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Kuranyi (r.) und Frings werden nie wieder gemeinsam im DFB-Team spielen © imago

Kevin Kuranyi ist endgültig Geschichte. Andere Spieler haben in der Nationalelf eine ungewisse Zukunft oder einen schweren Stand.

Vom DFB-Team berichtet Martin Volkmar

Dortmund/Düsseldorf - Mit zusammen gepressten Lippen und dem Kopf nach unten lief Torsten Frings an den wartenden Journalisten vorbei.

Der Routinier wollte sich nicht den Mund verbrennen, nachdem er zuvor erstmals seit sieben Jahren in einem wichtigen Spiel nur zweite Wahl gewesen war.

Doch immerhin fand Frings nach dem 2:1 gegen Russland den Mannschaftsbus und wahrte auch sonst nach außen hin die Fassung.

Denn beides gelang Kevin Kuranyi nicht, nachdem ihn Joachim Löw als Stürmer Nummer fünf sogar auf die Tribüne verbannt hatte.

Kuranyis Flucht und die Konsequenzen

Der Schalker verschwand heimlich, still und leise aus Dortmund, ließ seine Sachen von angeblichen Freunden in der Nacht im Düsseldorfer Team-Hotel abholen und schaltete sein Mobil-Telefon aus.

Die logische Konsequenz folgte am Sonntagmittag: Der Bundestrainer warf Kuranyi aus der Nationalmannschaft.

Entschuldigung am Sonntagabend

"So wie Kevin reagiert hat, kann ich das nicht akzeptieren und deshalb werde ich ihn auch in Zukunft nicht mehr nominieren", erklärte der 48-Jährige.

Immerhin hat sich Kuranyi mittlerweile bei Löw telefonisch für sein Verhalten entschuldigt.

Wie "Sport Bild online" berichtete, meldete sich der Stürmer am Sonntagabend beim Bundestrainer. Dies bestätigte auch der Schalker Manager Andreas Müller: "Er hat sich für sein Verhalten entschuldigt. Das ändert aber nichts an seiner Entscheidung, aus der Nationalmannschaft zurückzutreten."

Zwanziger steht hinter Löws Entscheidung

Ob nun Rauswurf oder Rücktritt, Kuranyi wird nicht mehr für Deutschland spielen.

Volle Rückendeckung für seine Entscheidung erhielt Löw auch von DFB-Präsident Theo Zwanziger. "Ich trage seine Entscheidung hundertprozentig mit. Sie war schlüssig, folgerichtig und logisch. Joachim Löw hatte gar keine andere Wahl", sagte der Verbandsboss.

"Man muss die Entscheidungen akzeptieren"

"Man muss als Profi die Entscheidung des Bundestrainers akzeptieren, auch wenn man persönlich enttäuscht sein kann."

Diese Aussage mag wie eine Binsenweisheit klingen, trifft Löws neue Marschroute aber auf den Kopf: Auf dem Weg zur WM 2010 nimmt der DFB-Chefcoach keine Rücksicht mehr, sondern will alles dem Erfolg unterordnen.

Das wurde spätestens in der Mannschaftssitzung vor dem Duell gegen Russland deutlich, als Löw Kuranyi und Jermaine Jones aus dem 18-er Kader strich.

Schon zuvor hatte er auf den einsatzbereiten Christoph Metzelder verzichtet, da dieser bei Real Madrid nur Reservist ist. Und bereits im Sommer hatte Löw den fast 39-jährigen Jens Lehmann zum Rücktritt gedrängt.

Keine Chance mehr für Kehl, Asamoah und Neuville

In dieser Woche erklärte er dann, dass die WM-Teilnehmer Oliver Neuville, Sebastian Kehl und Gerald Asamoah in seinen Planungen keine Rolle mehr spielten. Gegen Russland verzichtete er schließlich auch auf WM-Held Frings sowie die zuvor hoch gelobten Leverkusener Simon Rolfes und Patrick Helmes.

Stattdessen überzeugten Helmes-"Ersatz" Lukas Podolski nicht nur wegen seines Treffers zum 1:0 und der überraschend aufgebotene Thomas Hitzlsperger im defensiven Mittelfeld.

"Alle drei haben in dieser Woche wirklich gut trainiert und sich richtig ins Zeug gelegt", meinte Löw. "Ich hätte auch Torsten Frings oder Simon Rolfes ohne Probleme bringen können."

Ballack gibt Löw Recht

Tat er aber nicht, und der Erfolg gab ihm recht. Das musste auch Michael Ballack einsehen. "Das sind Sachen, die der Trainer entscheidet und das muss man nicht bewerten", sagte der Kapitän. "Ich denke, er hat alles richtig gemacht ? wir haben gewonnen."

Welch ein Kontrast zur EM-Endrunde vor knapp vier Monaten. Damals war kolportiert worden, Ballack habe einige Male Einfluss auf die Aufstellung genommen.

Löw wiederum wurde vorgeworfen, er scheue die Konfrontation mit den "Platzhirschen" und habe deshalb bei der Euro zu wenig nach Leistung aufgestellt. Danach hatte der Bundestrainer öffentlich betont, er werde seinen Stil beibehalten.

Profiteure des Kurswechsels

Und doch hat er mit dem neuen Konkurrenzkampf, der neben Hitzlsperger auch Piotr Trochowski und Heiko Westermann zugute kam, einen Kurswechsel eingeleitet. Da war es zwangsläufig, dass Kuranyi für seine Flucht die Quittung bekam.

Endgültig war die Entscheidung gefallen, als sein Berater Roger Wittmann im DSF erklärte, rein sportliche und keinerlei private Gründe seien für die Nacht-und-Nebel-Aktion verantwortlich.

Zwar warb Wittmann um Verständnis für Kuranyi, "der keine goldenen Löffel geklaut hat", und sein offensichtlich erschütterter Vater Kont sprach von einer "Kurzschlussreaktion".

Ändern wird das an Löws Entschluss aber nichts mehr. Er setzte damit auch ein Zeichen gegenüber anderen Unzufriedenen wie etwa Frings, sich jetzt und in Zukunft dem Erfolg der Mannschaft unterzuordnen oder die Konsequenzen ziehen.

Kapitän bringt Kritiker zum Schweigen

Unantastbar bleibt hingegen Michael Ballack, auch wenn das einige nach den Diskussionen um einen angeblich im Team isolierten Kapitän angezweifelt hatten. Der Chelsea-Star bewies gegen die Russen nicht nur wegen des Treffers zum 2 0 seinen Stellenwert als "unumstrittener Kapitän" (Löw).

Gleichzeitig zeigte er beim Jubel nach dem Tor aber auch deutlich, was er von seinen Kritikern hält, als er den Zeigefinger auf die Lippen legte. "Jeder weiß, was die Geste zu bedeuten hatte. Ich bin 32 und habe oft genug bewiesen, was ich kann", erklärte Ballack.

Kuranyi hingegen hätte an diesem Abend vielleicht besser geredet - mit dem Trainer.

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