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Kevin Kuranyi erzielte seit der WM 2006 34 Bundesligatreffer © getty

Während Franz Beckenbauer den Rauswurf von Kevin Kuranyi begrüßt, bekommt der Ex-Nationalspieler Rückendeckung von S04-Manager Müller.

Vom DFB-Team berichtet Martin van de Flierdt

Düsseldorf/Gelsenkirchen - Kevin Kuranyi spaltet Fußball-Deutschland. Das - für sich allein betrachtet - wäre keine Neuigkeit.

Denn der 26-Jährige war schon vor seinem Rauswurf aus der Nationalmannschaft umstritten, auch bei seinem Klub Schalke 04.

Einige Kritiker werden dem auf sein Äußeres stets besonderen Wert legenden Profi sogar vor, er könne mit Friseurwerkzeug mittlerweile besser umgehen als mit dem Ball.

Auch sein fluchtartiges Verschwinden aus dem Dortmunder WM-Stadion in der Halbzeit des deutschen 2:1-Erfolges gegen Russland teilt die Fußballfachleute und -anhänger des Landes in zwei Lager.

Kopfschütteln und Rückendeckung

Von Schalker Seite bekam Kuranyi volle Rückendeckung. Er könne er "zu 100 Prozent verstehen", meinte Schalkes Manager Andreas Müller:

"Irgendwann ist einfach die Geduld zuende. Ich bin überzeugt, dass Kevin seinen Schritt als Befreiung empfindet."

Andere Experten zeigen dagegen keinerlei Verständnis für die Nacht-und Nebelaktion. "So darf sich kein Nationalspieler davonschleichen. Unmöglich!", sagte etwa Franz Beckenbauer der "Bild".

"Er lässt nicht nur den Trainer im Stich, sondern auch seine Mitspieler. Eine Rückkehr kann ich mir nicht vorstellen - dazu müsste er schon auf Knien zu Jogi Löw rutschen."

Kein Zurück unter Löw

Dazu wird es nicht kommen, nicht zuletzt, weil der Bundestrainer ein Comeback des Schalkers in der DFB-Auswahl ausgeschlossen hatte.

Daran änderte auch Kuranyis telefonische Entschuldigung am Sonntagabend nichts. "Wer mich kennt, der weiß, dass meine Entscheidungen endgültig sind. Es gibt für Kevin kein Zurück mehr. Das ist definitiv", sagte Löw.

"Wenn Kevin mich am Sonntag um ein Gespräch gebeten und zurückgetreten wäre, dann hätte ich das verstanden. Ich wusste, dass meine Entscheidung für ihn schwer zu verarbeiten ist. Aber einfach abhauen, das geht nicht!"

Der Bundestrainer räumte ein, dass sich Kuranyis Aktion schon nach der Mannschaftssitzung am Samstagmittag angedeutet habe, in der der Angreifer von seiner Rückversetzung auf die Tribüne erfahren hatte.

Entschluss mit Vorgeschichte

Dass dieser Tropfen das Fass zum Überlaufen gebracht habe, behaupten nun diejenigen, die zu Kuranyi stehen. "Natürlich war die Art und Weise nicht gut, das hätte er besser machen können", erklärte sein Berater Roger Wittmann.

"Aber wir müssen auch mal die menschliche Seite sehen. Das war eine emotionale Entscheidung, die eine Vorgeschichte hat."

Nach der überraschenden Ausbootung vor der WM 2006 hatte sich Kuranyi wieder in die Nationalmannschaft zurückgekämpft, war dann aber bei der EM 2008 nur zu ein paar Kurzeinsätzen gekommen und nun vor dem Russland-Spiel aus dem 18-er-Kader gestrichen worden.

Kuranyis Bitte, daraufhin gar nicht erst zum Spiel nach Dortmund mitfahren zu müssen, hatte Löw nicht entsprochen.

Weniger Wertschätzung als andere

"So kann man mit einem Spieler nicht umgehen", sagte Andreas Müller der "Neuen Ruhr Zeitung" (NRZ).

"Kevin hat seit Jürgen Klinsmanns Amtsantritt in der Nationalmannschaft nie die Wertschätzung erfahren wie andere Stürmer, die auch mal in der Krise steckten."

Kuranyi habe nachweislich in den drei Jahren bei den "Knappen" und zuvor in Stuttgart die meisten Tore aller deutschen Nationalstürmer erzielt.

Müller wettert gegen Klose und Podolski

Auch in der DFB-Auswahl habe er wichtige Treffer wie die beiden beim 2:1-Sieg im EM-Qualifikationsspiel in Tschechien im März 2007 markiert.

"Aber Kevin ist dennoch immer wieder in Frage gestellt worden, und er hat nie eine Möglichkeit bekommen, auch mal fünf Spiele hintereinander zu machen - wie ein Klose oder Podolski. Die sind immer gesetzt, egal welche Leistung sie abliefern", wetterte Müller.

"Wenn Podolski bei Bayern nicht spielt, wird vehement Druck gemacht, damit er in der Nationalmannschaft spielt. Und da ist jetzt einer, der sich mal dagegen wehrt."

Wenn nun über den Stil des Abgangs diskutiert werde, frage er sich, wo denn der Stil der Trainer in der Vergangenheit bei Kevin Kuranyi gewesen sei.

Unterstützung in königsblau

Vereinsintern werde Kuranyi für seinen Entschluss daher nicht kritisiert, kündigte Müller an.

"Kevin hat drei Jahre lang nur Prügel bezogen. Im eigenen Klub, von den eigenen Fans, vom DFB. Und ich bin nicht bereit, ihm jetzt auch noch einen mitzugeben. Im Gegenteil", meinte der Manager.

Die Sache werde Kuranyi "einen Schub geben, von dem wir profitieren können". Denn im Gegensatz zur Nationalmannschaft genieße der Stürmer in seinem Klub das Vertrauen aller Verantwortlichen.

Auch das eigene Publikum, das Kuranyi sehr kritisch betrachtet, nimmt Müller in die Pflicht. "Diejenigen, die gepfiffen haben, müssen sich fragen, wie sie zur jetzigen Situation beigetragen haben", meinte er im "kicker". "Unsere Fans werden ihn nach der Entscheidung, die er getroffen hat, nun noch mehr unterstützen."

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