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Jogi Löw (z.v.r.) geht in sein erstes WM-Turnier als Cheftrainer © getty

Der souveräne 3:0-Erfolg der deutschen Nationalmannschaft in Ungarn stellt Bundestrainer Joachim Löw nur teilweise zufrieden.

Aus Budapest berichtetMartin van de Flierdt

Budapest ? Das reine Ergebnis liest sich ordentlich.

3:0 (1:0) hatte die deutsche Nationalmannschaft ihr vorletztes Testspiel für die WM in Südafrika gegen Ungarn gewonnen. Dabei hatte sie in der Rückwärtsbewegung gegen allerdings harmlose Gastgeber kaum etwas zugelassen. (DATENCENTER: Der WM-Spielplan)

Dass Bundestrainer Joachim Löw aber weitaus höhere Ansprüche an seine Mannschaft stellt als diese in Budapest zu erfüllen in der Lage war, war dennoch für jeden der 20.000 Zuschauer im Ferenc-Puskas-Stadion offensichtlich.

Chancenverwertung mangelhaft

Denn kaum schlichen sich nach guten ersten 25 Minuten die ersten Ungenauigkeiten im Passspiel ein, stand Löw an der Seitenbande, gestikulierte, rief Anweisungen quer über den Platz und drehte sich immer wieder enttäuscht ab.

"Wir haben vieles gut gemacht, in der Organisation, im Spiel nach vorne", meinte der 50-Jährige nach dem Spiel. "Wir haben gut kombiniert, aber mit der Chancenverwertung bin ich keineswegs zufrieden. Wir hatten vier, fünf Riesenchancen."

Auch Arne Friedrich, der an seinem 31. Geburtstag in der Innenverteidigung den Platz neben Per Mertesacker zugesprochen bekommen hatte, räumte ein, dass "wir zur Pause eigentlich viel höher führen" müssen. 239581(DIASHOW: Die deutschen Kapitäne)

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Nach dem frühen Elfmetertor von Lukas Podolski (5.), der mit nun 38 Länderspieltreffern zum alleinigen Neunten der ewigen DFB-Torjägerliste aufstieg, hatte die deutsche Mannschaft gleich mehrfach die Gelegenheit, sehenswerte Spielzüge mit weiteren Treffern abzuschließen.

Doch allein Mesut Özil, der im 4-1-4-1 mit seinen Nebenleuten Toni Kroos und Piotr Trochowski sowie Hintermann Sami Khedira gut harmonierte, ließ vor der Pause drei Großchancen aus.

4-4-1-1 bei gegnerischem Ballbesitz

Der Bremer blieb als einziger des offensiven Mittelfeldquartetts auch bei gegnerischem Ballbesitz vorne, während sich die übrigen drei auf die Höhe Khediras zurückzogen.

Der Stuttgarter, der immer wieder aus der Tiefe in die Spitze durchgestartet war, kehrte nach dem Seitenwechsel nicht mehr auf den Platz zurück: "Ich habe muskulär etwas verspürt und bin deshalb in der Halbzeit rausgegangen."

Bis dahin hatte er Löw überzeugt. "Sami Khedira hat sehr gut gespielt", urteilte der Bundestrainer. "Es war schade, dass er raus musste. Aber ich wollte kein Risiko eingehen." 241981(DIASHOW: Das DFB-Formbarometer)

Khediras Verhärtung im linken Oberschenkel eröffnete Dennis Aogo die unverhoffte Gelegenheit, sich als Option im defensiven Mittelfeld anbieten zu dürfen.

Aogo auf der Sechs

"Es ist ungewohnt gewesen. Ich habe über ein Jahr nicht mehr auf dieser Position gespielt", meinte der Hamburger, auf dessen angestammter Linksverteidigerposition Heiko Westermann den Vorzug erhalten hatte.

"Aber es ist ein gutes Zeichen, dass der Trainer mir vertraut und mich ins kalte Wasser. Das ist für mich ein Indiz dafür, dass er meinen fußballerischen Qualitäten ein Stück weit vertraut."

Löws Vertrauen rechtfertigten auch die eingewechselten Torschützen Mario Gomez (68.) und Cacau (73.) sowie Marko Marin, der nicht nur mit seiner Vorarbeit zum 2:0 Pluspunkte sammelte.

Klose bleibt gelassen

Mit Ausnahme von Kapitänsvertreter Miroslav Klose tankten alle Stürmer mit Toren Selbstvertrauen, denen Löw in Budapest die Möglichkeit dazu gab. Der WM-Torschützenkönig von 2006 nahm?s locker: "Ich weiß, dass ich schon noch einiges tun muss."

Das gilt auch für Marcell Jansen, der nach siebenwöchiger Spielpause in der letzten halben Stunde zum Einsatz kam.

"30 Minuten Spielzeit waren genau richtig, um zu beißen und zu schauen, was geht", meinte der Hamburger, den ein Syndesmosebandriss weit zurückgeworfen hatte. "Ich bin mehr als zufrieden. Ich konnte mich normal bewegen und draufgehen. Es hat nichts wehgetan."

Auch Löw hatte "nicht gesehen, dass Marcell Jansen größere Probleme hatte. Ich werde jetzt noch einmal mit ihm und den Ärzten sprechen. Die WM ist eine hohe Belastung. Aber wenn Marcell fit ist, ist er wichtig für uns."

Podolski ins zentrale Mittelfeld

Mit der Einwechslung Jansens wechselte Podolski neben Aogo in die Mittelfeldzentrale, Löw stellte auf 4-4-2 um.

"Die Position im defensiven Mittelfeld ist für mich kein Problem", meinte der Angreifer. "Dort habe ich in Köln auch schon gespielt. Ich bin jetzt sechs Jahre dabei und gehöre hier nun einmal zu denjenigen, die vorneweg gehen."

Im Tor verlebte unterdessen Manuel Neuer einen ruhigen Abend. "Er hat seine Sache sehr gut gemacht", lobte Löw. "Er hat zwar nicht viel auf das Tor bekommen, aber er hat immer gut mitgespielt."(EINWURF: Gelungene Diplomatie)

Badstubers seltsame Reaktion

Mit Holger Badstuber ermöglichte der Bundestrainer in der Schlussphase dem 39. Debütanten seiner Ägide die Länderspielpremiere. Ein Umstand, der die Laune des Münchners offenbar nicht besserte.

Selten ist ein Länderspielneuling wie Badstuber im Ferenc-Puskas-Stadion nach dem Spiel stieren Blickes und ohne die geringste Gesprächsbereitschaft an den mitgereisten Journalisten vorbeigelaufen.

Casting-Entscheidung am Dienstag

Womöglich weiß der 21-Jährige schon Genaueres bezüglich des WM-Castings.

"Wir werden uns am Sonntag und Montag mit dem Trainerstab zusammensetzen und am Dienstag den Kader bekannt geben", kündigte Löw an. "Natürlich wird es den betreffenden Spieler wehtun, aber es können leider nur 23 mitfahren."

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