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Klaus Augenthaler (l.) wurde mit dem DFB-Team 1990 in Rom Weltmeister © getty

Vorm ersten deutschen Vorrundenspiel spricht SPORT1-WM-Kolumnist Klaus Augenthaler über Chancen, Erwartungen und Gegner.

Von Christian Paschwitz

München - Nur 27 Mal hat Klaus Augenthaler für die deutsche Nationalmannschaft gespielt.

Allerdings waren es fast allesamt wichtige Spiele, wie bei der WM 1986 in Mexiko oder 1990 in Italien, als der Ex-Bayern-Profi mit dem DFB-Team Weltmeister wurde.

Für das Turnier in Südafrika glaubt Augenthaler Schwarz-Rot-Gold aber nicht unbedingt im Kreis der Titelanwärter. (der WM-Spielplan)

"Der Start wird ganz, ganz wichtig", sagt der SPORT1-WM-Kolumnist im Interview vor der Auftakt-Partie gegen Australien (So., 20 Uhr im LIVETICKER).

Was die Abwehr angeht, sieht der Trainer der SpVgg. Unterhaching die Rolle des unerfahrenen Dennis Aogo problematisch und weiß ""nicht, ob das ausreicht". (SPORT1-Teamcheck: Teil 1 - Die Abwehr; Teil 2 - Das Mittelfeld; Teil 3 - Der Angriff)

Dafür nimmt "Auge" Bastian Schweinsteiger in die Pflicht.

SPORT1: Viele Fans schwärmen noch immer vom Sommermärchen 2006. Ist die Erwartungshaltung ans deutsche Team nun noch größer als eh schon?

Klaus Augenthaler: Nein, ich glaube, 2006 war der Druck viel, viel größer, weil Deutschland vor eigenem Publikum gespielt hat. Es war eine Heim-WM. Jetzt aber haben wir eine junge Mannschaft. Es sind auch Spieler dabei, die internationale Erfahrung haben. Trotzdem darf man nicht zu viel erwarten - auch wenn natürlich immer gern gesagt wird, dass Deutschland eine Turniermannschaft ist. Ich bin da lieber vorsichtig und lasse mich positiv überraschen.

SPORT1: Wann ist denn eine WM aus deutscher Sicht auch eine erfolgreiche?

Augenthaler: Es ist nicht immer die Platzierung entscheidend, die über Erfolg oder Misserfolg entscheidet. Im eigenen Land wurde Deutschland 2006 Dritter, das war in Ordnung. Eine gute WM allgemein aber ist, wenn die Mannschaft am Ende wirklich alles gegeben und gute Spiele absolviert hat. Wenn Andere also behaupten, es sei ein verkorkstes Turnier, wenn nicht mindestens Platz drei herausspringt, dann kann ich das nicht nachvollziehen.

SPORT1: Um es aber noch mal festzuhalten: Für Sie hat die deutsche Mannschaft nicht unbedingt das Zeug zum Titel?

Augenthaler: Wenn man sich die Mannschaft und den Kader anschaut und mit denen anderer Nationen vergleicht, dann darf man nicht erwarten, dass Deutschland Weltmeister wird, aber...

SPORT1: Aber?

Augenthaler: Bei so einem Turnier ist trotzdem alles möglich. Auch 1990 in Italien hatten wir eine gute Mannschaft und das Glück, dass wir nicht gegen den Gastgeber spielen mussten. In Südafrika wird der WM-Start gegen Australien ganz, ganz wichtig. Die Mannschaft würde eine Menge Selbstvertrauen bekommen, wenn sie die Australier gleich schlägt.

SPORT1: Sie sagen das, weil Sie solche Situationen selbst erlebt haben...

Augenthaler: Ja, und die Weltmeisterschaften in Mexiko 1986 und danach in Italien sind dafür auch ein gutes Beispiel. In Mexiko standen wir auch im Finale gegen Argentinien. Die Mannschaft war individuell vielleicht sogar besser besetzt als 1990, aber wir waren keine Einheit. Und so sind wir nur Zweiter geworden. Es gab eben zu viele Grüppchen. Man hatte nie das Selbstvertrauen, um zu sagen: Die schlagen wir sowieso. In Italien dagegen hatten wir vor keinem Gegner mehr Angst.

SPORT1: Kann man zwischen Ihrer Truppe von 1990 und der Mannschaft von heute gewisse Parallelen ziehen?

Augenthaler: Man kann das nicht wirklich vergleichen. Wenn man zum Beispiel schon Pierre Littbarski und Thomas Häßler nimmt: Im Gegensatz zu Mesut Özil oder Marko Marin hatten die beiden eine Menge Erfahrung. Und wie wichtig Erfahrung sein kann, hat man im letzten deutschen Spiel gegen Argentinien gesehen: Beide Mannschaften haben das Spiel da sehr ernst genommen, unterm Strich wurden uns aber die Grenzen aufgezeigt.

SPORT1: Das bedeutet?

Augenthaler: Dass wir uns gerade gegen die großen Teams enorm steigern müssen. Es heißt aber nicht, dass wir gegen diese Mannschaften keine Chance haben.

SPORT1: Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang als ehemaliger Abwehrchef die deutsche Defensive?

Augenthaler: Per Mertesacker hat zwar internationale Spiele mit Bremen gemacht, Arne Friedrich in der Innenverteidigung auch. Und Philipp Lahm ist ein erfahrener Außenverteidiger. Doch es kommt noch Dennis Aogo dazu ? und da weiß ich nicht, ob das ausreicht. Es könnte ausreichen, wenn man überzeugend in das Turnier startet.

SPORT1: Ist Australien ein dankbarer Auftaktgegner?

Augenthaler: Dankbare Gegner gibt es nicht. Gegen Australien erwartet jeder einen klaren Sieg. Wenn das Spiel knapp ausgeht oder nur 1:1, dann schwenkt wieder ganz Deutschland um und sagt, dass wir nicht über die Vorrunde hinauskommen. Man darf nicht vergessen, dass Australien mit Rhys Williams, Scott McDonald oder Harry Kewell auch zwei, drei starke Legionäre, vor allem aus England in seinen Reihen hat - und mit Mark Schwarzer dazu einen ganz hervorragenden Torwart.

SPORT1: Was zeichnet die anderen deutschen Vorrunden-Gegner aus?

Augenthaler: Die Serben sind unberechenbar - an einem guten Tag können sie jeden schlagen. Wenn es jedoch nicht so läuft, dann gibt sich das Team aber eher auf als Australien oder auch Ghana. Ghana hat im afrikanischen Fußball immer eine Rolle gespielt, viele Akteure wie zum Beispiel Muntari von Inter Mailand spielen bei Top-Vereinen. Dass die afrikanischen Mannschaften auf "ihrem" Kontinent spielen, sehe ich aber übrigens nicht als Vorteil, weil in Südafrika zurzeit ja Winter herrscht.

SPORT1: Wer ist für Sie die beste afrikanische Mannschaft?

Augenthaler: Ich glaube, dass die Elfenbeinküste den wahrscheinlichen Ausfall von Didier Drogba nicht so einfach verkraften kann, Ghana ist da wesentlich stabiler. Aber das macht diese WM ja gerade spannend und die Teams so unberechenbar.

SPORT1: Wer wird Ihrer Meinung nach der Topstar der WM?

Augenthaler: Ich denke, Argentiniens Messi hat dafür sehr gute Chancen oder auch Wayne Rooney. Der gibt immer Alles, egal ob er nun eine WM spielt oder gegen eine Drittliga-Mannschaft. Aber auch von Bastian Schweinsteiger erwarte ich eine ganze Menge: Er ist sowohl bei den Bayern als auch in der Nationalmannschaft zuletzt enorm gewachsen und hat einen ganz großen Schritt gemacht.

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