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Lothar Matthäus bestritt 150 A-Länderspiele für das deutsche Team © imago

Lothar Matthäus traut der DFB-Elf den Sprung ins Halbfinale zu, jedoch verweist er im SPORT1-Interview auch auf Schwächen.

Von Mathias Frohnapfel

München - 25 Spiele bei fünf Weltmeisterschaften: Diese Bestmarke von Lothar Matthäus ist bis heute unübertroffen.

Auch beim letzten deutschen Triumph 1990 in Italien spielte der Rekordnationalspieler als Spielführer eine entscheidende Rolle (239581DIASHOW: Deutsche WM-Kapitäne). Im SPORT1-Interview lässt sich Matthäus aber eher ungern auf den Vergleich mit dem Team von damals ein.

Wesentlich lieber analysiert er die Stärken und Schwächen der DFB-Elf und geht auch auf mögliche Knackpunkte in der Viererkette ein. Der 49-Jährige spricht auch über persönliche Erlebnisse in Afrika und die Suche nach dem WM-Superstar.

SPORT1: Herr Matthäus, was trauen Sie Deutschland in Südafrika zu?

Lothar Matthäus: Deutschland zählt für mich nicht zu den Topfavoriten, hat aber die Chance, das Halbfinale zu erreichen. Die Mannschaft präsentiert sich sehr gut. Das Halbfinale wäre schon ein großer Erfolg und wer im Halbfinale steht, kann auch die Weltmeisterschaft gewinnen.

SPORT1: Viele ziehen aufgrund der Spielstärke schon erste Parallelen zwischen dem Erfolgs-Team 1990 und der heutigen Truppe. Welchen Eindruck haben Sie?

Matthäus: 1990 hatten wir etwas mehr Routine und auch stärkere Einzelspieler. Die Mannschaft ist sicher spielstark, weist aber einige Probleme in der Defensive vor, die hatten wir damals nicht. Wir hatten einige gestandene Spieler, die auch international schon einiges vorweisen konnten. Man sollte aber überhaupt keine Mannschaften miteinander vergleichen, finde ich.

SPORT1: Damals gab es dribbelstarke Spieler wie Thomas Häßler und Pierre Littbarski, heute könnten Mesut Özil und Marko Marin in ähnliche Rollen schlüpfen.

Matthäus: Nochmal: Vergleiche sind meiner Meinung nach nur bei Journalisten üblich. Man kann keine Teams miteinander vergleichen, weil es zum einen nicht die gleichen Spieler sind und zum anderen sich der Fußball innerhalb der letzten 20 Jahre auch verändert hat.

SPORT1: Sie haben die Abwehr als eine mögliche Schwachstelle angesprochen. Gilt das eher für die Außen- oder Innenverteidiger? (SPORT1-Teamcheck: Die Abwehr)

Matthäus: Das gilt sicher nicht für Philipp Lahm. Alle anderen haben kein überragendes Jahr gespielt - auch Per Mertesacker nicht. Ich hoffe, dass er seine Form findet. Arne Friedrich ist mit Hertha abgestiegen, er ist gewiss auch nicht zufrieden. Die beiden müssen sich in der Innenverteidigung finden. Noch ist ja unklar, wer außer Lahm als Außenverteidiger spielen soll.

SPORT1: Holger Badstuber hat zuletzt im Test gegen Bosnien auf dieser Position gespielt, gilt allerdings als weniger stark, wenn es darum geht, die Offensive anzukurbeln. Nun denkt Bundestrainer Joachim Löw auch über Marcell Jansen als Kandidaten nach. Muss er diese Entscheidung auch vom Gegner abhängig machen?

Matthäus: Ich denke, er hat Variationsmöglichkeiten. Jansen ist ein gelernter Linksverteidiger mit offensiven Qualitäten. Badstuber ist eigentlich ein Innenverteidiger. Ich sehe ihn nicht als Linksverteidiger, das ist eher eine Notlösung wie auch beim FC Bayern.

SPORT1: Sie haben gesagt, dass nach dem Ausfall von Michael Ballack andere Spieler gefordert sind. Wie lange wird es dauern, bis sich das Team neu einstellt?

Matthäus: Die Mannschaft hat ja schon im Spiel gegen Bosnien gezeigt, dass es auch ohne Michael geht. Die Position, die Michael spielte, wird von Khedira nicht nur ausgefüllt, sondern auch gut ausgefüllt. Die Ansätze sind da. Ich glaube, dass auch einige Spieler, die sich früher hinter dem Kapitän verstecken konnten, jetzt Verantwortung übernehmen müssen.

SPORT1: Das trifft auch auf Bastian Schweinsteiger zu, der bei Bayern eine außerordentliche Saison gezeigt hat, oder?

Matthäus: Bastian hat sich sicher in den Leistungen stabilisiert. Ich erwarte noch etwas mehr Torgefährlichkeit von ihm, nicht nur bei Elfmetern. Es wäre das I-Tüpfelchen für ihn, wenn er aus dem Spielgeschehen mehr Tore machen könnte.

SPORT1: Sie waren als Aktiver bei fünf Weltmeisterschaften dabei, kennen den Druck vorm Auftaktspiel bestens. Sind die Australier für Deutschland ein dankbarer, da berechenbarer Gegner? (Der WM-Spielplan)

Matthäus: Ich denke, dass die Nationalelf alles über jeden Gegner weiß. Australien hat natürlich nicht den ganz großen Namen, aber die deutschen Spieler stehen auch unter einer psychischen Belastung. Die Australier haben ihrerseits nichts zu verlieren, das macht sie brandgefährlich.

SPORT1: Wird die WM darunter leiden, dass so viele Topstars wie Michael Ballack, Didier Drogba oder der englische Kapitän Rio Ferdinand verletzt fehlen?

Matthäus: Das schmerzt natürlich den Fußballfan, der sich auf die besten Spieler freut. Es sind so viele Spieler ausgefallen wie wahrscheinlich noch nie zuvor, das ist schade für eine WM.

SPORT1: Wer könnte nun der Topstar werden?

Matthäus: Es wird ein Spieler sein, der mit seiner Mannschaft in dem Turnier ganz weit kommt. Wahrscheinlich also ein Spieler, der mit seinem Team im Endspiel steht. Da ich das aber nicht weiß, will ich da keine Vorhersage machen.

SPORT1: Wird Lionel Messi herausragen, falls Maradona für ihn und sein Spiel die richtige Position findet?

Matthäus: Wir wissen, welche fußballerischen Möglichkeiten Messi hat, aber wie gesagt, was bringt es, falls Argentinien in der ersten Runde rausfliegen sollte?

SPORT1: Sie waren vor kurzem in Afrika, haben sich bei einer Benefizaktion in Malawi engagiert. Was trauen Sie den afrikanischen Teams zu?

Matthäus: Es ist für sie die erste Weltmeisterschaft auf dem eigenen Kontinent, das ist eine zusätzliche Motivation. Die Afrikaner haben spielerisch starke Mannschaften, technisch gute Einzelspieler. Häufig fehlt ihnen aber das Teamwork während eines ganzen Turniers. Die meisten afrikanischen Teams haben auch schwache Torhüter, das könnte auch ein Manko sein. Trotzdem rechne ich mit einer afrikanischen Mannschaft, die ins Halbfinale kommt. Welche, ist aber schwer zu sagen.

SPORT1: Wie haben Sie die Fußballbegeisterung in Afrika wahrgenommen?

Matthäus: In einem Fußballland wie Ghana oder Kamerun erwartet man so etwas, aber ich war in Malawi, es ist eines der ärmsten Länder in Afrika. Dann ist es umso schöner, wenn man bei diesen armen Menschen solch eine Fußballbegeisterung erlebt. Sie haben mit vielen, vielen Problemen zu tun, da ist der Fußball auch eine willkommene Ablenkung.

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