wieder die Möglichkeit, sich zusammenzusetzen und eine Lösung zu finden, die nicht den eigenen Interessen gerecht wird sondern dem wichtigsten, dem deutschen Fußball.

Frage: Sie haben die Aussagen von Theo Zwanziger und Oliver Bierhoff gehört, als sie vor die Kameras getreten sind. Welches Bild hat das auf den deutschen Fußball geworfen?

Kahn: Ich habe im Vorfeld nicht gedacht, dass es hinsichtlich der Bundestrainerverpflichtung zu großen Problemen kommen würde. Aber wenn ich als Unterhändler auftauche und für sechs Leute verhandle - das sind Dinge, die ich nicht nachvollziehen kann. Die Art und Weise der Verhandlungsführung hat dazu geführt, dass Fronten auf der anderen Seite entstanden sind beim DFB. Wenn jeder im Stillen seinen Vertrag ausgehandelt hätte, wäre das nicht an die Öffentlichkeit durchgedrungen. Und man hätte völlig in Ruhe Lösungen finden können.

Frage: Das Thema wird bis zur WM und auch während der WM immer wieder aufgekocht werden...

Kahn: Für die Spieler ist das doch sogar ein Vorteil. Denn dann können die Journalisten über Themen diskutieren, die die Spieler so gut wie gar nicht tangieren. Die Spieler haben ihre Ruhe und können sich in aller Ruhe auf die WM vorbereiten.

Frage: Schließen Sie aus, dass von Seiten des DFB noch vor der WM Köpfe rollen?

Kahn: Das glaube ich nicht. Die Situation wird erstmal bleiben wie sie jetzt ist. Jeder wird sich zum Nachdenken zurückziehen. Theo Zwanziger hat eine richtige Aussage gemacht: Das Wohl und Wehe der Nation und das Abschneiden unserer Mannschaft bei der WM hängt jetzt nicht zu 100 Prozent von der Vertragsverlängerung des Bundestrainers ab. Ich denke, dass eine Mannschaft durchaus auch im Spannungsfeld nicht abgeschlossener Verträge zu Höchstleistung finden kann.

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