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Philipp Lahm (l.) erzielte das erste Tor der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland © imago

Joachim Löws Entscheidungen über den neuen Kapitän und die Nummer eins sollen gefallen sein. Verkündet werden sie erst Freitag.

Vom DFB-Team berichten Martin van de Flierdt und Julian Meißner

Girlan/München - Seinen Favoriten für das Kapitänsamt in der Nationalmannschaft nach dem Ausfall Michael Ballacks hat Joachim Löw schon länger im Hinterkopf, nun ist die heiß diskutierte Personalentscheidung offenbar durchgesickert.

Nach übereinstimmenden Medienberichten hat Bayern-Verteidiger Philipp Lahm das Vertrauen des Bundestrainers und wird das DFB-Team bei der WM in Südafrika anführen.

Er wolle "vorangehen und den Glauben und die Überzeugung vermitteln, dass wir eine sehr erfolgreiche WM spielen werden", sagte Lahm noch vor der Abreise ins Trainingslager in Südtirol der "Bild" über seine Rolle im DFB-Team.

Lahms ehemaliger Teamkollege Oliver Kahn ist allerdings nicht ganz davon überzeugt, dass der Verteidiger die beste Lösung auf dem vakanten Posten des Kapitäns ist.

Kahn: Lahm muss Führungsqualitäten beweisen

"Philipp ist ein klasse Fußballer", meint Kahn in der "Münchner tz" über Lahm. "Aber ich weiß nicht, ob er dieser Aufgabe gewachsen ist. Das muss er erst zeigen, erst beweisen."

Für Lahm spräche zwar einerseits, dass der Bayern-Spieler sehr viel Erfahrung hat, doch Kahn ist sich unsicher, ob "Lahm während des Turniers Führungsqualitäten" besitzt.

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Dass Bastian Schweinsteiger nun stattdessen die Kapitänsbinde bekommen soll, ist für Kahn aber nicht von Belang: "Egal ob als Kapitän oder nicht: Ihm wird sicherlich eine sehr große Rolle bei der WM zukommen."

Offiziell verkündet wird Löws Entscheidung am Freitag, einen Tag vor dem Länderspiel in Ungarn.

Der "Bild" zufolge hat sich der Bundestrainer auch auf der Torhüterposition entschieden: Der Schalker Manuel Neuer soll demnach die Nummer eins sein.

K- und T-Frage nur noch nicht publik

Die Entscheidungen, wer Ballack als Kapitän vertritt und wer zwischen den Pfosten stehen wird, hatte Löw schon am Pfingstsonntag getroffen.

"Wir sind soweit klar. Aber ich werde es erst bekanntgeben, wenn alle hier vor Ort sind", hatte der Bundestrainer gesagt. "Es ist meine Pflicht, erst mit den Spielern zu sprechen, die es betrifft."

Nachdem am späten Mittwochvormittag mit Lahm, Schweinsteiger und Jörg Butt auch die Nachhut aus München eingetroffen war, hatte Löw ausreichend Gelegenheit, die Thematik abschließend zu behandeln. 239581(DIASHOW: Binde sucht starken Arm)

Kandidatentrio aus München

Neben dem favorisierten Lahm waren auch Schweinsteiger und Miroslav Klose als Spielführer in Frage gekommen.

Der Kapitän müsse "integrativ und kommunikativ sein und darf nicht nur auf sich selbst schauen, sondern muss ein offenes Ohr für die Probleme anderer haben", hatte Löw das Anforderungsprofil umrissen. Hinzu kämen "viele repräsentative Aufgaben".

Klose muss nach der durchwachsenen Saison in München wohl erst einmal das Augenmerk auf die eigene Verfassung legen.

Klose in Ungarn als Kapitän?

Denkbar ist allerdings, dass der mit 94 Länderspielen erfahrenste Akteur im Kader am Samstag beim Test in Ungarn die Binde trägt.

Denn Löw erwägt, zumindest Lahm und Schweinsteiger aufgrund der hohen Belastungen in dieser Saison in Südtirol zu lassen, wo sie an ihrer körperlichen Form arbeiten können.

Für Oliver Bierhoff ist das Thema ohnehin nicht so groß wie es gemacht wird. "Letztendlich wird die Kapitänsrolle überbewertet", sagte der Teammanager, der selbst von 1998 bis 2001 DFB-Kapitän war.

"Es ist nicht so, dass der Kapitän der Nationalmannschaft der alles Entscheidende ist, alles vorwegnimmt und die anderen nur hinterherlaufen." Vielmehr müssten alle "in einer Reihe gehen".

"Man ist natürlich aufgrund seiner Erfahrung besonders in schwierigen Situationen gefordert, die Mannschaft ein bisschen zu führen", räumte Bierhoff ein. "Aber das schafft man nie alleine, ein Ziel erreicht man nur gemeinsam."

Warnende Worte von Ballack

Unterdessen hat sich der verletzte Ballack noch einmal deutlich zu Wort gemeldet.

Der 33-Jährige warnte in einem Interview mit dem "Stern" die deutsche Öffentlichkeit vor einer überzogenen WM-Anspruchshaltung.

"Schon nach der Auslosung hatte ich gesagt: Die Leute sollten wissen, dass du in der Vorrunde gegen jeden verlieren kannst. Australien, Serbien, Ghana, das sind athletische, robuste Teams", meinte Ballack.

Leistung im Grenzbereich nötig

Überstehe die deutsche Auswahl die Gruppenphase, müsse das Team "am Limit spielen, um in der K.o.-Runde große Nationen zu schlagen. Das war vor meinem Ausfall so, das ist jetzt immer noch so."

In Deutschland werde dennoch ein großer öffentlicher Druck auf die Mannschaft ausgeübt.

"Furchtbar ist das als Mannschaft, wenn erst ab dem Halbfinale ein Turnier zu genießen ist", schildert Ballack, der die WM aufgrund einer Bänderverletzung im Sprunggelenk verpasst.

"Alles andere bedeutet Versagen. Das treibt dich zwar, es pusht dich, aber es ist auch ein gnadenloses Spiel." Respekt bekämen in Deutschland nur siegreiche Sportler.

Lahm ist allerdings zuversichtlich, Deutschland könne auch nach der Verletzung Ballacks nach der Krone des Weltfußballs greifen: "Wir sind eine Turniermannschaft und haben immer die Qualität, den Titel zu gewinnen."

"Mannschaft hat eine gute Mentalität"

Löws Auswahl, die ein Trainingsspiel am Mittwochabend gegen eine Regionalauswahl mit 24:0 gewann, traut er trotz der verletzungsbedingten Rückschläge und der flickenteppichartigen Vorbereitung aber ein gutes Abschneiden in Südafrika zu.

"Unsere Mannschaft hat eine gute Mentalität, sie wird sich nicht verstecken, sie wird sich reinhauen, an die Leistungsgrenze gehen", kündigte Ballack an.

"Joachim Löw wird das Optimum herauskitzeln, davon bin ich überzeugt. Bei den letzten Turnieren wurden wir Zweiter und Dritter, warum soll so etwas nicht wieder klappen?"

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