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Christian Träsch wird bei der WM in Südafrika ausfallen © getty

Der Stuttgarter verabschiedet sich aus dem Trainingslager der Nationalmannschaft, nachdem die ersten Münchner eingetroffen sind.

Vom DFB-Team berichtet Martin van de Flierdt

Girlan ? Kurz vor dem Mittagessen setzte sich Lukas Podolski auf der Terrasse des Mannschaftshotels.

Ein platter Reifen auf der morgendlichen Mountainbike-Tour hatte den Kölner zur vorzeitigen Rückkehr ins Hotel Weinegg gezwungen.

Eine Lappalie, verglichen mit dem, was anderen deutschen Nationalspielern in diesen Tagen passiert. "Der Träsch, muss der jetzt nach Hause?", fragte Podolski, der die schlechte Nachricht bei seiner Abfahrt offenbar noch nicht gekannt hatte.

"Ja", antwortete Bundestrainer Joachim Löw, ehe er seinem Gesprächspartner anschließend mit vollem Körpereinsatz am Geländer zum Hoteleingang die unglücksselige Grätsche demonstrierte, die Christian Träsch die WM-Teilnahme kostet.

"Es hat knacks gemacht"

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"Ich wollte den Ball stoppen und bin vom nassen in den trockenen Rasen gekommen", beschrieb der Unglücksrabe selbst später die betreffende Szene in der 8. Minute des Testspiels gegen den FC Südtirol (4:0).

"Der Fuß ist stehen geblieben und ich bin mit dem vollen Gewicht darübergeknickt. Es hat knacks gemacht, daher war damit zu rechnen, dass es etwas Schlimmeres ist."

Die Diagnose von Mannschaftsarzt Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt bestätigte die Befürchtungen. "Er hat am Montagabend gesagt, dass die Kapsel eingerissen und ein dicker Bluterguss da ist. Von daher sei es nicht möglich zu spielen", berichtete Träsch.

Sechs Wochen nicht spielfähig

Zwei Wochen komplette Trainingspause und vier Wochen Reha-Arbeit liegen zwischen dem 22-Jährigen und seiner Rückkehr auf den Platz. Dann wird die WM schon in den letzten Zügen sein.

"Natürlich ist das eine riesige Enttäuschung und sehr bitter?, gab er zu. ?Aber es ist anderen Leuten wie Michael Ballack auch passiert. Man muss nach vorne schauen. Ich werde daran arbeiten, dass ich bei der nächsten EM wieder dabei bin."

Die Perspektive ist durchaus gegeben. "Wir bedauern alle seinen Ausfall", meinte Assistenztrainer Hansi Flick am Dienstag. ?Er hatte im Training überzeugt und wäre im endgültigen WM-Kader gewesen.?

Engpass auf der Sechs

Träsch wurde nach dem Mittagessen von seinen Mannschaftskollegen verabschiedet und machte sich dann auf den Heimweg.

Nach Ballack, Rene Adler und vor der WM schon Simon Rolfes ist der Stuttgarter der vierte verletzungsbedingte Ausfall, den Löw verkraften muss. 239581(DIASHOW: Binde sucht starken Arm)

"Damit sind wir genug gestraft", meinte Flick. "Deshalb glauben wir, dass jetzt nichts mehr passiert." Auf eine Nachnominierung verzichten Löw und sein Trainerteam.

"Wir haben einen großen Kader und verschiedene Spieler, die auf der Sechs spielen können", begründete Flick, warum Nachrückerkandidaten für die nun schon von Ballack, Rolfes und Träsch geräumte Mittelfeldzentrale kein Thema sind.

Planspiele mit Westermann und Aogo

An Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira geht nach wie vor kaum ein Weg vorbei. Flick brachte als verbliebene mögliche Vertreter nun Heiko Westermann und Dennis Aogo ins Spiel und "dazu noch die eine oder andere Variante, die wir im Kopf haben."

Dass in diesen Überlegungen Philipp Lahm eine gewichtige Rolle spielt, liegt auf der Hand.

Der Münchner, erster Anwärter auf die verwaiste Kapitänsbinde, spielte diese Rolle bereits im August 2007 beim 2:1-Erfolg in England in herausragender Manier.

Er wird wie Bastian Schweinsteiger und Jörg Butt allerdings erst am Mittwoch in Girlan erwartet, während ihre Münchner Klubkameraden Miroslav Klose, Mario Gomez, Thomas Müller, Holger Badstuber am Dienstagmorgen in Südtirol eintrafen.

Neue Situation im "WM-Casting"

Die neue Situation und das Gedankenspiel mit Lahm verbessert nun die Möglichkeiten der Außenverteidiger Andreas Beck, Jerome Boateng und Dennis Aogo, auch im 23 Mann starken endgültigen WM-Aufgebot mit dabei zu sein.

Flick dürfte den Namen Aogos kaum in öffentliche Planspiele gesetzt haben, wenn er noch zu den Streichkandidaten zählte. Dass sein Hamburger Klubkollege Boateng nicht nur rechts und innen verteidigen kann, sondern zur Not ebenfalls eine Option für das defensive Mittelfeld ist, wird ihm nicht zum Nachteil gereichen.

Lahm in die Mitte?

Muss Lahm aufgrund weiterer Unvorhersehbarkeiten in die Mitte umziehen, bestünde Bedarf an einem Rechtsverteidiger mit Offensivdrang, den Beck verkörpert.

Christian Träsch muss sich mit diesen Überlegungen nicht mehr befassen. Für ihn findet die WM vor dem Fernseher statt.

"Ich drücke jetzt die Daumen", sagte er noch, bevor er ins Auto stieg, "und hoffe, dass der Pokal nach Deutschland kommt."

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