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Mit deDas DFB-Team blieb erstmals unter Löw drei Spiele ohne Sieg © getty

Die Niederlage des DFB-Teams gegen Argentinien offenbart offene Baustellen für Bundestrainer Löw in allen Mannschafsteilen.

Vom DFB-Team berichtet Martin van de Flierdt

München - Franz Beckenbauer bettete die Erkenntnis in einen gewohnt launigen Tonfall.

"Es war jetzt nicht das temperamentvollste Spiel der deutschen Mannschaft", sagte der Fußball-Kaiser nach der verdienten 0:1-Niederlage der DFB-Auswahl gegen Argentinien.

"Was mich ein bisschen überrascht hat, ist, dass die deutsche Mannschaft keine einzige brauchbare Torchance herausgespielt hat." Mit dieser Überraschung stand er nicht allein.

Deshalb räumte auch Joachim Löw räumte ohne Herumreden ein, dass "es uns nicht gelungen ist, Druck auszuüben und die Argentinier zu Fehlern zu zwingen".

Das hatte diverse Gründe, denn die Unsicherheit zog sich durch alle Mannschaftsteile:

Tor:

Rene Adler, gerade zur Nummer eins für die WM erklärt, unterlief die spielentscheidende Fehleinschätzung, als er vor dem 0:1 weit vor dem deutschen Tor gegen Gonzalo Higuain zu spät kam.

"Er war den berühmten Schritt schneller als ich", erklärte Adler. "Da gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder die Rote Karte oder ihn laufen lassen. Ich habe mich für die zweite Variante entschieden."

Wenn Adler schon rauskomme, meinte "ZDF"-Experte Oliver Kahn, dann müsse er den Ball auch bekommen. In der Folge zeigte sich Adler vor allem bei der fußballerischen Verarbeitung von Rückgaben mehrfach unsouverän.

Von Löw erhielt er dennoch Rückendeckung: "Dass Rene da so weit vor dem eigenen Tor steht, ist eigentlich richtig." Das Torwart-Ranking wird wegen dieses Fauxpas noch nicht umgeworfen.

Abwehr:

"Eines haben wir relativ ordentlich gemacht", befand der Bundestrainer. "Die Mannschaft hat nicht viele Chancen zulassen müssen." Allerdings drängte sich dem Beobachter das Gefühl auf, dass die Argentinier jederzeit hätten hochschalten können.

Beim Gegentor war die deutsche Abwehrreihe viel zu weit aufgerückt. Dabei offenbarten Per Mertesacker und Serdar Tasci ein gravierendes Abstimmungsproblem. Mertesacker verließ sich zudem auf Adler.

Zuvor hatte Angel di Maria mit seinem Solo Tasci und Jerome Boateng leichtfüßig aussteigen lassen. Der technisch beschlagene Hamburger belegte zudem seinen jugendlichen Hang zu unnötigem Risikospiel. Tasci wartet auch nach dieser Partie auf sein erstes wirklich gutes Länderspiel.

Neben Philipp Lahm, der sich gegen Lionel Messi sehr ordentlich aus der Affäre zog, war der abwesende Heiko Westermann daher der einzige Gewinner unter den Verteidigern.

Mittelfeld defensiv:

Der Startschuss für das neue Impulsgeber-Gespann Bastian Schweinsteiger und Michael Ballack geriet zum Rohrkrepierer. Der lustlos wirkende Kapitän erlaubte sich eine hohe Zahl an Ballverlusten. Einen musste Schweinsteiger mit einem Foul ausbügeln, das ihm die Gelbe Karte einbrachte.

Der Münchner kam über den emsigen Defensiveifer, mit dem er seine Eignung für die Sechserposition zu unterstreichen suchte, nicht hinaus. Denn das argentinische Pressing unterband die Versorgung des deutschen Offensivquartetts mit Zuspielen sehr geschickt.

"Bastian Schweinsteiger und Michael Ballack können zusammen spielen", meinte Löw dennoch. "Die Detailarbeit werden wir in der Turniervorbereitung angehen."

Weiterhin möglich ist nach dem missglückten Experiment aber auch, dass Stuttgarts Sami Khedira auf die Sechs rückt und Schweinsteiger wieder auf den rechten Flügel zurückkehrt.

Mittelfeld offensiv:

"Wenn ich mit einer Dreierreihe im offensiven Mittelfeld spiele, erwarte ich als Trainer, dass die Außen Flanken in die Mitte bringen", erläuterte Kahn Löws taktische Ausrichtung. Doch weder Lukas Podolski auf links noch Debütant Thomas Müller auf rechts waren dazu in der Lage.

Da auch Mesut Özil als Spielgestalter kaum Bindung zur Partie bekam, lag das deutsche Offensivspiel brach. Daran konnte auch der spät eingewechselte Toni Kroos kaum etwas ändern.

"Bei Müller und Kroos hat man gesehen, dass sie großes Potenzial besitzen", meinte Löw dennoch. "Ich glaube, dass Müller eine gute Chance hat, dauerhaft auf rechts zu spielen, weil er gut in die Tiefe geht." 209341(DIASHOW: die Einzelkritik)

Mit Piotr Trochowski, Marko Marin, Aaron Hunt und dem diesmal im Kader fehlenden Marcell Jansen hätte der Bundestrainer für die offensiven Außenpositionen reichlich Alternativen. Entscheidet sich Löw zur Abkehr vom 4-2-3-1, könnte zudem auch Özil wieder auf den Flügel wandern.

Sturm:

Denn mit Özil steht und - wie gegen Argentinien gesehen - fällt die Wirkung des Systems mit nur einer Spitze. "Man hat es ja im letzten Herbst wieder eingeführt, weil Özil stark gespielt hat", erinnerte Kahn. "Es ist die Frage, ob man nun nicht doch eher zu zwei Spitzen zurückkehrt."

Der Auftritt von Cacau nach seiner Einwechslung legt das nahe. "Mit ihm wurde unser Spiel lebendiger, weil er sich im Raum zwischen Mittelfeld und Abwehr des Gegners gut bewegt hat", sagte Löw über den Stuttgarter, der dem WM-Ticket wieder ein Stück näher gekommen ist.

Miroslav Klose und in der zweiten Halbzeit Mario Gomez hatten bis dahin als Solisten im Angriff nichts ausrichten können.

Die mangelnde Spielpraxis Kloses bei Bayern München ist für Löw übrigens nach wie vor kein Grund für einen Vertrauensentzug: ?Wichtig ist, dass er enorm hochtourig trainiert und im März und April alles dafür tut, gut in Form zu kommen.? Stefan Kießling wird das mit Interesse vernommen haben.

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