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Joachim Löw arbeitete als Trainer in der Schweiz, der Türkei und Österreich © imago

Der Bundestrainer ist so verärgert über den DFB, dass er sogar weitere Gespräche nach der WM über eine Vertragsverlängerung in Frage stellt.

Von Martin Volkmar

München - Es wäre die krönende Pointe des Machtkampfs zwischen Joachim Löw und der DFB-Spitze:

Auch in der Qualifikation zur EM 2012 steht Löw beim Topspiel Deutschland gegen die Türkei an der Seitenlinie - allerdings für die Türken.

Dieses Szenario ist seit den Verwerfungen der vergangenen Tage plötzlich alles andere als unwahrscheinlich.

Schon im vergangenen Herbst hatten mehrere türkische Medien berichtet, der ehemalige Coach von Fenerbahce Istanbul und Adanaspor werde nach der WM in Südafrika Nachfolger von Fatih Terim.

"Wer weiß, was nach der WM passiert"

Nun bekommen diese Meldungen neue Nahrung. "Es gibt kein Angebot aus der Türkei", erklärte Löw zwar nach der Auslosung der EM-Qualifikationsgruppen.

Er fügte aber hinzu: "Wer weiß, was nach der WM passiert."

Bis vor einer Woche schien es klar, dass Löw auch danach noch als Bundestrainer im Amt sein werde. Doch nach den geplatzten Verhandlungen über die Vertragsverlängerung herrscht Eiszeit zwischen den Verantwortlichen.

Und nach Ansicht vieler Experten muss Löw nun mit der Nationalmannschaft bei der WM mindestens das Halbfinale erreichen, um ein neues Angebot zu bekommen.

Auf solche Bedingungen will sich der 50-Jährige jedoch gar nicht erst einlassen. Er werde in Ruhe abwarten, "ob wir nach der WM gefragt werden", sagte Löw. 199554(DIASHOW: Joachim Löws Karriere)

"Und ob wir auch zu Gesprächen bereit sind. Mal gucken, was die Zeit bringt."

Klare Forderungen an den DFB

Vielmehr stellte er seinerseits Forderungen. "Stillstand möchte ich nicht. Ich möchte vorankommen. Denn wir haben auch unsere Vorstellungen. Die wollen wir auch umgesetzt sehen", erklärte der Freiburger.

"Wenn ich jetzt sehe, dass wir vielleicht in den nächsten ein, zwei Jahren nicht weiter kommen, dann macht es wenig Sinn."

Damit machte Löw überdeutlich, dass er nicht auf seinen bisherigen Traumjob beim DFB angewiesen ist. Schließlich hat es nach den Erfolgen seit seinem Amtsantritt im Sommer 2006 schon zahlreiche Interessenten gegeben, nicht nur aus der Türkei.

Neue Vertragsverhandlungen kategorisch ausgeschlossen

Deshalb lehnt er erneute Verhandlungen mit der Verbandsspitze vor der WM kategorisch ab:

"Das kommt für mich nicht mehr infrage. Ich bin immer noch stark verärgert über die Vorkommnisse der vergangenen Tage. Ich habe unserem Präsidenten mitgeteilt, dass ich keine Gespräche mehr führen werde."

Die Indiskretionen über angebliche Vertragsinhalte, die aus dem recht kleinen Verhandlungskreis der "Bild" gesteckt wurden, haben Löw extrem gestört.

Beinahe schon beleidigend aber hat er das 48-Stunden-Ultimatum empfunden, dass er von der DFB-Führung zur Unterschrift unter das Gegenangebot erhalten hatte: "Solch ein Ultimatum darf mir niemand stellen."

Entsprechend verhärtet sind die Fronten und eine Verbesserung des Verhandlungsklimas erscheint momentan ausgeschlossen. Die Sprachlosigkeit und räumliche Distanz zwischen Löw und DFB-Präsident Theo Zwanziger bei der EM-Auslosung in Warschau sagte da mehr als tausend Worte.

Kein Rauswurf und kein Rücktritt vor der WM

Trotzdem "bleibt Joachim Löw mein erster Ansprechpartner", versicherte Zwanziger, der damit auch einen Rauswurf noch vor der WM ausschloss.

Auch der Bundestrainer wies einen Rücktritt vor den Titelkämpfen kategorisch zurück. "Nein, dafür ist mir die WM viel zu wichtig", sagte er.

"Wir konzentrieren uns ab jetzt zu 100 Prozent auf die WM. Wir werden alles tun, um eine gutes Turnier zu spielen. Es wird keine Entschuldigung geben. Wir haben einen klaren Auftrag, ab Wochenbeginn werden wir uns darauf mit aller Kraft vorbereiten."

Bereits am Montag traf sich Löw daher mit der sportlichen Leitung zu einem WM-Workshop. Und auch die EM-Gruppengegner Türkei, Österreich, Belgien, Aserbaidschan und Kasachstan will man trotz der ungeklärten Zukunft nicht komplett aus den Augen lassen.

"Werden so planen, als würden wir weitermachen"

"Wir müssen mit der Situation professionell umgehen, auch wenn es im Sommer nicht weitergeht, egal von welcher Seite. Wir werden aber auf jeden Fall so planen, als würden wir weitermachen", sagte Oliver Bierhoff.

Der Teammanager, der von fast allen Seiten zum Verantwortlichen für die Eskalation der Vertragsverlängerung gemacht wird, wird ebenfalls nicht von sich aus hinwerfen und damit eine mögliche Lösung des Konflikts anbieten. (EINWURF: Kaum noch zu kitten)

Schließlich kann er sich der vollen Rückendeckung des Bundestrainers sicher sein: "Wir sind ein Team. Wir haben in der Vergangenheit exzellent zusammengearbeitet und wollen das auch weiter tun", bekräftigte Löw.

Bierhoff-Zukunft beim DFB ohne Löw ausgeschlossen

Ausgeschlossen scheint somit allerdings auch eine Zukunft von Bierhoff beim DFB ohne Löw. Dementsprechend wundert es nicht, dass der Manager seine ursprüngliche Forderung nach einem Veto-Recht bei der Bundestrainer-Nachfolge nicht mehr als zwingend sieht.

Schließlich steht als Nachfolger ungeachtet aller Dementis Sportdirektor Matthias Sammer parat. Und zwischen ihm und Bierhoff war das Verhältnis schon vor dem Streit so abgekühlt wie jetzt zwischen Löw und Zwanziger.

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