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Bundestrainer Joachim Löw (r.) findet warme Worte, aber keinen Platz mehr für Ballack. Dessen Karriere auf internationalem Parkett bleibt damit unvollendet - oft scheiterte "der ewige Zweite" nur ganz knapp vor dem großen Ziel
Das vorerst letzte gemeinsame Finale: Ballack und Löw beim EM-Endspiel 2008 © Imago

Während der Frust über das WM-Aus von Michael Ballack bei Experten und Fans groß ist, richtet Joachim Löw den Blick nach vorne.

Von Sizilien berichtet Martin Volkmar

Sciacca - Die deutschen Ambitionen auf den vierten WM-Titel haben am Montag einen herben, wenn nicht sogar entscheidenden Rückschlag erlitten.

Mit dem Ausfall von Michael Ballack, der nach einem Riss des Innenbandes und einem Teilriss des vorderen Syndesmosebandes im rechten oberen Sprunggelenk die Weltmeisterschaft in Südafrika verpasst, ist der Worst Case eingetreten.

Entsprechend groß war die Bestürzung in Fußball-Deutschland über das Aus des eigentlich als unersetzlich geltenden DFB-Kapitäns.

Völler: "Brutal und furchtbar"

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"Das ist brutal, furchtbar für Michael", sagte Ballacks ehemaliger Teamchef Rudi Völler. "Es gibt Spieler, die kann eine Mannschaft nur schwer ersetzen, dazu zählt sicherlich ein Michael Ballack."

Ähnlich äußerten sich die meisten Experten, doch der Bundestrainer wollte sich dem allgemeinen Wehklagen nicht anschließen.

Joachim Löw machte einen gefassten Eindruck, als er am Montagmittag vor die wartende Presse im WM-Trainingslager in Sizilien trat.

Bittere Diagnose am Telefon

Zwei Stunden zuvor hatte ihm Mannschaftsarzt Hans-Wilhem Müller-Wohlfahrt telefonisch die bittere Diagnose übermittelt, nachdem er Ballacks durch den Tritt von Kevin-Prince Boateng im FA-Cup-Finale verletzten Knöchel per Kernspintomografie untersucht hatte (Reaktionen: "Boateng kann's einfach nicht lassen").

"Natürlich sind wir alle darüber sehr, sehr traurig, weil Michael unser Kapitän und ein Weltklasse-Spieler ist, der immer eine tragende Rolle bei uns gespielt hat. Daher waren wir natürlich geschockt, keine Frage", erklärte Löw.

"Aber für uns heißt es jetzt, die Kräfte zu bündeln und nach vorne zu schauen. Von Resignation kann keine Rede sein. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass wir eine gute WM spielen werden."

Dies teilte Löw auch den anwesenden 15 der jetzt nur noch 26 WM-Kandidaten mit, als er ihnen vor dem Vormittagstraining die bittere Nachricht vom WM-Aus ihres Spielführers überbrachte.

"Junge Spieler müssen über sich hinauswachsen"

"Wir müssen jetzt daran arbeiten, dass die jungen Spieler in diese Rolle reinwachsen und bei der WM über sich hinauswachsen", meinte er.

"Es ist kein Geheimnis, dass die Mannschaft mit Michael Ballack in guter Form besser ist als ohne ihn. Aber wir haben vor allem bei den jüngeren Spielern haben wir viel Potenzial."

Für Ballack war das alles an diesem wohl schwärzesten Tag seiner Karriere kein Trost. Die WM in Südafrika wäre wohl die letzte für den 33-Jährigen gewesen, der 2002 als Zweiter und 2006 als Dritter den Titel jeweils nur knapp verpasst hatte.

"Ich bin sauer, ganz klar. Das ist enttäuschend. Wenn man zwei, drei Wochen vor der WM so eine Diagnose erhält, dann ist das bitter", sagte Ballack in einer ersten Reaktion.

Ballack am Boden zerstört

Dementsprechend am Boden zerstört war der Mittelfeldspieler, berichtete Löw vom Telefonat am Morgen: "Natürlich war er zutiefst enttäuscht. Denn er hatte mit aller Energie darauf hingearbeitet, eine erfolgreiche WM zu spielen."

Nachdem eine erste Röntgen-Untersuchung schon am Samstagabend einen Bruch ausgeschlossen hatte, war der Bundestrainer am Sonntag noch sehr zuversichtlich gewesen und hatte auf nur wenige Tage Trainingspause gehofft.

Zur genauen Abklärung hatte sich Ballack nach Rücksprache mit dem FC Chelsea und aufgrund des drohenden Flugverbots über London wegen der Vulkanaschewolke entschieden, noch am Sonntagabend mit einem Privatjet nach München zu reisen.

Zukunft im DFB-Team und bei Chelsea offen

Nach der ernüchternden Diagnose könnte seine Laufbahn in der DFB-Auswahl nach 98 Länderspielen beendet sein, und auch sein Verbleib bei den Blues ist fraglich. Die eigentlich fürs Wochenende vorgesehenen Gespräche über eine Verlängerung des auslaufenden Vertrags wurden vorerst vertagt.

Der englische Double-Gewinner könnte zwar in der Vorbereitung zur nächsten Saison wieder mit Ballack rechnen, allerdings wird er laut Müller-Wohlfahrt mindestens acht Wochen ausfallen.

Sein Knöchel wird nun vier Wochen mit einem Gips ruhiggestellt, danach soll eine weitere Ruhigstellung für zwei Wochen in einem Spezialschuh erfolgen. Dennoch möchte Ballack die deutsche Mannschaft noch in dieser Woche im Quartier in Sciacca besuchen.

Khedira und Träsch als Alternativen

Offen ist, wer seine Position neben Schweinsteiger im defensiven Mittelfeld einnehmen wird. "Sami Kehdira hat sehr viel Potenzial, zudem haben wir noch Christian Träsch und andere junge Spieler. Daher werden wir eine gute Lösung finden", meinte Löw.

Eine Nachnominierung etwa von Thomas Hitzlsperger soll es nur geben, wenn sich einer der sieben Bayern-Spieler im Champions-League-Finale gegen Inter Mailand verletzt oder es im Trainingslager weitere Ausfälle gibt.

Kapitänsfrage noch ungeklärt

Bis dahin wird Löw wohl auch entschieden haben, wer das DFB-Team nun als Kapitän in die Endrunde führt. Favoriten sind Philipp Lahm (64 Länderspiele) und Bastian Schweinsteiger (73), während Miroslav Klose trotz der meisten Länderspiele (94) wegen seiner schwachen Saison eher nicht in Frage kommt.

Diese drei und Per Mertesacker (60) nannte der Bundestrainer als seine maßgeblichen Köpfe für die WM: "Sie sind in der Lage, die Führung der Mannschaft zu übernehmen."

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