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Kevin Kuranyi absolvierte 52 Länderspiele für die DFB-Auswahl © getty

Der Bundestrainer reagiert auf die Nacht- und Nebelaktion des Schalkers und wird den 26-Jährigen "in Zukunft nicht mehr nominieren".

Aus Dortmund berichtet Martin Volkmar

Dortmund - Kurz vor dem Anpfiff gegen Russland plauderte Joachim Löw noch am Mannschaftsbus mit Matthias Sammer.

Wenige Meter entfernt standen Kevin Kuranyi und Jermaine Jones und der Frust über ihre Verbannung auf die Tribüne war den beiden Schalkern deutlich anzusehen.

Es sollte das letzte Mal sein, dass sich Löw und Kuranyi an diesem Abend so nahe sein sollten - wahrscheinlich sogar für immer.

Vergebliche Kontaktversuche

Denn Kuranyi sorgte nach seiner Ausmusterung für einen Eklat, der den über weite Strecken starken Auftritt beim 2:1 gegen die Russen schnell in den Schatten stellte.

Der 26-Jährige verließ die DFB-Delegation zur Pause und war auch eine Stunde nach dem Abpfiff nicht wieder bei der Mannschaft. Danach versuchten die Verantwortlichen bis Sonntagmittag vergeblich, Kuranyi zu erreichen.

Daher konnte der Verband Meldungen über einen Rücktritt aus der Nationalmannschaft nicht bestätigen, doch das Thema dürfte sich nach Kuranyis Aussetzer wohl ohnehin endgültig erledigt haben.

Keine Nominierung mehr

"So wie Kevin reagiert hat, kann ich das nicht akzeptieren und werde ihn deshalb in Zukunft nicht für die Nationalelf nominieren", sagte der 48-jährige Löw und vollzog den Rauswurf des Schalkers.

"Wir sind alle überrascht gewesen von der vorzeitigen Abreise von Kevin Kuranyi. Trotz mehrerer Versuche haben ihn Oliver Bierhoff und ich bisher telefonisch nicht erreicht", hatte der Bundestrainer in einer ersten Stellungnahme erklärt.

Löw sieht noch Klärungsbedarf

"Es besteht für uns noch Klärungsbedarf und danach werden wir uns noch einmal abschließend äußern."

Der Stürmer außer Dienst hatte sich am Samstagmittag nach der Bekanntgabe seiner Ausbootung beim Bundestrainer beschwert.

"Kevin kam unmittelbar nach der Mannschaftssitzung auf mich zu und hat seine Enttäuschung darüber zum Ausdruck gebracht, dass er nicht zum 18er-Kader gehört und auf der Tribüne sitzen muss" berichtete Löw.

"Reaktion ist nicht akzeptabel"

"Ich kann seine Enttäuschung verstehen, aber die Reaktion, die dann am Abend passiert ist, ist nicht akzeptabel und verständlich."

Und weiter: "Wir sind hier derzeit bei der Nationalmannschaft 20 Topleute und da werden wir Trainer immer wieder aufs Neue harte Entscheidungen treffen müssen."

Dabei schien sich Kuranyi nach dem verbalen Disput zunächst etwas beruhigt zu haben. Die erste Halbzeit des Spiels verfolgte er noch gemeinsam mit der DFB-Tross auf der Gegentribüne und bejubelte sogar die Treffer von Lukas Podolski und Michael Ballack.

Mit der Begründung, er wolle die zweite Hälfte mit einem Freund auf der Haupttribüne schauen, verließ Kuranyi die deutsche Delegation. Doch er kam nicht mehr zurück.

Als der Mannschaftsbus mehr als eine Stunde nach dem Schlusspfiff abfahren wollte, fehlte der Schalker immer noch. Daher entschloss sich Löw, ohne ihn abzufahren.

Freunde warten im DFB-Hotel

Die nächste Überraschung folgte dann um kurz vor ein Uhr im Team-Hotel in Düsseldorf, wo bereits zwei Freunde von Kuranyi warteten. Sie baten Oliver Bierhoff, die persönlichen Sachen mitnehmen zu dürfen, der Teammanager stimmte zu.

Seitdem herrscht Funkstille, denn Kuranyi, der im knapp 30 Kilometer entfernten Moers am Niederrhein wohnt, hat sein Mobiltelefon ausgeschaltet. Nach den Vorkommnissen ist allerdings nicht davon auszugehen, dass es für den gebürtigen Brasilianer noch einen Weg zurück gibt.

Zumal er zuletzt im deutschen Team alles andere als unantastbar war. Vielmehr drängten Stürmer wie Leverkusens Stefan Kießling nach, der nun möglicherweise für das zweite WM-Qualifikationsspiel am Mittwoch gegen Wales nachnominiert wird.

Fast logisch erschien da Kuranyis Versetzung gegen Russland auf die Tribüne, denn seine Angriffs-Konkurrenten Miroslav Klose, Lukas Podolski, Mario Gomez und Patrick Helmes waren zuletzt eindeutig besser in Form.

Auch bei Schalker Fans in der Kritik

Selbst bei den eigenen Anhängern hat er seit längerem einen schweren Stand. Allerdings hatten ihm seine ersten beiden Tore nach zuvor sieben erfolglosen Pflichtspielen beim 2:2 gegen Wolfsburg neuen Auftrieb gegeben.

Doch im DFB-Team war auch diesmal nur zweite bzw. dritte Wahl. Ähnliches geschah ihm schon vor der Weltmeisterschaft 2006, als Löw und Jürgen Klinsmann ihn überraschend aus dem Kader warfen.

Danach schwieg Kuranyi und kämpfte sich Anfang 2007 in die Nationalelf zurück. Diesmal tat er das Gegenteil, so dass zu seinen 52 Länderspielen kaum weitere hinzukommen werden.

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