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Maradona bestritt 91 Länderspiele für Argentinien und erzielte dabei 34 Tore © getty

Auf der Pressekonferenz nach Argentiniens Sieg gegen das DFB-Team sorgt Diego Maradona fast für einen Eklat, dann schießt er Giftpfeile.

Vom Länderspiel berichtet Martin van de Flierdt

München - Er betrat den Presseraum mit stolzgeschwellter Brust, setzte sich hinter das mittlere Mikrofon des Podiums und war ganz offensichtlich im Begriff, den Augenblick auszukosten.

Gerade hatte seine argentinische Nationalmannschaft Deutschland im ersten Länderspiel des WM-Jahres trotz des nur knappen 1:0-Erfolgs die Grenzen aufgezeigt.

Und Diego Maradona wollte darüber reden.

Als jedoch in seinem Gefolge neben Dolmetscher Pablo Torres auch Harald Stenger, der Presseverantwortliche des DFB-Teams, und der deutsche Debütant Thomas Müller neben im Platz nahmen, schaute der Trainer der "Albiceleste" zunächst reichlich irritiert, dann ernsthaft pikiert.

"Ich kann auch wieder gehen"

"Leute, wenn ihr mit ihm da sprechen wollt, kann ich auch wieder gehen", sagte er zu den Berichterstattern und deutete mit dem Kopf in unverkennbar geringschätziger Manier in Richtung Müller.

"Bitte, bitte. Erst heißt es, ich solle eine Pressekonferenz geben. Aber ich kann gehen, kein Thema."

Noch ehe Stenger ihm verdeutlichen kann, dass das Frage-und-Antwort-Spiel nach einer Heimbegegnung des DFB-Teams einem bewährten Prozedere folgt und neben Maradona auch noch andere Protagonisten der Begegnung zu Wort kommen sollen, steht "El Diez" (die Zehn) auf und verlässt den Saal.

Müller perplex

Die klare Botschaft: Mit mir nicht. Er kommt erst zurück aufs Podium, als ein schon leicht genervter Stenger dem perplexen Müller zu verstehen gegeben hat, er möge sich noch einen Moment zurückziehen.

Der abstruse Gedanke, dass Maradona davon ausging, Müller könne ihm die Show stehlen, war dem Bayern-Talent gar nicht erst gekommen.

Nun also Maradona, die Zweite. "Sorry", sagt er. "Ich hatte keine Ahnung, dass das ein Spieler ist. Also?"

Im verbalen Zweikampf

Stenger hat inzwischen wieder neben ihm Platz genommen.

In dem unverkennbaren Willen, sich den Ablauf der Pressekonferenz nicht erneut aus der Hand nehmen zu lassen, unterbricht er den argentinischen Coach mit entschiedenem Ton:

"Wir begrüßen Diego Maradona, den Trainer der argentinischen Nationalmannschaft, herzlich und bitten ihn um sein Statement zum Spiel."

Maradona schaut Stenger mit großen Augen an, die kaum mehr Missfallen hätten ausdrücken können.

"Dieses Spiel hatte den Charakter eines WM-Viertelfinals", erklärt er dann.

"Die Spieler haben gezeigt, was ich vorgegeben habe. Auch wenn die argentinische Presse es nicht wahrhaben möchte: Wir werden bei der WM eine gute Rolle spielen, so Gott will."

Ventura betritt das Podium

Unterdessen hat der argentinische Pressechef Andres Ventura das Podium betreten, ein älterer Herr, der vom Erscheinungsbild her jedem Mafiastreifen als Pate gut zu Gesicht stehen würde.

Stenger bedeutet ihm, sich bitte zu setzen. Doch Ventura will nicht.

Immer noch gehüllt in Wintergarderobe vermittelt er vielmehr die Bereitschaft, jederzeit aufbrechen und Maradona herausbegleiten zu wollen.

Die Diva selbst möchte nun aber nicht mehr zügig gehen. Sie möchte sich mitteilen.

"Wir werden immer besser. Was wir gezeigt haben, ist das, was ich im Training sehe", sagt sie. "Wir haben die Spieler, um nach 24 Jahren wieder Weltmeister zu werden."

Und weiter: "Ich war total sicher, dass die Jungs den Leuten zu Hause heute eine Idee davon vermitteln würden, wie wir in Südafrika Erfolg haben können."

Noch zwei Fragen

Maradona führt diesen Punkt wortreich aus, ohne wirklich neuen Inhalt hinzuzufügen.

In seinem Rücken signalisiert Ventura Stenger mit Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand, dass er nicht mehr als zwei weitere Fragen zulassen möge.

"Wir waren heute in allen Belangen besser", behauptet derweil Maradona berechtigterweise.

"Wir haben es geschafft, Michael Ballack und Bastian Schweinsteiger aus dem Spiel zu nehmen. Und dann haben wir uns in die Partie reingesteigert." 209341(die Einzelkritik).

Der Coach beantwortet die nächsten beiden Fragen und schaut dann verdutzt und auch ein bisschen enttäuscht in die Runde der Journalisten.

Nochmal zwei Fragen, mindestens

"Hey, was ist los? Wenn wir verloren haben, stellt ihr mir mindestens 50 Fragen. Also fragt schon, nicht so schüchtern!"

Der Zeitplan sieht schon länger die Fragerunde mit Müller und Toni Kroos vor, auch Joachim Löw wartet bereits.

Stenger sieht zu Ventura herüber. Der zieht die Schultern hoch. Maradona redet weiter.

Über die Außenverteidiger Gabriel Heinze und Nicolas Otamendi, über Lionel Messi. "Ich danke Gott, dass er Argentinier ist."

"Darf ich auch mal ausreden"

Als Dolmetscher Torres Maradona bittet, ihn wie von Stenger gewünscht kurz für die deutsche Presse übersetzen zu lassen, wird die Laune des 49-Jährigen wieder spürbar schlechter.

"Darf ich hier auch mal ausreden?", fragt er und fügt mit einer abfälligen Geste in Richtung Stenger hinzu: "Fehlt nur noch, dass er hier jeden Moment sagt: Basta, es reicht." Das "Basta" bellt Maradona dabei barsch in den Raum.

Stenger bewahrt die Haltung, und nachdem die vermeintlich letzte Frage zwei weitere Male gestellt worden ist, wendet er sich an Ventura: "War?s das oder gibt es eine weitere Zugabe?"

Madrid, nicht Argentinien

Ventura zieht eine Schnute und schüttelt den Kopf. "Dann bedanken wir uns bei Diego Maradona", sagt Stenger, "und wünschen ihm einen guten Heimflug nach Argentinien."

Doch Maradona wäre nicht Maradona, wenn er seinen Auftritt nicht selbst beenden würde: "Ach ja? Vielen Dank", sagt er, und man staunt, wie es dieser nur 1,65 Meter kleine Mann im Sitzen schafft, auf seinen deutlich größeren Gegenüber herabzuschauen.

"Aber ich für meinen Teil bleibe in Europa und reise lediglich nach Madrid."

Maradona steht auf und schreitet mit stolzgeschwellter Brust an der Seite Venturas aus dem Raum.

Dieser Mann garantiert hohen Unterhaltungswert, auch für Südafrika. Darauf darf man darf sich durchaus freuen.

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