Der Spießrutenlauf, den Kevin-Prince Boateng derzeit durchmacht, kommt SPORT1-Redakteur Wolfgang Kleine bekannt vor.

Boris Becker konnte sich anlässlich des Brutalo-Fouls von Kevin Prince Boateng gegen Michael Ballack auch beim Tennis-Turnier im Düsseldorfer Rochusclub nicht beruhigen. "Das war ein ganz böses, ein absolut bewusstes Foul", schimpfte der Ex-Tennisstar, "das war eine Unverschämtheit, eine absolute Sauerei!"

Für Ballack ist es eine Tragödie, der Nationalmannschafts-Kapitän verpasst wegen der schweren Knöchelverletzung die WM in Südafrika.

Für Sünder Kevin Boateng wurde der Fehltritt zum Spießrutenlaufen. Auf Internet-Plattformen wird der Profi vom Premier-League-Absteiger FC Portsmouth in bösen Kommentaren fast wie ein Verbrecher behandelt.

Ich denke da zurück an 1981 - an den Bremer Verteidiger Norbert Siegmann. Am 14. August gelangte der demnächst 57-Jährige beim Bundesliga-Spiel zwischen Werder Bremen und Arminia Bielefeld zur traurigen Berühmtheit.

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Siegmann war in seinen Bielefelder Gegenspieler Ewald Lienen hineingegrätscht. Mit den Stollen seines Schuhs hatte er Lienens Oberschenkel aufgeschlitzt. Der heutige Coach des Zweitligisten 1860 München krümmte sich am Boden, schaute auf die 25 Zentimeter lange, tiefe Fleischwunde. Der Knochen war zu sehen.

Lienen stand auf, fiel wieder hin, sprangt auf und beschimpfte Werder-Coach Otto Rehhagel. Der habe Siegmann zu dem schlimmen Foul angestachelt.

Spieler und Zuschauer waren geschockt. Doch dann kam das, was letztlich zur Eskalation beigetragen hat: Der Schiedsrichter zeigte statt der Roten Karte dem Bremer nur Gelb. So wie auch Kevin Boateng nach dem Brutalo-Foul gegen Ballack nur die Gelbe Karte sah. Statt Platzverweis nur eine Verwarnung.

Das brachte viele Fans in Rage. Die Sünder - damals Siegmann, jetzt Boateng - erhielten nicht die verdiente und in den Augen der Fans auch gerechte Strafe.

Für die private "Lynchjustiz" war scheinbar der Weg frei. Norbert Siegmann wurde nach seinem schlimmen Fehltritt am Telefon tagelang übelst beschimpft bis er sich letztlich regelrecht versteckte.

Immer, wenn danach ein bösartiges Foul im Fußball geschah, klingelte auch später bei Siegmann das Telefon.

Die physische Wunde ist bei Ewald Lienen geheilt, nachdem sein Bein damals mit 23 Stichen genäht wurde und er einige Tage im Krankenhaus verbrachte.

Die psychische Wunde bei "Schlitzer" Norbert Siegmann ist dagegen noch immer nicht verheilt. 1986 musste er seine Karriere beenden. Er reiste danach um die Welt und besuchte das Yoga-Zentrum Rishikesh. Seitdem ist Siegmann bekennender Buddhist.

Wolfgang Kleine hatte als Journalist seine Feuertaufe bei der Fußball-WM 1974 in Deutschland. Danach wurden für ihn zahlreiche Handball-Spiele, die Berichterstattung vom Leichtathletik-Europacup 1979 und die Begleitung der Tour de France 1996 sowie 1997 unvergessliche Erlebnisse. Aber eines bleibt besonders in Erinnerung: Das Wintermärchen der Olympischen Spiele 1994 in Lillehammer.

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